Nach Mitteleuropa und anderswohin

Von 25. bis 30. Oktober 2005 fand das neunte Internationale Dokumentarfilmfestival im tschechischen Jihlava statt.

In der ansonsten kaum bekannten kleinen Industriestadt auf der Böhmisch-Mährischen Höhe – zu Deutsch auch Iglau – war Ende Oktober mächtig was los. Hier ist schon zum neunten Mal das größte Dokumentarfilmfestival Mitteleuropas erfolgreich über die Bühne gegangen. Das Jihlava IDFF, ein für alle Richtungen des anspruchsvollen Dokumentarfilms offenes Festival, ist international ausgerichtet, sein Hauptaugenmerk richtet es allerdings auf das mitteleuropäische Dokumentarfilmschaffen.

Der Preis für den besten mitteleuropäischen Dokumentarfilm – der Preis der Sektion »Zwischen den Meeren« – ging an »Csigavar« (»Die Festung der Schnecke«) des ungarischen Regisseurs Dezsö Zsigmond, ein melancholisches Porträt einsamer Leben in einem ungarischen Bergdorf. Innerhalb derselben Sektion erhielt übrigens Hubert Sauperts »Darwins Nightmare« den Sonderpreis der Jury. In der Sektion »Tschechische Freude« – dem Wettbewerb um den besten tschechischen Dokumentarfilm – ging der Hauptpreis an »Vierka« (»Vierka oder das geheimnisvolle Verschwinden der Familie B.«) von Miroslav Janek. Der Film dokumentiert das problematische Zusammenleben einer slowakischen Romafamilie und einer arrivierten Sängerin, die die begabte Tochter der Familie fördern möchte. Den Publikumspreis erhielt »Zdroj« (»Quelle«) des tschechischen Regisseurs Martin Marecek, der ein Pipelinebauprojekt im vielfach korrupten Aserbaidschan beleuchtet. Die junge japanische Dokumentaristin Naomi Kawase erhielt den Preis für den Beitrag zur internationalen Kinematografie. Gezeigt wurden mehrere Filme aus ihrem bereits sehr umfangreichen Oeuvre, darunter »Slowly« (1994), ein unprätenziöses, zuweilen aber auch allzu monotones Porträt des urbanen Menschen jenseits der 75 – am Beispiel der Großmutter der Regisseurin.

Die Gäste des Festivals wurden jeweils mit einer Retrospektive bedacht. Die 1968 in die USA emigrierte tschechische Regisseurin Jana Bokova überzeugte vor allem durch eine ihrer neuesten Arbeiten, »Tango Salon«: ein Tanzklub in Buenos Aires fungiert für ganz verschiedene Personen als eine Möglichkeit, die Wirtschaftskrise in Argentinien zu überstehen. Der in erster Linie für linkes Dokumentarfilmschaffen bekannte argentinische Regisseur Fernando Solanas präsentierte seinen neuen Film »The Dignity of the Nobodys«, eine Reihe von Einzelporträts jener »von ganz unten«, die es geschafft haben, der Wirtschaftskrise und der massiven Korruption in allen öffentlichen Bereichen zu trotzen und sogar eigene kleine Siege zu feiern. Eine beklemmende Reportagenreihe, die bei allem Engagement des Pathos nicht entbehrt. Weitere Gäste des Festivals waren – neben Naomi Kawase – der für seine Collagetechnik bekannte US-amerikanische Experimentalfilmer Bruce Conner sowie der französische Dokumentarist Jean-Pierre Gorin, den eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit mit Jean-Luc Godard verbindet. Die von den beiden in den späten 60er Jahren gegründete Dziga-Vertov-Gruppe brachte Filme wie etwa »Letter to Jane« (1972) hervor, der Jane Fonda bei einem Besuch in Vietnam 1972 begleitet. Gezeigt wurde außerdem Godards »Pravda« von 1969, eine umstrittene Arbeit über die Idee und die Praxis des Sozialismus.

Die Präsenz des österreichischen Films war bemerkenswert. Neben Hubert Saupers »Darwin’s Nightmare« stieß auch Michael Glawoggers »Working Man’s Death« auf großes Interesse, ebenso Angelika Schusters und Tristan Sindelgrubers »Operation Spring«. Über hohe Besucherzahlen freuen konnte sich auch ein vom Wiener sixpackfilm organisierter Workshop über den österreichischen Avantgarde- und Experimentalfilm, bei dem Arbeiten von Peter Tscherkassky, VALIE EXPORT, Johannes Hammel, Dietmar Brehm, Dariusz Krzeczek und Thomas Steiner gezeigt wurden.

Das junge, engagierte und im Übrigen perfekt organisierte Festival ist auch für Filminteressierte aus Österreich ein ganz besonderer Geheimtipp. Eine Reise nach Jihlava Ende Oktober 2006 wird sich lohnen.   

www.dokument-festival.cz