Radioaktive Gedanken

 Hans Platzgumers neuer Roman »Der Elefantenfu&szlig« beschäftigt sich mit dem Unfassbaren und Unsagbaren der atomaren Katastrophe Tschernobyls. 

Genau an dem Tag als Hans Platzgumers »Tschernobyl-Roman« veröffentlicht wurde, schob sich auch das Wort Fukushima immer mehr in die internationale Berichterstattung. Ein zynischer Zufall, der nicht zuletzt binnen kurzem eine Zweitauflage des schnell vergriffenen Romans nötig machte. Wie so oft, wenn die Realität die Fiktion mit sich rei&szligt, blieb auch hier die Rezeption eher auf das beschränkt, was auf dem Umschlag stand, der Roman an sich wurde jedoch, fast ebenso wie sein Gegenstand, zu einem »radioaktiven Märchen«. Kurz: »Der Elefantenfu&szlig« musste Fukushima weichen. Das nicht Sagbare, dem endlich eine Sprache gegeben wurde, wurde zu einem erneut nicht Sagbaren. Ironischerweise geht es in »Der Elefantenfu&szlig« jedoch genau darum. Nicht nur, weil das Gebiet um Tschernobyl selber viele Namen hat (»Zauberwald«, »Roter Wald«, »Schattenwald«), sondern weil es selber ein von »Gespenstern« behaustes Phantom darstellt. Ein (Nicht-)Ort »für Hirngespinste und Fantasien« bei dem »die Realität zur Fiktion geworden« und wo sich alle, die sich dort hinbegeben (oder die dort wohnen) per se am falschen Ort befinden. Etwa Phillipe, ein Quantenphysiker mit apokalyptischem Gottesauftrag aus Genf für den die Menschheit seit Heisenberg und Schrödinger endgültig jene Grenzen überschritten hat »innerhalb derer ihnen Gott das Leben gestattet hätte« und der deshalb seine Freundin Soraya auch gerne mal »zur Besinnung« schlägt, sieht Tschernobyl als »Gottes Zone«. In dieser »Stille, die Gott mit seinem Zorn auf uns Menschen erschaffen hat« will er mit einem letzten Akt der Katastrophe endlich zu ihrem (theologischen) Sinn verhelfen.

Den Gegenpol dazu verkörpert der frühere Kraftwerks-Energetiker und jetzige Betreiber der »einsamsten Tankstelle in Europa« Igor, der sich seit der Explosion (»Unsere Alltagswelt ist über die Quantenwelt in die Krümmung des Universums gerutscht. Ich bin mit ihr hineingerutscht.«) nur noch für Paralleluniversen interessiert und sich einem Denken »losgelöst von den drei Raumdimensionen und der Raumzeit« verschrieben hat.

In diesem Sinne ist »Der Elefantenfu&szlig« auch ein utopischer Roman, der seine Geschichte anhand unterschiedlichster Denkmuster der versuchten Konfrontation mit dem Unfassbaren erzählt. Selbst wenn sich dabei (detailliertest beschrieben) eigenhändig ein Loch in den Kopf gebohrt werden muss.

Hans Platzgumer: »Der Elefantenfu&szlig«, Innsbruck: Limbus 2011, 238 Seiten, EUR 19,80.