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Szenen mit Wildpferden

Ein Gespräch zur neuen Platte »Dust Moves« des Saarbrückener Duos Pretty Lightning mit dessen Gitarristen Sebastian Haas.

Pretty Lightning spielen ins Experimentell-Psychedelische neigende Rockmusik, die sich zu Beginn an den frühen Alben von The Black Keys orientierte und mittlerweile in der musikalischen Nachbarschaft ungezählter Bandprojekte siedelt, die eine internationale Shoegaze-/Garage-Punk-/Psych-Rock-Szene bilden, die sich (nicht nur) um das Londoner Label Fuzz Club Records schart. Bands wie Black Lizard oder Wet Satin sind hier beheimatet und The Jesus and Mary Chain haben jüngst »Damage and Joy«, ihr Spätwerk von 2017, bei Fuzz Club Records wiederveröffentlicht. Seitdem sind auch Pretty Lightning aus der saarländischen Landeshauptstadt Saarbrücken auf dem Label musikalisch zuhause und veröffentlichen am 29. Juli 2022 ihr neues Album »Dust Moves«. Eine Besonderheit insofern, als es das erste ausschließlich instrumentale Album der Band ist. Dabei entfernt sich das Duo deutlich von seinen Garage-Rock-Wurzeln und zeigt sich so experimentierfreudig wie nie zuvor. Herausgekommen ist in zweijähriger Arbeit ein ebenso abwechslungsreiches wie kurzweiliges Album und man muss es schon so sagen, auch wenn das Phrasenschwein grunzt: Es ist ihr bestes Album bis dato. Aus Anlass der Veröffentlichung sprach skug mit Sebastian Haas, dem Gitarristen des Duos.

skug: Sebastian, erstmal Glückwunsch zur neuen Platte, die sehr gelungen ist. Wie kommt es, dass ihr euch dazu entschieden habt, zum ersten Mal ein rein instrumentales Album aufzunehmen?

Sebastian Haas: Danke, daran haben wir schon eine Weile rumgesponnen. Wir hatten auf den vorherigen Platten ja auch immer ein oder zwei instrumentale Stücke, dann aber eher als Intro, Outro und im Kontrast zu Songs mit Text. Und abgesehen davon, dass das oft persönliche Highlights waren, gerade auch in der Rückschau, wollten wir dieses Mal ein bisschen von diesen Kontrasten weg. Die Idee war, das im Gesamtpaket etwas flüssiger und konsistenter zu machen, was instrumental für mich besser funktioniert. Nach vier Alben war der Moment erreicht, das zu versuchen, und es hat ziemlich viel Spaß gemacht. Natürlich haben wir dabei das Rad nicht neu erfunden, aber vom Pfad des Psych-/Rock-Duos in diese Richtung zu gehen, hat sich frisch angefühlt. Kurz gesagt: wir hören instrumentale Musik selbst gerne und hatten Lust drauf.

Als ich das Album hörte, fielen mir starke Bezüge zu britischen Bands wie Broadcast oder Pram auf bzw. erinnern mich die instrumentalen Stücke in ihrer Detailverliebtheit und cineastischen Qualität auch an Arbeiten des BBC Radiophonic Workshop, auch wenn ihr, technisch gesehen, ja ganz anders arbeitet, eine Rockband seid. Könnt ihr mit dem Vergleich was anfangen oder woraus bezog die Arbeit am Album ihre Inspiration?

