Alte Liebe rostet manchmal doch, ein bisschen jedenfalls. Das neue Nurse-With-Wound-Album erschien schon im zurückliegenden Oktober. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt die Veröffentlichung nur nachrichtlich zur Kenntnis genommen und mich anschließend nicht weiter dafür interessiert. Weil, so mein Gedanke, ich habe ja bereits ein knappes Dutzend Alben der Formation um Steven Stapleton herum zuhause stehen – brauche ich da noch mehr? Wird zwar schon irgendwie okay sein, das Album, aber sicher auch nicht viel Neues bringen, sondern, wie immer, mehr oder minder chaotisches Gewimmel und Gebimmel beinhalten. Das waren so leichtfertige Überheblichkeiten, die mir durch den Kopf gingen. Und, was soll ich sagen, so ist es auch. Aber auch wieder nicht. Ich meine, ja, krautig-elektronisch wird in bewährter Manier herumexperimentiert, allerlei Sounds werden erzeugt, collagiert und moduliert und miteinander vermischt – wie der Wahnsinn eben seit Jahrzehnten bei Nurse With Wound seine Methode hat. Aber auf »Lung Oysters« kommt all dies stellenweise ungewöhnlich groovy zum Ausdruck, zum Beispiel gleich zu Beginn bei »Monotony Meltdown«. Und diese psychedelisch angehauchte und quicklebendige Beweglichkeit steht der alten Dame erstaunlich gut. Davon abgesehen: »Völlig anders« ist der Sound auf »Lung Oysters« auch nicht, aber doch überraschend genug, um meine Aufmerksamkeit nicht nur verspätet zu wecken, sondern auch zu halten. Im Grunde ist das genau richtig so, denn als Fan bin ich ja auch konservativ. »Völlig anders« sollen die alten Helden bitteschön auch nicht klingen, das wäre mir »zu experimentell«. Und so wabert, schabt, klirrt, klingelt, fiept, piepst und pulsiert es in dem Maße, wie ich es gerne habe, und hier und da quasi tanzbar bzw. nicht so schroff und atonal, wie Nurse With Wound ja auch klingen können. Hinzu kommt, dass Songtitel wie »Bombing For Peace Is Like Fucking For Virginity« mir in Zeiten der allgemeinen Scharfmacherei als grundsätzliche Erinnerung an die Möglichkeit friedfertigen Umgangs miteinander ganz angenehm sind. Diesen Track gibt es allerdings nur digital und als Bonus auf CD zu hören, weil die LP nicht genug Spielzeit fasst. Für welches Format man sich auch entscheiden mag, wichtiger ist, dass Nurse With Wound noch da sind, und gut, dass ich meiner Ignoranz nicht stattgegeben und auch nicht vergessen habe, was ich Stapleton & Co. verdanke (unter anderem die legendäre Liste, auf die alle geguckt haben, die abenteuerliche und oft randständige oder halb vergessene Musik ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellen). Wer also hier mitliest und sich in der jüngeren Vergangenheit vielleicht bei ähnlich treulosen Gedanken, wie meinen hier geäußerten, ertappt hat: Es ist noch nicht zu spät und es lohnt sich nach wie vor, Nurse With Wound Gehör zu schenken.
Nurse With Wound / Diarmuid MacDiarmada
»Lung Oysters«
United Dairies
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