Irradiation © Chris Hessle

Ohne Zeit

Mit »Xeelee« erschien vergangenes Frühjahr das dritte Album von Irradiation – Grund genug für skug, die in Wien lebende Musikerin zu einem Gespräch zu treffen.

Das Treffen mit Irradiation findet kurz nach dem Pandemie-bedingten ersten Lockdown in einem belebten Park im 16. Bezirk in Wien statt. Die Frühlingssonne taucht das Gewimmel in kräftige Farben und man merkt, wie sehr die Menschen ihre wiedergewonnene Bewegungsfreiheit genießen. »Ich finde es schwierig, dass die dystopischen Klanglandschaften von ›Xeelee‹ auf die aktuelle Pandemie projiziert werden, denn es lenkt davon ab, dass ich ›Xeelee‹ als zeitlos empfinde.« Was im ersten Augenblick nach einer großspurigen Ansage klingt, relativiert sich durch die Tatsache, dass sich die Handlung in Stephen Baxters gleichnamiger Romanserie über einen Zeitraum von mehreren Milliarden Jahren erstreckt. »Mich hat diese Serie ziemlich lange begleitet,« sagt Irradiation und erklärt, wie Baxters Idee auch die eigene Selbstwahrnehmung als Künstlerin geprägt hat: »Ich bin hier und es gibt mich nur in dieser kurzen Lebenszeit, die unglaublich kostbar ist. Im Ganzen betrachtet spiele ich aber überhaupt keine Rolle.« Es ist diese Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitebenen, welche auch die Arbeiten von Irradiation prägt.

Irradiation © Chris Hessle

Miteinander
Während zu Beginn von Irradiations Karriere in den frühen 2000er-Jahren noch ein linearer Verlauf auszumachen ist, wird die Erstellung einer Chronologie spätestens ab dem 2014 erschienenen Album »Quantum Oscillations« kompliziert. Nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums »Northeast« im Jahr 2002 im Eigenverlag, entwickelte sich in den folgenden Jahren das temp~ Festival in Greifenstein, einem Vorort Wiens, zu einem Fixtermin in der hiesigen Festivallandschaft. Was temp~ von anderen Festivals unterschied, war der kompromisslose Fokus auf lokale Talente, während man auf internationale Zugpferde weitgehend verzichtete. Irradiation war zweifellos eine der treibenden Kräfte hinter dem Festival, dessen letzte Ausgabe 2009 über die Bühne ging. Das Gleiche gilt auch für das 2003 gegründete, gleichnamige Plattenlabel, welches sie heute mit dem Techno-Produzenten Digilog betreibt und auf dem sowohl »Xeelee«, als auch »Quantum Oscillations« erschienen sind.

Was danach passierte, »ist schwer zu beschreiben, weil alles ineinandergreift und dazwischen auch immer wieder Geld verdient werden muss, um zu überleben«, so Irradiation, die neben der Musik als Grafikerin arbeitet. Da finden sich etwa Pasajera Oscura, ein Projekt mit der Musikerin Chra, die Zusammenarbeit mit der Sängerin, Komponistin und Performance-Künstlerin Martina Claussen unter dem Alias Hidden Shards oder das Projekt Wall Cloud, eine Kooperation mit Tobias Leibetseder.

Für das aktuelle Album arbeitete sie mit dem Medienkünstler Thomas Wagensommerer zusammen: »Unsere Arbeitsweise sieht so aus: Ich schicke ihm ein Stück, erzähle ihm etwas darüber und er interpretiert das dann visuell. Ich lasse ihm da auch bewusst Freiraum, denn ich will ja, dass meine Arbeit durch ihn eine zusätzliche Ebene bekommt.« Auch wenn Irradiation als Grafikerin durchaus Bezug zur visuellen Ebene hat, überlässt sie diesen Bereich gerne anderen: »Ich finde es einfach spannend, wenn Visualist*innen oder Musiker*innen ihre eigenen Ideen einbringen, ihre Gedanken und ihre Eigenarten, damit umzugehen. Es geht mir um den Austausch – das Miteinander, das etwas Gemeinsames entstehen lässt.«

Irradiation © Chris Hessle

Über das Schweben
Trotz der Zusammenarbeit mit Thomas Wagensommerer sieht Irradiation »Xeelee« als Soloalbum: »Das ist vielleicht mit ein Grund, warum das Album so lange gedauert hat: diese Arbeit ist hermetischer, nur meins,« erklärt sie. Was zugleich bedeutet, dass manche Entscheidungen auch an den Computer abgegeben werden, um den Fokus auf andere Aspekte legen zu können. »Bei mir steht immer das Material an erster Stelle. Klang ist für mich etwas Angreifbares – Materie, die ich formen kann. Dabei arbeite ich nicht mit tonalen Skalen, sondern mit mikrotonalen Schwebungen, die durch Granularsynthese entstehen,« so Irradiation, die als Ausgangsmaterial meist Samples verwendet. Damit, dass einzelne Stücke auf »Xeelee« mit Stücken wie etwa »Lux Aeterna« des Komponisten György Ligeti (bekannt aus Stanley Kubricks »2001: A Space Odyssey«) verglichen werden, hat die Musikerin kein Problem: »Ich bin nicht Ligeti – aber ich finde mich in Ligeti sehr wohl auch wieder.«

