Oral History einer Subkultur

 »Und es ging um Spa&szlig haben und draufhauen, schei&szligegal und nicht so reflektieren und so PC sein.« Jochen Bonz, Juliane Rytz und Johannes Springer beleuchten die  »Hamburger Schule« aus Sicht der Frauen.

»Und eigentlich komme ich ja aus einer Zeit und einer Kultur, wo es viel anarchistischer zuging als bei dieser Schei&szlig Hamburger Schule«, sagt Almut Klotz von den Lassie Singers im Interview, die später als »Mütter der Hamburger Schule« bezeichnet wurden. »Und es ging um Spa&szlig haben und draufhauen, schei&szligegal und nicht so reflektieren und so PC sein.« Das Lustige an dem Buch »Lass uns von der Hamburger Schule reden« ist, dass sich die zehn interviewten Frauen sämtlich von dieser nach Frankfurter Schule und Theodor W. Adorno von Journalisten so schubladisierten Pop-Bewegung distanzieren. Das Buch ist Beweis dafür, dass es nicht ??das Wissen?? und ??die Definition?? gibt. Sondern unterschiedliche Standpunkte. Klotz: »So ein bisschen: der Name ist Programm. Hamburger Schule. Also das waren echt so Streber.« Musikerinnen waren drin auf St. Pauli, mitten im Geschehen, jede Nacht auf dem Kiez und trotzdem an der Seite. Weil sie z. B. von Indie-Labels nicht genommen wurden und dann auf »Schei&szlig Majors« veröffentlichen mussten. Oder nicht so verkopft Musik nur für Auskenner machen wollten, keine revolutionären Parolen beten oder in einem »Wohlfahrtsausschuss denen im Osten beibringen wollen, wie Demokratie funktioniert«. Andererseits turnten sie viele an: »16-jährige Mädchen, die zu siebzehnt auf der Bühne stehen, sieben Mädchen singen und ein Typ spielt Gitarre dazu und sie covern die Lassie Singers.«

Elena Lange von Stella, die Herabsetzung von Menschen egal welcher Art als neoliberale Position sieht, pfiff auf den Diskurs, denn ihre Band wollte sich nicht bei jedem Song fragen: »Hat der jetzt genug revolutionäres Potenzial? Ist der jetzt diskurspopmä&szligig angebracht oder nicht?« Ihr Label weigerte sich aufgrund ihrer Stellungnahmen zum »Bosnienkrieg«, ihre Platte herauszubringen. Bernadette la Hengst von Die Braut haut ins Auge, die als »Punk-Pop« immer »zwischen allen Stühlen sa&szlig«, ist auch gegen Regeln, die sagen, wie etwas zu sein hat: Männerdominierte Musik »lässt wenig Luft an die Dinge«. 1990 trat sie als Reaktion auf die ganzen »Ausziehen, Ausziehen«-Rufe bei einem L’Age-D’Or-Festival nackt auf: Ganz schrottig, mit zwei Schlagzeugen, zwei Bässen und extra harter Instrumentalmusik mit Rhythmuswechseln. Der Chef wollte sie persönlich von der Bühne holen.

Jochen Bonz/Juliane Rytz/Johannes Springer (Hg.): »Lass uns von der Hamburger Schule reden. Eine Kulturgeschichte aus der Sicht beteiligter Frauen.«, Mainz: Ventil Verlag 2011, 176 Seiten, EUR 13,30