Kontrola W © Jeff Veitch, Poland, 1983; aus: Alexander Pehlemann, Rui Pedro Dâmaso, Lucia Udvardyova (Hg.): »Unearthing the Music: Footnotes to Sonic Resistance in Non-democratic Europe (1950–2000), Spector Books 2025
Kontrola W © Jeff Veitch, Poland, 1983; aus: Alexander Pehlemann, Rui Pedro Dâmaso, Lucia Udvardyova (Hg.): »Unearthing the Music: Footnotes to Sonic Resistance in Non-democratic Europe (1950–2000), Spector Books 2025

Notizen aus dem Untergrund

Wie klingt die experimentelle Musik der Sowjetunion, Jugoslawiens und während der Diktatur Francos? Der umfassende Sammelband »Unearthing the Music« geht auf Klangsuche und erinnert an vergessene wie tragische Größen des Undergrounds.

Polnischer Jazz, spanischer Punk, Belgrader New Wave. Klingt ungewohnt? Vermutlich steht die Begegnung mit der Musikszene des nicht-demokratischen Europa dann noch aus. Mit der beschäftigt sich ein dicker Sammelband des Projekts Unearthing the Music, eine Datenbank für Musik, Videos, Artikel, Studien und vieles mehr. Im Mittelpunkt stehen jene Länder, die den großen demokratischen Reformen seit Mitte des 20. Jahrhunderts ferngeblieben sind oder erst später dazu fanden. Nach vier Jahren intensiver Recherchen unter der Regie von Alexander Pehlemann, Rui Pedro Dâmaso und Lucia Udvardyova ist mit »Unearthing the Music: Footnotes to Sonic Resistance in Non-democratic Europe (1950–2000)« ein Kompendium von Aufsätzen entstanden, das jeder  musikhistorischen Vereinfachung trotzt und die unwahrscheinlichsten Sounds zutage fördert – mit begleitender Doppel-LP »Notes from the Underground«.

Unearthing the Music presents: »Notes From The Underground: Experimental Sounds Behind The Iron Curtain« (Umsceet)

Spanien: Flohmärkte unter Franco

Fangen wir mit den westlichsten Orten des Widerstands an: Spanien und Portugal. Unter Francisco Franco und António de Oliveira Salazar (und Nachfolger Marcelo Caetano) waren beide Länder bis Mitte der 1970er-Jahre waschechte Diktaturen. Musikalische Akteur*innen wie die Conceptual Jazz Association in Porto und Lissabon waren daran gewöhnt, dass die Kreativität gerade im Modus des Überlebenskampfes entstand. Zugleich – und das gilt für viele der nicht-demokratischen Länder Europas – war der Kontakt mit anderen Ländern entscheidend: In Spanien durchsuchten experimentierfreudige Musiker*innen den Madrider Flohmarkt El Rastro und griffen dort internationale Psychedelic- oder Progressive Rock-Platten ab. Diktator Franco hatte den florierenden grenzüberschreitenden Plattenhandel nicht im Blick. Die eigenen Beiträge zur Musikgeschichte wurden dann daheim produziert, wobei die dazu passenden Subkulturmagazine wie »Ozono« oder »Vibraciones« sogar legal erscheinen durften. Franco wollte der Welt – und speziell den Mächten, die sein Land isolierten – beweisen, dass ein so liberales Regime wie seines doch gar keine Demokratie bräuchte.

Belgrad: Partys, Punks und Pessimismus

Vergleichbare Anstrengungen wurden in den Ländern des Ostblocks nicht unternommen. Wobei sich im Jugoslawien unter Josip Broz Tito einige liberale Zugeständnisse fanden, die von Kulturschaffenden sofort genutzt wurden. Eine internationale Musikbiennale in Zagreb war ebenso möglich wie das Theaterfestival BITEF in Belgrad. Als Tito pünktlich zum neuen Jahrzehnt 1980 starb, kippte die Atmosphäre aber zunehmend ins Düstere. Ein brutaler, bereits auf die Massaker der 1990er weisender Nationalismus war bald unüberhörbar. Manche reagierten mit radikaler politischer Kunst, wie Laibach und das zugehörige Kunstkollektiv NSK. Andere flüchteten sich in Drogen, Partys oder Pessimismus. Dass in dieser depressiven Atmosphäre das bis heute beliebteste jugoslawische Rockalbum entstehen würde, war nicht unbedingt absehbar. Unter dem apokalyptischen Titel »Odbrana i poslednji dani« (in Deutsch etwa: »Verteidigung und letzte Tage«) spielte die Belgrader Band Idoli einen sprunghaften und doch eingängigen Post-Punk, der in seiner Experimentierfreudigkeit hinter Bands wie The Pop Group oder Joy Division nicht zurückstehen muss. Inklusive einer bitteren, jeden Nationalismus unterlaufenden Ironie und genderqueeren Narrativen. So hört man (in Englischer Übersetzung laut Buch) etwa die Zeilen: »He would like to be that girl«.

