»Witch Wife in an Alien World« ist das dritte Album der finnisch-kanadischen Power-Metal-Band Smoulder, die nicht darauf reduziert werden sollte, dass ihr mit Sarah Kitteringham eine meinungsstarke und umtriebige Sängerin vorsteht, die als Szeneaktivistin u. a. Liner Notes für Reissues von Pagan Altar und Cirith Ungol verfasst hat, ein eigenes Fanzine herausbringt und Metalheads weltweit als Moderatorin bei »BangerTV« bekannt sein wird. Ihr ausdrucksstarker und beizeiten auch etwas gewöhnungsbedürftiger Gesang verleiht Smoulder ein deutliches Erkennungszeichen. Sie wirft sich mit allem, was sie hat, in die dynamisch arrangierten Songs hinein, deklamiert, schreit, flüstert und raunt und bedient so eine breite Palette an Emotionen, wie sie im fantastischen Genre des Power Metal an der verzauberten Tagesordnung sind. Drama, Drachen, dunkle Zeiten! Wenn sowas gut gemacht ist, weisen die eskapistischen Erzählungen Spuren der bitteren Realität auf, aus der sie einen Ausweg suchen, und in der grausamen und zwielichtigen Sagenwelt spiegelt sich die erbarmungslose Gegenwart. In den programmatischen Worten von Smoulder: »›Witch Wife in an Alien World‹ reflects our fractured post-capitalist hellscape that prioritizes profit over life and has successfully pitted the working class against itself.« Heavy Metal ist von Beginn an mit Klassenbewusstsein ausgestattet und daher auch Ausdruck einer in dieser Hinsicht kämpferischen Haltung. Wir erinnern uns: Birmingham, Black Sabbath, Musik als Perspektive jenseits der Blechpresse, die Tony Iommi zwei Fingerkuppen kostete. In »War Pigs« heißt es: »Politicians hide themselves away / They only started the war / Why should they go out to fight? / They leave that role to the poor, yeah!« Bei Smoulder: »Our twilight years, they have been marred by pain and greed / Fleeting memories of our once flourishing people / Wasting away in this wanton absurdity!« Krieg, Flucht und Verderben auf Kosten aller, die der Macht und Willkür herrschender Klassen ausgesetzt sind, haben bislang kein Ende gefunden, die Debatten um Wehrpflicht und Aufrüstung im Sinne der Mobilisierung kriegstüchtiger Nationen reißen nicht ab, und thematisch lässt sich dieser Bogen von Ozzy bis Sarah spannen. Allerdings, das ist keine neue Erkenntnis, sind solche widerständigen und allgemein aufmüpfigen Ansagen nicht davor gefeit, instrumentalisiert zu werden, und auch rechte Deppen und andere Trottel können sich die zitierten Textpassagen aneignen. Kunst ist »open to interpretation« und Vereinnahmung eine reale Gefahr. Hier nehmen Smoulder ebenfalls kein Blatt vor den Mund und postulieren kurz und knapp: »Love metal, hate fascism!« Natürlich ist auch hier die perfide Strategie der rechten Arschgeigen längst bekannt, die niederträchtige Umdrehung an der populistischen Tagesordnung: Die Faschos sind immer die anderen! Man darf sich da aber nicht dumm machen oder gar einschüchtern lassen, sondern muss trotz allem dranbleiben. Was sonst? Ach so, Musik! Ja, um noch den Serviceteil abzuschließen: Musikalisch feuern Smoulder aus allen Rohren: zweistimmige Leadgitarren, kraftvolle Akkorde, donnerndes Schlagzeug und variantenreicher, mutiger Gesang. Sarah und ihre wilden Männer wissen, wie es gemacht wird. Wer nach »echtem« Heavy Metal sucht, der fantasievoll und frei von Blödsinn ist, kann bedenkenlos zugreifen.
Smoulder
»Witch Wife in an Alien World«
Cruz del Sur
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