Broadcast habe ich tatsächlich oft gehört in letzter Zeit, die Platte mit The Focus Group vor allem. Dass du den Radiophonic Workshop erwähnst, finde ich natürlich cool, weil da muss ich an Delia Derbyshire etc. denken und von da aus öffnet sich dann ja auch wieder ein weites Feld an Soundtüftelei und Klangexperimenten, wo wir mit Pretty Lightning ja nicht direkt herkommen. Daher freut bzw. überrascht mich das umso mehr, wenn jemand solche Bezüge hört, die aber nicht direkt (oder höchstens unbewusst) als Inspirationsquelle dienten. Inspiration aus der experimentellen Ecke kommt vom gemeinsamen Spielen in Datashock, also improvisiertes Spielen mit Synthesizern, Geige, Tape-Loops, Gitarren, Flöten und Flohmarktfunden, das hat einen konstanten und sehr prägenden Einfluss; vor allem auf der aktuellen Platte. Ansonsten bin ich z. B. Fan von Earth und Bobby Lee, was gitarrenlastige Sachen angeht, oder Syrinx und Natural Snow Buildings auf der experimentelleren Seite. Das wird sich vielleicht alles auf die ein oder andere Art als mögliche Inspiration mit verzwirbelt haben.

Ihr arbeitet seit Jahren mit dem englischen Label Fuzz Club Records zusammen, einer prominenten Adresse für psychedelische (Rock-)Musik, Garage-Punk und Artverwandtes. Stand das Label einer »Platte ohne Gesang« gleich vorbehaltlos gegenüber oder gab es Bedenken mit Blick auf die Absatzmöglichkeiten? Ihr habt, das kann man ja schon sagen, auch einen guten Ruf zu verlieren. Spielten also Gedanken an das Risiko, eine experimentelle Instrumentalplatte aufzunehmen, eine Rolle im Vorfeld und im Kontakt mit dem Label?

Bedenken auf deren Seite gab es keine, zumindest hat niemand was gesagt. Aber wir selbst hatten natürlich welche, bevor wir ihnen die Sachen geschickt haben. Ich war zwar selten so zufrieden mit einer Platte, aber meine eigene Meinung bewerte ich mit Vorsicht, mir fehlt ja der Abstand und das finanzielle Risiko liegt beim Label. Aber es war dann doch alles ganz einfach – bei Fuzz Club fanden alle die Aufnahmen auf Anhieb gut, die Zusage kam schnell. Davor hatten wir die Aufnahmen auch Freunden zu hören gegeben und positives Feedback erhalten, das war fürs eigene Gefühl sehr wichtig … Danke nochmal, Friends! Die Sache mit dem Ruf sehe ich etwas anders. Gerade eine Band unserer »Größenordnung« kann bzw. muss doch machen, was sie will. Und solange das ein paar Leute gut finden und unterstützen, kann das in der Form auch weitergehen. Ich würde daher von unserer Seite auch nicht von Risiko sprechen, wir entscheiden ja nicht strategisch, sondern versuchen einfach eine Platte aufzunehmen, die wir selbst gut finden und die sich nicht wie Rückschritt zur vorherigen anfühlt.

Eine andere Assoziation, die beim Hören der Platte quasi automatisch entsteht: Spaghetti-Western-Soundtrack. Die cineastischen Qualitäten der instrumentalen Miniaturen liegen auf der Hand. Zwei Fragen dazu: Erstens, hat dies während der Aufnahmen konzeptionell eine Rolle gespielt und wenn ja (oder auch wenn nicht): Wenn ihr euch ein Genre aussuchen dürftet, um einen Soundtrack einzuspielen, welche Art von Film wäre das?

Klar, Spaghetti-Western spielt hier schon mit rein, das ist natürlich ein ziemlich abgegrastes Feld, hat für uns aber trotzdem nicht an Zauber verloren und wir wollten mal versuchen, das auf unsere Art anzugehen. Die Idee dabei war, eine Platte zu machen, wie wir sie selbst gerne hören würden, mit der Aussicht, dass dabei etwas entsteht, was neben den offensichtlichen Einflüssen auch etwas Eigenes mitbringt. Ich hoffe, das ist geglückt. Der konzeptionelle Ansatz war, dem Album eine durchgehende Stimmung zu verleihen, ohne Ausreißer oder Sprünge. Als wir genügend Skizzen und Ideen zusammen hatten, haben wir entschieden, wo es musikalisch hingehen soll. Da spielten bestimmte filmische Eindrücke natürlich auch eine Rolle und es wäre gelogen, wenn ich behaupte, dass Western-Schnipsel und Szenen mit Wildpferden da nicht auch vorm geistigen Auge aufgetaucht wären. Aber ich glaube, ganz so »typisch« ist es auch nicht geworden. Abgesehen davon: Wenn ich mir jetzt aussuchen könnte, wofür wir Musik zum Soundtrack beisteuern dürften, dann zur (nicht sehr wahrscheinlichen) Fortführung der britischen TV-Serie »Detectorists«. Ich denke dabei an Szenen beim Metal-Detecting auf Feldern oder beim Treffen im DMDC-Vereinsheim.

