Pop in seiner düstersten Schattierung - Peter »Sleazy« Christopherson R.I.P.

Am 25. November 2010 ist Peter Sleazy Christopherson in Bangkok im Schlaf gestorben. Als Mitglied von Throbbing Gristle, Psychic TV und Coil war er mageblich an der Musik- und Kunstkultur der letzten 30 Jahre beteiligt. Für skug hat Klaus Totzler zwei Interviews mit ihm kompiliert.

fotocredit: Paul Heartfield, Throbbing Gristle 2006 @ Berlin.

»The Way Is Nor This Nor That.«
Brion Gysin

»The Key To Joy Is Disobedience« stand auf der Schachtel, die der neue Briefträger gebracht hatte. Drinnen waren ein Boxset mit CDs, dunkle Kunstdrucke und weiteres Artwork in Form von Glasscheiben. Absender: die Band Coil.

Da fiel mir schlagartig wieder ein: Mein Freund Eric und ich hatten das Konzert von Coil im Wiener Flex 2002 in Eigeninitiative mit zwei Kameras mitgefilmt. Den so entstandenen Mitschnitt hatten wir damals Peter Christopherson geschickt. Ein Dankeschön also.

Ich blieb mit Sleazy, wie er liebevoll genannt wird, per E-Mail in Kontakt und habe ihn dann noch zweimal getroffen. Bei diesen Gelegenheiten sind zwei Interviews entstanden, die ich jetzt – aus traurigem Anlass – transkribiert habe.

Peter Martin Christopherson, aka Sleazy, Jahrgang 1955, war Videoregisseur, Fotograf, bildender Künstler und natürlich Musiker. Als Mitglied der Künstlergruppe Hipgnosis hat er Plattencovers für Pink Floyd, Peter Gabriel und A Certain Ratio mitentworfen. Als Regisseur hat er Clips für Musiker wie Diamanda Galas, Nine Inch Nails und Rage Against The Machine, aber auch Paul McCartney und Van Halen neben vielen anderen gedreht. Er hat TV-Commercials entwickelt. Als Musiker hat er in Projekten wie Throbbing Gristle, Psychic TV und Coil eine zentrale Rolle gespielt. In Bands, die als verstörend gelten, aber auch als experimentelle Gesamtkunstwerke einen ganz wichtigen Platz in der Musik- und in der Kunstgeschichte einnehmen.

Der Spruch »The Key To Joy Is Disobedience« stammt übrigens aus Aleister Crowleys »Hymn To Lucifer«.

Klaus Totzler: Hat das, was du machst, überhaupt etwas mit Pop zu tun?

Peter Christopherson: Meine Musik einem Genre zuzuordnen fällt mir schwer. In der Vergangenheit, vor allem in den Sixties, ist Popmusik auf einer bestimmten Welle gesurft. Popmusik war damals die Sprache der Generation, die Rebellion und Wechsel verkörpert hat. Aber seit damals wurde Pop immer mehr korrumpiert und so zerstört. Was Leute wie ich heute machen ist eher in der Kunst anzusiedeln als in der Musikszene. Emotionell, leidenschaftlich und, wenn man will, sogar spirituell. Aber unsere Kunst hat auf die Kunstszene nie Eindruck gemacht. Sie richtet sich auch nicht an den Markt der Kunstgalerien. Unsere Kunst ist einfach in die Üffentlichkeit, in den Raum gestellt und jeder, der sich angesprochen fühlt, soll sie dort pflücken.

Wolltet ihr stets provozieren, um etwas zu bewegen?

Es ging nie um Provokation, immer nur um Inhalte, die für uns Bedeutung haben. Manche davon sind ernsthaft, tief und dunkel. Aber Dunkel mit Böse gleichzusetzen ist ohnedies unrichtig. Leute, die unsere Musik mögen, mögen sie, weil wir mit der Wahrheit dealen. Dinge, die für uns wahr sind, sind für uns wichtig und für unser Publikum wohl auch. Blo&szlig Liebeslieder zu machen – welche Art von Bedeutung hat das?

Du hast Dich in der letzten Zeit ab und zu kritisch über die neuen Medien geäu&szligert.

