Punktierte Schläge, Glamour, Störprogramm: Sheila E.

8. 4., Porgy & Bess Wien. Als der Schlagzeuger sein Solo zu lang anlegt und nicht mehr aufhört, beschmeißt Sheila E. ihn mit Sachen. Sie singt süß, schlägt punktgenau zu und hüpft auf der Stelle. Die subjektive Prolo-Schlagzeugkolumne.

Fotos: Alfred Pranzl

Die Band legt gleich voll los. Satter Sound. Zwei Frontfrauen kommen gut. Sheila E. hat ein kleines Schlagzeug am Bühnenrand vorne stehen, das sie allein mit den Armen spielt. Keine Bassdrum, keine Hi-Hat. Winzig! Sheila E. spielt ihr kleines Schlagzeug wie Percussion, aber mit Stecken, dazwischen ein paar harte Schläge – sie kann beides, wirbeln wie mit den Händen und punktgenau zuschlagen. Zack! Gewitter. Die kühlen Wiener im Porgy & Bess flippen aus. Satter Sound. Die ersten tanzen schon. Ihre Stimme hat einen heiseren Unterton, sie trifft die Schläge auf die Zehntelsekunde. Sehr armbetont die kleinen Soli, very funky. Sax! »Most of us were born and raised in California. My dad was a musician …« Ihr Vater ist der Perkussionist Peter Escovedo. »Er sagt allen hallo und ent- schuldigt sich, dass er nicht kommen kann«, sagt sie, »but next time, I bring him!« Lacht. Die kleine 57-jährige Frau mit afrikanischer Mutter und mexikanischem Vater wirkt sehr lieb, hat eine weiche, sanfte Stimme, dazwischen gibt sie sich aber immer wieder harte Schlagzeugspielerei – ein schöner Gegensatz! Bei Prince kriegte sie nach sechs Jahren am Schlagzeug ein Burnout! Nun führt sie ihre eigene Band.

»The bright Side of Life« – große, starke Männer shaken. Sheila E. ist live kein Kraftpaket wie in ihren YouTube-Videos, auf denen sie minutenlange Hardcore-Soli spielt. Auf der Bühne ist sie viel weicher. Der Funk wird ziemlich gerade gespielt und nicht besonders betont. Lässig und klar. Der große, starke afroamerikanische Schlagzeuger gibt der Band nur Rückgrat, sie setzt die Akzente, bringt den Drive. Das erinnert mich an das Linton Kwesi Johnson-Konzert vor Jahren in Wiesen, als er zu singen anfing, belebte sich die Musik der Band, die Farben wurden stärker.

 

Funk all over

Die andere Sängerin tanzt ruhig, leise vor sich hin. Sheila hat schon wieder einen Stecken in der Hand. Deutet an, schaut dem Becken ins Auge, literarisch gesprochen, und spielt. Nach vorne ge- beugt. Flüstert. Schade, dass sie nicht mehr Schlagzeug spielt! Die andere Frau singt sehr hoch, hält das Mikro weit von sich weg. »Nothing can stop us now«. Sheila lässt sich, musikalisch gesehen, nach hinten hängen. »I wanna thank you for let me be myself.« Der schwarze Bassist spielt sehr tief, sehr seriös. Sheila ist durch und durch Schlagzeugerin, es schleudert sie manchmal, vor allem wenn sie auf den Gongs spielt, sie hüpft auf der Stelle vor Freude. »We took a little walk«, hohe Stimme, sanft … Es klingt so lieb! Punktierte Schläge dazu. Erstaunlich diese Mischung. »Oh«, macht der Saal. »Oh, oh.« Funk all over, ich hatte aber Härteres erwartet. Der Schlagzeuger darf sich amüsieren und reinhauen.

Trotzdem, diese grande dame hat ihren Weg gefunden. Sie deutet wie eine Dirigentin mit erhobenem Stick den Rhythmus, klopf klopf. »There is a lot you don’t know about me.« Die Musiker amüsieren sich und sind cool. »Rock’n’Roll was free, I wave my flag at Tennessee …« Mehr Glamour ins echte Leben! Auch für ältere Damen! Legenden! »Ich wollte das erste girl astronaut sein«, sagt sie, »dann habe ich mit meinem Vater gespielt und it took me out of space … No [lacht]. It was a spiritual thing.« Dann will sie sich wie ein Rockstar feiern lassen und verlässt die Bühne – Porgy & Bess-Chef Christoph Huber trägt ihr den Mikrofonständer hinunter. Sehr nett. Sheila geht mitten ins Publikum und alle freuen sich. »Get your phones and shine on me, so you can see me«, lacht sie, schaut den älteren Herren freundlich ins Auge. Sicher alle Cool Jazz-Fans! Geweiher auf der Gitarre, äh Geseier? Gewiehere? Oben auf der Bühne spielt sie dann wieder energisch Schlagzeug, Steeldrums-Stilistik meets Fiesta.

Eifrige Zeuglerin

Richtig drivy ist sie nur, wenn sie Schlagzeug spielt. Höchstgeschwindigkeit. Party time. Wirbel. »I am in love« singt sie wie einen Gospel und wieder sticht der Gegensatz von Gesang und Schlagzeug ins Ohr. Bei den Zugaben spielt sie endlich auf ihrem eigenen Schlagzeug, auf der Bühne rechts, und fährt auf der Basstrommel ab. Endlich! Aufgespart für den Schluss. Sheila E. spielt solo, ganz allein auf der Bühne, singt dazu wehmütig und leise, wie ein Mädchen. »I wanna be loved by you«, kleine Wirbel, auf die Häute gepresste Sticks. Klingt wie improvisiert. Das Publikum fühlt sich geehrt und liebt zurück.

Das Beste ist: Als der Schlagzeuger quer über sein riesiges Schlagzeug ein ambitioniertes, aber etwas emotionsloses Solo hinlegt, beschmeißt sie ihn mit Sachen, als es ihr zu lange dauert. Eifersucht! Es ist aber auch nicht nett, wenn die Bandleaderin eine Schlagzeugerin ist, sein Ego so auszubreiten, aber – sie stoppt ihn. Störprogramm. Schmeißt alles, was sie findet. Es haut ihn raus. Hehe. Er richtet sein Schlagzeug. Sie hüpft auf und ab, spielt wild, die beiden wirbeln auf beiden Drums hin und her. Jetzt legt sie einen Zahn zu, wo es aufs Ende zugeht. Harter Funk, »She wants to leave«, Sheila E. drischt rein, von oben herunter, sie könnte ja, wenn sie wollte!

Die letzte Zugabe spielt sie nur mit den Händen auf den Trommeln, kleine Wirbel, Geschleife, leise Geräusche, dann legt sie nach mit zwei Stecken, leichten Andeutungen – alsbald wieder tanzbar.

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