»Fractures on the Horizon« ist James Blackshaws zweites Album, seit er nach langer Pause wieder aufgetaucht ist. Und wie beim Vorgänger »Unravelling In Your Hands«, das vor zwei Jahren erschien, gab es das Album zunächst nur in digitaler Form. Im Februar machte Blackshaw es zugänglich, die Schallplatte dazu wurde, ebenso wie das Vorgängeralbum, vor wenigen Wochen auf dem amerikanischen Label Amish Records veröffentlicht. Ich hänge am antiquierten Format, daher auch erst jetzt die Vorstellung des Albums. Das reiht sich nahtlos in die Diskografie des ehemaligen Wunderkindes ein und lässt daher auch den bittersüßen Gedanken daran wieder aufsteigen, was hätte sein können, wenn … ja, wenn vieles anders gelaufen wäre. Ich hoffe, dass ich an der (in finanzieller, nicht kreativer Hinsicht) gescheiterten Künstlerkarriere des talentierten Mr. Blackshaw stärker hänge als er selbst und ordne seine unspektakuläre Veröffentlichungspolitik als Ausdruck mittlerweile aufgeräumter Verhältnisse ein. Die Musik, wie gesagt, ist so gut wie eh und je. Blackshaw hatte und hat seinen eigenen und unverkennbaren Sound. Bestimmte Tonfolgen und Melodien weisen die instrumentalen Kompositionen für akustische Gitarre als seine aus; eine gewisse Melancholie und ein romantisches Weltverhältnis kommen zum Ausdruck. Das gilt zumindest für die 25 Minuten des Titelstücks – aber dann folgt mit »Three Interlopers« noch eine 10-minütige elektronische Drone-/Noise-Collage, wie ich sie nicht erwartet hätte. Ist er also auch noch für Überraschungen gut, der James. Bei genauerer Betrachtung lässt sich dieser Ausflug in den experimentellen »Krach« natürlich mit dem Hinweis darauf verbinden, dass es stets eine relative Nähe von (akustischer) Gitarrenmusik und freierem Lärm gab. Schon Altmeister John Fahey hatte in späteren Jahren Freude an atonalen Abenteuern, die unter anderem auf dem amerikanischen Label Table of the Elements veröffentlicht wurden und vor allem im Umfeld einer (damals) jüngeren Generation auf offenen Ohren stießen, die in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren ihren provinziellen Punk-Gewohnheiten entwuchs und sich mit dem Kanon der (zumeist akademisch geschulten) avantgardistischen Moderne und Postmoderne auseinandersetzte. Daraus entlehnte musikalische Ideen trugen sie in ihre eher nicht oder nicht nur akademisch geprägten DIY-Subkulturen hinein und aktualisierten so beides: den (Punk-)Rock und die ästhetischen Strategien im Feld der klassischen Musik. Das damit in Verbindung stehende popkulturelle Phänomen nannte sich (etwas hilflos aber durchaus bezeichnend) »Postrock« und (wenigstens) ein umtriebiger Akteur aus diesem historischen Zusammenhang ist mittlerweile selbst ein Klassiker: Jim O’Rourke. (Man kann in diesem Zusammenhang auch an Glenn Branca und seine prominentesten Schüler*innen, Sonic Youth, erinnern.) James Blackshaw ist eine Generation jünger, aber seine ästhetische Erziehung gehört in dieselbe Entwicklungslinie. Das ist sozusagen der (auch schon wieder in die Jahre gekommene) zeitgenössische Subtext von »Fractures on the Horizon«.
James Blackshaw
»Fractures on the Horizon«
Amish Records
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