Das muss man differenziert sehen. Aber prinzipiell finde ich, dass das Internet gut ist, vor allem, um etwas zu starten. Das Wichtigste ist, erst mal den Kontakt zu den Menschen herzustellen. Inzwischen ist das Internet natürlich ein so bedeutsamer Teil unseres Lebens geworden. Wenn du ein wenig beständig bist, dann wird dein Bekanntheitsgrad ohnedies immer größer; mit und ohne Internet. Ich habe noch dazu den gro&szligen Vorteil, dass ich schon so lange präsent bin. Dann gibt es auch noch Fans in aller Welt, die neugierig verfolgen, was wir tun, die im Internet nach Seiten suchen, die sich mit unserer Arbeit, mit Coil oder TG, befassen. Analog oder digital, es ist in jedem Fall für uns leichter zu kommunizieren, als wenn wir jetzt neu anfangen müssten. Wenn man gute Ideen hat, eine Vision und Leidenschaft, dann kann man auch heute noch erfolgreich sein, ohne sich mit der Musikindustrie zu verbünden. Die Musikindustrie ist ein Anachronismus, ein Dinosaurier, den man schon vor vielen Jahren zu Grabe hätte tragen müssen. Vor etwa 20 Jahren gab es blo&szlig eine Handvoll Künstler, die sich mit experimenteller Kunst befasst haben, heute arbeiten ein paar Hundert daran ?? Wenn man die Kontrolle über sein kreatives Schaffen behält, kann man heute immer noch etwas erschaffen, das gut und anders ist. Ob es wen erreicht? Man macht Musik ohnedies nicht für den Markt, man macht Musik für sich selbst. Aber andrerseits mache ich meist Musik, die ich gerne höre und das hängt davon ab, was ich zu dem Zeitpunkt gerade noch höre. Höre ich alle Alben von Autechre, dann klingt mein nächstes Album sicher ein wenig danach. So gesehen bin ich auch vom Markt beeinflusst. Aber meiner Meinung kann man Musik nicht erschaffen, wenn man etwas zu kopieren versucht oder in der Absicht, den Markt zu bedienen. Wenn Du deine Nische finden willst, dann musst du auf Dein Herz hören.

Douglas P alias Death in June wurde einmal von einem einschlägigen Festival ausgeschlossen, weil er zwar offenkundig faschistische Symbole verwendet, sich aber weigert, sich von der Ideologie zu distanzieren. Was ist deine Meinung dazu?

(Zögert)??.Ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen in Bezug auf Death in June. Ich bin weder ein Fan ihrer Musik, noch der Personen dahinter. Aber es ist schon OK, wie sie agieren. Sie sind beim selben Vertrieb wie wir gewesen. Ich bin auch nicht der Anwalt von Douglas und mag auch nicht in seinem Namen sprechen. Andrerseits verwechseln vor allem Medienleute immer wieder den Einsatz von Symbolen und deren Bedeutung. Wenn ich ein Beispiel nennen darf: Musikkritiker stellen die These auf, es wäre sehr wohl in Ordnung sich in den Nachrichten auf den Angriff auf das World Trade Center zu beziehen. Aber in einem Song würde das nicht gehen. Aber das ergibt keinen Sinn. Wenn Dinge gesellschaftlich oder historisch Bedeutung haben, muss es für alle Zugang dazu geben. Ob das Symbole oder Ideologien sind. Und es muss erlaubt sein, das künstlerisch zu kommentieren. Das hat noch nichts mit Zustimmung oder Ablehnung zu tun. Jeder, der meine Arbeit kennt, wei&szlig, dass ich ein äu&szligerst politischer Mensch bin. Und wir (Coil) haben strenge Ansichten darüber, was für ein Verhalten angebracht ist. Die sind positiv und absolut lebensbejahend. Gutes zu tun ist wichtig. Und wir haben immer Hass abgelehnt. Vor allem den, der sich gegen bestimmte Gruppen richtet. Dabei ist egal, ob das Homosexuelle sind, Amerikaner oder Deutsche. Au&szligerdem treten wir der Natur, dem Planeten, den Tieren mit Liebe und Achtung entgegen. Aber es gibt Gruppen, die es für eine gute Idee halten oder für besonders clever, sich mit faschistischer Bildersprache zu identifizieren. Und die übersehen total, welchen Schaden sie anrichten, indem sie damit Menschen mit wirklich faschistischem Gedankengut ermutigen, inhuman zu handeln. Also, um es klar zu machen, wenn eine Band Nazi-Symbolik verwendet und nicht klarstellt, welche Haltung sie eigentlich unterstützt, muss sie damit rechnen, dass viele Menschen sehr ablehnend und zornig darauf reagieren. Wir wünschen uns, dass Menschen immer die Verantwortung dafür übernehmen, wie sie handeln. Wenn andere Menschen diese künstlerischen Darstellungen falsch interpretieren und das als Ermutigung für ihre eigenen hasserfüllten kriminellen Handlungen verwenden, dann muss der Künstler hergehen und das klarstellen. Er muss sagen, dass er sich davon distanziert.

