Johnny Cash

»My Mothers Hymn Book«

American Recordings/Universal

Seit letzten September Mr. Cash leider von uns gegangenen ist, hat eine ganze Menge Druckerschwärze den Weg aufs Papier (oder den Monitor) gefunden, dass es nicht einfach ist, dem neue Nuancen hinzuzufügen. Mit »My Mothers Hymn Book« ist nun der erste Teil der gefürchtet teuren Cash-Box als Einzel-CD veröffentlicht worden. Und dieses exquisite Bündel an Gospels und Spirituals aus dem tatsächlichen Liederbuch von Mutter Cash rechtfertigt als ausgewogene, thematisch homogene Songsammlung die separate Veröffentlichung. Nur allzu schnell ist man oft mit dem Vorwurf der pietätlosen Leichenfledderei zu Hand, nicht aber bei »MMHB«: Erstens überfordert die Anschaffung der gesamten Box mit Kosten von 80-120 Euro viele nicht so prall gefüllte Brieftaschen, und zweitens bildet das spirituelle Hymnenbuch, auf dem sich nur Coverversionen (die meisten ohne ausgewiesene Autorenschaft quasi Volksliedgut) befinden, einen eigenen Mikrokosmos in der begehrten Schachtel. Der lebenslange Man in Black singt sich inbrünstig – und mit im Vergleich zu den American Recordings 3+4 erstaunlich kräftiger Stimme – durch die Gospels und Spirituals seiner Kindheit und Jugend und erweist damit seinen Inspiratoren Reverenz, womit sich ein Kreis schließt. Wahrscheinlich ist »MMHB« für den wandelnden Widerspruch Johnny Cash auch ein spätes Dankeschön an die Kraftquelle Glauben, die ihn nach eigener Aussage dem Sensenmann mehrmals gerade noch entschlüpfen ließ. Für das mitteleuropäische, in Fragen der Spiritualität nicht ganz so hingebungsvolle Gemüt, ist das in voller Länge nicht immer leicht durchzustehen. Wenn auch in bewährter Rick Rubin-Manier karg instrumentiert und geschmackssicher arrangiert, können die ohnehin schlanken 38 Minuten der CD sich – so man sich nicht in der entsprechenden Stimmung befindet – schon in die Länge ziehen. Thematisch geht’s, wie immer bei Cash, um nichts weniger als die fundamental-existenziellen Dinge: Schuld, Vergebung, Liebe, Treue, die Unsterblichkeit der Seele und andere, für sich alleine schon abendfüllende Materien. Dramaturgisch perfekt positioniert ist als drittletztes Stück das swingende »In the Garden«, das kurz vor dem Wegdösen einem aufsteigenden Schlafbedürfnis durch rhythmische und melodische Raffinesse noch einmal ein Schnippchen schlagen kann. Für alle, die den oft nicht Nashville-kompatiblen Bariton erst als Interpret von Pop/Rocksongs neueren Datums kennen gelernt haben, kann »MMHB« leicht verstörend wirken, der/die echte Cashianer/in hat sich das Teil sowieso schon zugelegt. Hope we meet again in heaven!