Sarah Davachi hat mit »The Will of Tongues« ein neues und umfangreiches Werk veröffentlicht und kürzlich für ihre kompositorische Arbeit bei der Biennale in Venedig einen Silbernen Löwen eingeheimst. Herzlichen Glückwunsch! An den kulturellen Schnittstellen von vormals klassisch apostrophierten Kontexten und dazu querliegenden Szenen bewegt sich ja vieles, selbst in verlässlich antiquierten Gremien werden 2026 Stimmen laut, man müsse die traditionelle Unterscheidung von E- und U-Musik nun mal langsam hinter sich lassen. Hört, hört! An anderer Stelle bzw. in der Praxis ist man da schon weiter – was auch nicht ohne Verwerfungen und Widersprüche vonstatten geht. Wer heutzutage eine wie auch immer geartete (und ggf. konzeptionell gerahmte) musikalische Idee in die Welt setzt, ist ein*e Komponist*in. Die (ungeschützte) Berufs- bzw. Selbstbezeichnung trägt dann allerdings auch nicht mehr viel zur qualitativen Klärung der Frage bei, welche Musik gut und welche eher nicht so gut ist. Aber letztlich hat sie das noch nie, sondern sie verwies (und verweist zum Teil noch immer) lediglich auf einen gesellschaftlich sanktionierten sozialen Rahmen, ein akademisch gehütetes, ästhetisches Arbeitsfeld, das heutzutage jedoch auch von vielen Autodidakt*innen bestellt wird – mit ebenso mehr oder weniger Erfolg wie die klassisch ausgebildeten Kolleg*innen. Nun soll die Vorstellung des Albums an dieser Stelle nicht zur kleinen Soziologie der Kunst werden, aber Sarah Davachi ist ein gutes Beispiel für die hier angedeuteten historischen Entwicklungen. Sie hat ihr Debütalbum im Umfeld der damaligen Noise-/Drone-Szenen veröffentlicht (»Barons Court« erschien 2015 auf Students of Decay) und in den über zehn Jahren seither hat sie einschlägige akademische Abschlüsse erworben und ist also auch Komponistin im »klassischen« Sinne (geworden). Sie wandelt zwischen den Welten, die als getrennte immer noch bestehen, denn selbstverständlich ist weder, dass es Bier im Konzertsaal gibt, noch, dass im kleinen Underground-Schuppen die Klappe gehalten wird, wenn die für dortige Verhältnisse eher »untypische« Musik es erfordert. Ich übertreibe (nicht). Warum schreibe ich das hier hin? Weil ich, während ich »The Will of Tongues« anhöre, nicht wirklich die Musik in dem Sinn beschreiben kann, wie es vielleicht erforderlich wäre, denn ich bin ja selbst ein Dilettant und kein Musikkritiker. Ich habe nicht das begriffliche Besteck parat, über klassische Musik im klassischen Sinne zu schreiben. Ich kenne nur Sarah Davachi und ihre Musik – und Musik, die so ähnlich klingt. Ich kann mit Verweis auf die vor allem amerikanische Tradition der Minimal Music und des Deep Listening Ähnlichkeiten bemerken und freue mich darüber, dass die quasi-sakrale, meditative Musik nicht nur in Nischen wahrgenommen wird, in denen ich sie kennengelernt habe. Daher nochmal: »Herzlichen Glückwunsch, Sarah!«
Sarah Davachi
»The Will of Tongues«
Late Music
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