Gilt das auch für schrille Glamrocker wie Marilyn Manson oder Rammstein?

Rammstein und Marilyn Manson sind gewisserma&szligen Cartoonfiguren. Ich glaube kaum, dass ein intelligenter Zuhörer oder Zuseher das wortwörtlich und komplett ernst nimmt. Aber ich fürchte, viele Menschen, vor allem in Amerika, sind nicht klug genug, um das auseinander zu halten. Sie können zwischen dem realen Teufel und einer C
omic-Figur nicht unterscheiden. Ich finde das irgendwie enttäuschend, aber das ist das Problem der Amerikaner. Gerade Marilyn ist sicher zurechenbar und äu&szligerst intelligent. Er ist klug genug, um die Medien zu manipulieren und für seine kommerziellen Interessen zu missbrauchen. Eigentlich habe ich vor ihm sehr viel Respekt, würde persönlich aber einen anderen Weg wählen. Aber er wei&szlig genau, was er tut.

Kirche und Religion. Welche Rolle spielen diese Begriffe für dich?

Zur Kirche habe ich einen besonderen Bezug. Gut ist auch, dass sie für mich arbeitet (lacht). Das war albern, ich wei&szlig. Aber ich kann nicht darüber sprechen, woran ich glaube, weil so etwas immer schwierig ist. Ich wei&szlig nur, dass nichts per Zufall geschieht und das Ende nicht das Ende ist. Ich habe keine Ahnung, warum ich daran glaube. Es ist irgendwie »rituell«. Beinahe jeder glaubt, dass all diese schwierig zu begreifenden Dinge irgendwo da drau&szligen sind. Die Kirche ist da oben am Hügel. Und daher muss man tun, was die einem sagen. Aber das ist nicht wahr. Es ist alles in einem drin. Du musst nur in Dich hinein hören. Dann wird plötzlich alles offensichtlich.

Woher kommt dann dein Glaube? Was ist die Basis?

Vermutlich gibt es keine Chance, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Darum kämpfen muss man allerdings und danach handeln, aber – nun, das ist ein philosophisches Thema. Einerseits bin ich äu&szligerst pessimistisch in Bezug auf das Schicksal der menschlichen Rasse, aber man darf nie aufgeben, zu versuchen, es zu verbessern. Denn das ist die Verpflichtung, die man als Mensch hat. Als Teenager hatten wir/hatte ich viele Helden, die mich beeinflusst haben: William Burroughs, Brion Gysin, John Giorno. Und die haben mein Leben stark verbessert, als ich 11, 12 oder 13 war. Da ich ihre Arbeiten gelesen hatte, wusste ich, dass das, was ich an Schlimmem durchmachte, nicht unabwendbar in einem selbst steckt. Dieses Wissen hat mein Leben verändert. Und als kreativer Mensch fühle ich, dass es meine Verpflichtung ist, dieses Bewusstsein an andere weiter zu geben. Und je mehr Menschen so denken, umso besser kann unsere Lebensqualität sein. Klingt das angeberisch? Ich glaube eben, dass das meine Aufgabe ist, den Menschen vorzuleben, dass es möglich ist, anders zu leben als die Masse, und dennoch moralisch richtig zu handeln und ein tolles Leben zu führen.

Erst kürzlich gab es eine Reunion von TG.