Im Unterschied zu Ligeti, dessen Werke oft auf Chören basieren, sucht man Stimmen auf »Xeelee« vergeblich. Dabei hat Irradiation durchaus einen engen Bezug zur menschlichen Stimme: Neben der Zusammenarbeit mit den Vokalistinnen Martina Claussen und Mieze Medusa war sie seit den frühen 1990er-Jahren als Sängerin und Gitarristin der Band A Myriad of Mirrors aktiv. »Ich arbeite gerne mit Stimmen, aber nicht [mehr] mit meiner eigenen,« meint die Musikerin und fügt hinzu: »Vielleicht hat das auch etwas mit Disembodiment zu tun.« Eine Ausnahme gibt es allerdings: bei zwei Extensions zum Album spielt die Stimme von Didi Bruckmayr eine wichtige Rolle: »Die gibt es aber nur live, sonst sind sie nirgends zu hören.«

Die aktuellen Stücke sind in der Regel für vier oder acht Kanäle konzipiert, wobei es Irradiation nicht darum geht, »irgendwelche geometrischen Figuren in den Raum zu zeichnen.« Somit war es in den meisten Fällen auch vergleichsweise einfach, die Tracks für das Album auf das Stereo-Format runterzubrechen. »Ich denke da nicht geometrisch, sondern dynamisch«, erläutert Irradiation ihren Ansatz. Die Tatsache, dass »Xeelee« auf ihrem eigenen Label erscheint, bedeutet zwar weitgehende künstlerische Kontrolle, aber auch jede Menge Arbeit und die Herausforderung, unterschiedliche Rollen auf sich vereinen zu müssen. »Es gibt niemanden, der mir Druck macht,« was ein Vor- und Nachteil zugleich ist. »Irgendwo war dann ein Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass das Album für mich rund ist,« erzählt die Musikerin. »Richtig fertig ist für mich ja nie etwas, eher: jetzt kann ich es loslassen.«

Bedingungslos
Die ökonomischen Umstände für experimentelle elektronische Musik sind auch in Österreich schwierig, wovon Musiker*innen und Labels gleichermaßen betroffen sind. Für Irradiation ist das vorwiegend eine Frage von Ressourcen, aber auch von Aufmerksamkeit. Bezüglich möglicher zusätzlicher Formate von »Xeelee«, die über eine digitale Veröffentlichung des Albums, Live-Konzerte und ein Video hinausgehen, gab es einige Ideen, die aber letzten Endes nicht umgesetzt werden konnten. »Die zeitlichen und finanziellen Ressourcen spielen leider eine große Rolle bei dem, was ich verwirklichen möchte, und dem, was ich tatsächlich umsetzen kann,« erklärt Irradiation. Und weiter: »Mir bezahlt die Musik nicht die Miete, Punkt.« Daran ändern auch regelmäßige Auftritte auf internationalen Festivals nichts.

Dies ist auch ein Grund dafür, dass Irradiation eine vehemente Verfechterin des bedingungslosen Grundeinkommens ist. »Ich denke dabei aber nicht nur an mich, sondern daran, dass es in unserer Gesellschaft einfach ein massives Ungleichgewicht gibt,« stellt sie fest. Wenngleich für eine gerechtere Gesellschaft auch viele andere Aspekte nötig wären: »Ein Grundeinkommen alleine verändert nicht die Welt.« Vielmehr gehe es darum, einen utopischen Möglichkeitsraum aufzumachen. »Wir wissen seit über hundert Jahren, welche Auswirkungen CO2 hat und was passieren wird. Es wurde jedoch immer von einer Generation auf die nächste verschoben. Insofern leben wir ja bereits in einer dystopischen Welt, auf der es keinen vernünftigen Haushalt mit Ressourcen gibt und keine gerechte Verteilung passiert,« so Irradiation.

»Gleichzeitig gibt es aber auch viele positive Entwicklungen. Ich halte beispielsweise viele Technologien für immens positiv, oder die Entwicklung von kleinen Communities, die sich mit alternativen Wohnkonzepten oder Wissensmodellen beschäftigen.« Eine konkrete politische Botschaft sieht die Musikerin für »Xeelee« jedoch nicht: »Klang ist für mich ein abstraktes Material, mit dem man nur schwierig politisch arbeiten kann – zumindest in der Art von Musik, die ich mache. Wenn man Rap macht, ist das sicher einfacher.« Wofür Irradiation Rap durchaus schätzt, wenngleich eine zentrale Qualität ihrer eigenen Musik in einer bewussten Erweiterung von (Interpretations-)Spielräumen liegt.

Links:
http://www.temp-records.net
https://temprecords.bandcamp.com