Sowjetunion: Schwermut und Gesamtkunstwerke

»That girl« des russischen Undergrounds war Yanka Dyagileva. Dyagileva war mit dem sibirischen Punk assoziiert und schrieb düstere, introvertierte Songs und Gedichte. Im Auftreten stand sie hinter ihren antisowjetischen männlichen Kollegen nicht zurück. In ihrem lebendigen Essay, dem Highlight des Buchs, schreibt Pavla Jonssonová über die Punk-Pionierin, die immer ohne Makeup und typische Frauenklamotten, dafür stets mit Gitarre unterwegs war. 1991, während der Auflösung der Sowjetunion, wurde ihre Leiche in der Inja gefunden. Yegor Letov, Dyagilevas (auch musikalischer) Partner, der ihren Gesang einmal als »weibliches Geheul« verunglimpfte, stahl nach ihrem Tod alle schriftlichen Aufzeichnungen, war aber auch für die Re-Releases ihres Werks verantwortlich. Yanka Dyagilevas posthum veröffentlichtes Album trägt den Titel »Styd i Sram« – »Scham und Schande«. 

Wer den wütenden Sound von Yanka Dyagileva mit dem einer Ikone wie Patti Smith vergleichen möchte, stößt auf die unglaubliche Distanz, die ein Land wie Sibirien vom Eisernen Vorhang trennte. In Polen hingegen konnte man noch Echos vernehmen. Die eigensinnigen Raincoats hatten 1978 in Warschau sogar einen Auftritt. Sergey Kuryokhin aus St. Petersburg war mit seinen absurdistischen multimedialen Events, genannt »Pop Mekhanika«, auch stark von westlicher Avantgardemusik und der spätromantischen Idee des Gesamtkunstwerks beeinflusst. In den späten 1980ern revanchierte er sich mit Touren in den Westen, nach Stockholm, Westberlin und sogar Santa Cruz (USA). Kuryokhins Pop-Mechaniken entstanden auch durch die Mitwirkung von Bands, darunter die legendären Rocker von Aquarium (bei denen er einmal Keyboard gespielt hatte), und entwickelten sich aus grotesken Theatereinlagen und okkulten Zeremonien, unterbrochen von industriellem Lärm oder folkloristischen Einlagen.

Bratislava: Radiokunst statt Staatskunst

Wichtig für die »Sonic Resistance«, das machen die Aufsätze im Buch klar, waren nicht nur einzelne geniale Musiker*innen, sondern auch Institutionen und Festivals, die gegen alle Widerstände agierten. Seit 1965 bot etwa das Experimental Studio Bratislava Räume für Musik jenseits ideologischer, aber auch kommerzieller Beschränkungen, ob es sich um Sounds für Radiofeatures handelte, elektroakustische Musik für Hörspiele oder andersartige Klangkunst. Auch stand das EXS mit etablierten Komponist*innen wie Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel in Austausch. Sogar die japanische Rundfunkgesellschaft NHK spielte vier Stunden Musik aus dem EXS. Der Noise, das Knacken und Rauschen waren dem sozialistischen Regime der Tschechoslowakei womöglich zu abstrakt, um politisch verdächtig zu sein. So konnte das Studio als »mysterious zone marked by free-thinking« fortbestehen.

Auch die kurzlebigen Riga Avant-garde Music Festivals (1976–1977) trugen ihren experimentellen Anspruch offen zur Schau und versammelten Musiker*innen verschiedener Sparten und aus verschiedenen Regionen der Sowjetunion. Aufgeführt wurden zeitgenössische Kompositionen von John Cage oder Karlheinz Stockhausen. Terry Rileys bekanntestes Werk, die minimalistische Komposition »In C« wurde von der Rockgruppe Boomerang interpretiert. Auch frühe Werke des estnischen Komponist Arvo Pärt kamen zur Aufführung. Dass Pärt einer der wenigen Namen ist, die Lesenden bekannt vorkommen dürften, markiert den grundlegenden Charakter des Buchs. Unverzichtbar für alle Lesenden, die jenseits des westlichen Musikkanons forschen oder sich in ungewohnten Klängen verlieren wollen.

Alexander Pehlemann, Rui Pedro Dâmaso, Lucia Udvardyova (Hg.): »Unearthing the Music: Footnotes to Sonic Resistance in Non-democratic Europe (1950–2000), Spector Books 2025

Links: https://unearthingthemusic.eu/ 

https://www.spectorbooks.com/book/unearthing-the-music 

Home / Musik / Artikel

Text
Fabian Lutz

Veröffentlichung
08.02.2026

Schlagwörter


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