Ich habe dazu nichts zu sagen. Tatsache ist, dass es irgendwie notwendig wurde, dass wir vier auf verschiedenen Kontinenten leben. Ich lebe in Asien, Genesis P-Orridge in den Vereinigten Staaten und Chris und Cosey in England. Vielleicht hat im Verlauf der letzten 30 Jahre unsere Toleranz abgenommen. Toleranter in Bezug auf Humanität, aber vielleicht intoleranter in Bezug auf unsere eigenen Fehler und Schwächen. Andrerseits glaube ich, dass die Welt heute mehr denn je die Ideen und Gefühle braucht, die von Throbbing Gristle vertreten werden. Mehr noch als zu der Zeit, als wir begonnen haben. In den vergangenen 30 Jahren ist das Musikbusiness derart zusammengebrochen. Und die Menschen sind so überlastet von der Flut an Informationen, dass es unmöglich scheint, darauf in einer angemessenen Art ohne Hintergedanken zu reagieren. Unsere Hoffnung ist, dass wir die Leute stark genug beuteln, dass sie hinterfragen: Hey, warum höre ich mir das den ganzen Tag lang an, und warum mache ich diesen Job und nicht einen anderen? Und warum lebe ich auf eine Art, die mich nicht glücklich macht? Wenn diese Frage gestellt werden kann, führt sie mit Sicherheit zu einer Reihe weiterer Fragen. (Genesis P-Orridge dazu: »Es geht um die Zerstörung des Konsumverhaltens zum Wohle des Konsumverhaltens und darum, die Leute auf diesen Inhalt hinzuweisen.«) Wir können gar keine richtige Antwort geben. Wichtig ist, dass sich die Menschen ganz individuell die richtigen Fragen stellen. Ich hoffe, dass die Konzerte auch Provokation in sich tragen. So ein Konzert soll auch nicht zwangsläufig eine bequeme Erfahrung sein. Aber wir hoffen, es ist eine nützliche. Manchmal ist so ein Auftritt auch für uns unangenehm.

Genesis hat wohl die radikalste Konsequenz aus seiner Vision als Künstler gezogen. Nach Lebensabschnitten als Sektenführer, Angriffen wegen Pädophilie und anderen grenzwertigen Erfahrungen lebt er heute als Mann/Frau/Zwitterwesen mit goldenem Gebiss. Wie weit muss Kunst konsequent sein?

Bei TG war Genesis immer die Person, die vorne gestanden ist. Der Mensch, der vorne steht, ist immer besonders exponiert. Er stellt sich oft blo&szlig, stellt seinen Ideenreichtum der Üffentlichkeit zur Verfügung. Er hat das immer mehr getan als wir anderen drei. Bei Coil hatte John Balance immer eine ähnliche Rolle inne. Und diese Rolle fordert einen total. Das ist nicht so, dass man da einfach raufgeht und singt. Solche Menschen geben ihr Innerstes preis. Immer und immer wieder. So etwas kann dich den Verstand kosten, es kann dich töten. Ich meine, es ist nicht derselbe Zugang zur Kunst wie bei Jim Morrison oder Kurt Cobain. Aber sie haben etwas Ähnliches durchgemacht. Oft haben solche Menschen noch zusätzlich sehr persönliche Probleme, und das macht es für sie noch schwerer, diesen »Job« zu erfüllen. Es wäre leichter, das durchzustehen, wenn man in einer Fabrik oder an einer Tankstelle arbeitet, denn dann wäre man der Üffentlichkeit nicht so ausgeliefert. Vermutlich gibt es deswegen auch nur wenige Künstler oder Gruppen, die ähnliches tun wie wir. Weil es einfach zu belastend ist. Boyd Rice tut manchmal etwas Vergleichbares, vielleicht noch einige aus diesem Genre. Aber sonst? Also, ich persönlich glaube, dass Nina Simone sich verwundbarer gemacht und mehr von ihrem Innersten preisgegeben hat als Nick Cave.


Das Medienecho auf das Ableben Christophersons war enorm. Eine Auswahl:

www.throbbing-gristle.com
unklesleazy.tv
www.guardian.co.uk
www.brainwashed.com
Simon Ford: Wreckers of Civilisation. The Story of Coum Transmissions and Throbbing Gristle. Black Dog Publishing, 2001; www.blackdogonline.com
Heinrich Deisl: »Homoneurotische Engelsvernichtung: Coil«; www.skug.at
Mike Barnes: »Peter Christopherson Jukebox Interview«; www.thewire.co.uk