Ihr habt euch ja lange schon die Möglichkeiten geschaffen, relativ autark zu arbeiten. Wie stellt sich euer Arbeitsprozess dar? Wer kommt mit welchen Ideen? Bezogen auf die Situation der letzten zwei Jahre nehme ich an, dass ihr nicht viel zusammen gejamt habt, oder?

Normalerweise ist der übliche Prozess: Wir proben, schreiben zusammen Songs, verwerfen sie wieder usw., bis wir genug zusammen haben, um ein Album zu machen. Das nehmen wir dann im Proberaum auf, der eignet sich aufgrund der Größe ganz gut und es hat uns daher nie in echte Studios gezogen. An Equipment zum Aufnehmen hat sich über die Jahre einiges angesammelt und Max von Tausend Augen oder Jan von Datashock/Yagow leihen uns auch mal Mikros und Pre-Amps. Bis auf die erste LP haben wir auch alles dort gemacht. In den letzten beiden Jahren konnten wir natürlich extrem lange gar nicht zusammenspielen und das war überhaupt nicht cool. Aber dass wir die Aufnahmen dieses Mal anders angegangen sind, war nicht nur der Pandemie geschuldet. Dieses Album anders zu machen, war davor schon lange ein Plan, und dass die Vorgehensweise dabei eine neue sein muss. »Dust Moves« zeichnet sich ja nur durch die Schichtung relativ simpler musikalischer Linien aus, die mithilfe verschiedener Instrumente skizziert und auf mehreren Spuren aufgenommen wurden, und sind nicht, wie gewohnt, mit Schlagzeug und Gitarre im Proberaum entstanden. Dieser Arbeitsprozess hat sich während der Pandemie gut umsetzen lassen. Wir haben uns kontaktlos ausgetauscht, bis wir im Sommer 2021 wieder zusammen in einem Raum rumklimpern und alles fertigmachen und aufnehmen konnten. »Dust Moves« ist also in vieler Hinsicht eine Art Distance-Recording-Projekt.

Was steht als nächstes an, die Platte erscheint Ende Juli, gibt es schon Konzerttermine?

Die Sache mit den Konzerten ist ja nach wie vor etwas unsicher. Abgesehen davon, dass im Moment immer noch niemand weiß, wie es in zwei Monaten aussieht, ist unsere Situation bzgl. Covid aus persönlichen Gründen ein bisschen extrascheiße. Aber am 27. August spielen wir zunächst mal hier in Saarbrücken, das ist dann der erste Termin seit März 2020 und wir hoffen, dass nach und nach wieder mehr geht.

Okay, fuck Covid, so wollen wir das Interview ja nicht enden lassen. Wenn also sehr lange keine Konzerte möglich waren, dann war ja viel Zeit, zum Musik hören. Was lief denn so? Fünf musikalische Tipps, los raus damit, egal wie aktuell …

Ja, da war sehr viel Zeit. Fünf der Platten, die diese verkürzt haben, wären: Bitchin Bajas: »Switched On Ra«, Maston: »Tulips«/»Darkland«, Workhorse: »No Sun«, Waterless Hills: »The Great Mountain«, Emerald Web: »The Stargate Tapes«. Und dazwischen immer ein bisschen Lee Hazlewood …

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