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Qualm

»Let’s Find Those Parrots in the Sky«

Zinnober Records

Vier Leute, zwei mit Saxofon, einer mit Bass und elektronischem Beiwerk und einer an den Drums. Zusammen lärmen und improvisieren sie drauflos. Forschen am Material, machen Musik in Echtzeit. Dokumentieren, was ihnen in gegenseitiger Aufmerksamkeit füreinander widerfahren ist. So kennt man das, wenn man sich für improvisierte und experimentelle Musik interessiert. Aus verschiedenen Richtungen kann man sich solchen Klängen nähern und versuchen, sie einzuordnen. Im Blick behalten muss man, dass viel Zeit vergangen ist, seit Cage, Coltrane, Cardew und viele andere aus sehr unterschiedlichen Milieus und von unterschiedlicher sozialer Herkunft in jeweils sehr spezifischen Ausdrucksformen ihre (musikalische) Freiheit fanden. Aus der jüngeren Gegenwart heraus lässt sich zu solchen Wissensbeständen und entsprechenden Artefakten relativ leicht ein Zugang finden. »4:33«, »A Love Supreme«, »The Great Learning« … das kann man alles (zumindest in digitalen Formaten) schnell finden, anhören und sich seinen eigenen Reim darauf machen. Und apropos »Learning«, gutes Stichwort, da kommen wir zurück zu Qualm. Unter dem Namen soll zukünftig vieles möglich sein. Zum Auftakt finden sich zunächst aber vier mittelalte (wie Gouda) Jungs zusammen, die in verschiedenen DIY-Szenen zur Musik gekommen sind und sich dort ausprobiert haben und mehr oder weniger einschlägig bekannt sind. Sie spielen oder spielten u. a. in Bandprojekten wie Zement, Horse Lords und DRNTTCKS, fabrizier(t)en dort mehr oder minder experimentellen Kraut-, Noise- oder Nicht-Rock und haben – und nun komme ich langsam zum Punkt – über das eigene Musikmachen nie die Orientierung und das Interesse an anderer Musik verloren, sind wach und neugierig geblieben und stets auf der Suche nach neuen Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten. Diesen Lernprozess dokumentieren sie auf »Let’s Find Those Parrots in the Sky«, so würde ich das einordnen. Gen-X-Punks auf der Suche nach dem Feuer. Nun qualmt es zunächst und wo Rauch ist, da ist ja bekanntlich auch Feuer. Die Flamme, die der musikalische Vierer nährt, kann sicher noch etwas Zunder vertragen, bis die Hütte wirklich brennt, aber was nicht ist, kann ja noch werden. 

Was will ich damit sagen? Der musikalisch um Freiheit ringende Austausch der vier Instrumentalisten ist durchaus spannend und unterhaltsam geraten, wirkt hier und da aber auch gehemmt. Alle Beteiligten geben acht, leihen ihren Mitspielern ein Ohr und halten die gemeinsame Sache so in der Schwebe – aber eine gewisse mit der Vielstimmigkeit auch einhergehende Rücksicht und Vorsicht überwindet das Quartett selten. Ich warte auf selbstbewusste Ausbrüche, darauf, dass einer der vier mal das Heft in die Hand nimmt, den achtsamen musikalischen Dialog verlässt und die anderen mitreißt … aber so recht traut sich das (noch) keiner der Beteiligten. Das ist ein bisschen schade, aber sicher auch lediglich Ausdruck fehlender Routine. In offenen und immer neuen Konstellationen spontane Musik zu machen und sich dabei an Grenzen und darüber hinaus zu führen, das ist eine große Herausforderung. Es ist noch kein Albert Ayler oder Peter Brötzmann vom Himmel gefallen, und auch die haben aller Erfahrung und Übung zum Trotz hin und wieder einen schlechten Tag erwischt und danebengegriffen oder uninspiriert Krach geschlagen. Das gehört dazu, Berufsrisiko. Im beispielhaften Rückgriff auf zwei Säulenheilige des Free Jazz und mit Verweis auf das per se waghalsige Arbeitsbündnis während des freien Musizierens will ich die frische Formation nicht überfordern, sondern lediglich Perspektiven andeuten, die dem Quartett nicht fremd sein werden und ihm vielleicht als Orientierung oder gar Ansporn während der Aufnahmen dienten. Denn »Let’s Find Those Parrots in the Sky« ist ein ambitioniertes erstes musikalisches Lebenszeichen von Leuten, die sich daran versuchen, freie Musik als ästhetische und soziale Praxis für sich zu entdecken und zu kultivieren. (Auch das Label ist eine Neugründung in Absicht zur künstlerischen Selbstverwaltung und Kontrolle – Hallo, FMP, Mood Records etc.). Das finde ich gut, denn in einer Gegenwart, die durch politische und wirtschaftliche Schließungsprozesse und von sozialer Spaltung geprägt ist, ist es zu begrüßen, wenn Menschen qua musikalischem Prozess für Offenheit und Fehlbarkeit eintreten und versuchen, in der kulturellen Vermischung, der stilistischen Grenzüberschreitung und (a)tonalen Abenteuerlichkeit ihren Ausdruck und ihr Glück zu finden. So gewendet ist es nicht nur wichtig, Gesten der umsichtigen Selbstermächtigung in eigener Sache zu kultivieren, sondern es ist demnach auch ein bisschen nebensächlich, ob »Let’s Find Those Parrots in the Sky«, historisch betrachtet und eingeordnet, im Schatten von sagen wir mal »The Shape of Jazz to Come« und allem, was danach noch so kam, steht, wenn man es mit dem egalitären und nicht autoritären Grundgedanken dieser Art, Musik zu machen, ernst nimmt. Nichts ist schlimmer, als die zart sich regende Zukunft unter dem Verweis auf die schwer lastende Vergangenheit zu begraben.

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
14.10.2026

Schlagwörter

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