»Muse« © Hermann Kremsmayer

Mut zum Unmittelbaren

Die Ausstellung »Farbe, Licht, Raum« in der Galerie Amart zeigt bis 30. Juli 2022 die Werke des österreichischen Malers Hermann Kremsmayer und geht der Ambivalenz zwischen Intimität und dem »großen Ganzen« nach. Im Gespräch wird klar, wie er versucht, das Unmittelbare in seinen Bildern zu versöhnen.

Wenn man Hermann Kremsmayers Zugang zur Malerei auf den Punkt bringen müsste, dann wäre es der Mut zum Unmittelbaren, das sich unendlich aus sich selbst erschöpft. Während der Titel der aktuellen Ausstellung in der Galerie Amart »Farbe, Licht, Raum« fast plakativen Charakter hat, bündelt er doch gleichzeitig die Essenz von dem, was Malerei für Kremsmayer durch und durch ist. Es liegt in diesem Dreigespann, in dem der Künstler die Brücke schlägt zwischen dem, was uns »trifft« und doch gleichzeitig unerreichbar bleibt. Noch bis zum 30. Juli 2022 ist es möglich, in der Galerie Amart diese Ambivalenz selbst zu erfahren. Inwiefern die eigene Faszination zum Rätsel dabei ein Motor ist, um zu erforschen, was noch nicht sichtbar ist, erzählt uns Kremsmayer im Interview.

skug: Inwiefern ist das Sehen für Sie eine Form der Welterschließung?

Hermann Kremsmayer: Hier muss man erst einmal sagen, dass das Verbildlichen nicht nur über das Sehen funktioniert. Man kann die Augen auch schließen und Bilder sehen. Träume funktionieren schließlich auch alle mit Bildern und nicht durch Worte. Und meines Erachtens muss gute Malerei für den Menschen, der sie anschaut, zwei Dinge können: Das Bild sollte einerseits eine Intimität erzeugen und andererseits völlig unerreichbar bleiben.

Woher kommt diese Dualität?

Bei allen unseren Bemühungen geht es eigentlich immer darum, dass wir ein Ich-Erlebnis haben. Wir fliehen aber auch gerne vor diesem Ich-Erlebnis, und zwar, indem wir in Gemeinschaften aufgehen. Die Musik schafft das gut: Dieses gemeinsame Verschmelzen in der Masse. Die Malerei kann das nicht. Andererseits hat sie die unglaubliche Chance, diese Nähe, dieses Intime, das, was mir selber gehört, zu sehen und gleichzeitig das Unerreichbare, das andere, was ich eben nicht bin, zu umschließen. Denn dieses Ich, das wir in unterschiedlicher Weise alle entwickeln, hat das Problem, dass es mit der Zeit vereinzelt und einsam wird. Deswegen versuchen wir uns ständig mit dem großen Ganzen, dem »Anderen« zu verknüpfen: Entweder fallen wir bei dieser Suche in einen Regress im Sinne des Wieder-Baby-Spielens, indem wir in diesen intimen Brei zurückkehren, in dem wir uns selber gar nicht erleben, sondern einfach schwimmen. Oder aber – und das ist die schwierigere Möglichkeit – wir schreiten fort und halten die Ambivalenz zwischen dem Ich und dem Unerreichbaren aus. Wenn du ein gutes Bild anschaust, hast du die Brücke zwischen diesen Ebenen. Dort siehst du sie abgebildet.

Wenn mich ein Kunstwerk »trifft«, dann funktioniert es genau an der Schwelle von dem, was für mich sichtbar ist, und dem (noch) Unsichtbaren, das die*der Künstler*in erschließen will. Das macht Künster*innen zu Künstler*innen.

Das Fremde, das Unmittelbare, das Rätsel. Natürlich gibt es auch gesellschaftlich relevante Kunst, die vor allem medial stark vertreten und diskutiert wird. Man wird dann etwa gefragt, wie sich die Pandemie auf die eigene Kunst auswirke oder wie man als Künstler mit dem Ukraine-Krieg umgehe. Natürlich spielt das eine Rolle für meine Befindlichkeit, aber generell versuche ich, diese Themen aus dem Atelier herauszuhalten. Ich glaube nicht, dass das Politische, Gesellschaftliche das Entscheidende für den Menschen ist. Es sind immer einzelnen Bezugspersonen, die uns in unserem individuellen Heranwachsen formen. Und nicht dieses Allgemeine, Zeitgeistige, das irgendwo herumschwebt.

Ohne Titel © Hermann Kremsmayer

Geht es nicht immer um einen Dialog? Selbst der private Dialog setzt irgendwo eine*n »Andere*n« voraus.

Ja, aber das ist genau dieses Intime und nicht das, was die Spatzen als Zeitgeist von den Dächern pfeifen.

Da bin ich auch ganz bei Ihnen, dennoch handelt es sich um eine dialogische Dynamik. Im politischen Dialog ist dieser Dialog nur schon systematisiert, während er in der Intimität noch eine gewisse Charakteristik der Unordnung hat.

Es bedingt sich gegenseitig: Das Intime verursacht, dass es diesen Gegensatz zum großen Ganzen gibt, zu dem du nicht gehörst und das du suchst. Ich behaupte, dass die Malerei genau diese Ambivalenz darstellen kann. Also sie kann praktisch aus diesem intimen Raum heraus die Suche nach dem großen Ganzen erahnen lassen. Es ist keine Lösung, sondern eine Darstellung des Problems. Wenn man ein Problem auf eine harmonische Weise darstellt, kann man auch leichter damit leben. Das ist, was ich mit meiner Malerei versuche. Natürlich haben Bilder auch immer etwas mit der*dem Malenden zu tun, und diesen Aspekt zu ignorieren, hieße ja faktisch, die Kunst zu enthumanisieren. Aber so interessant auch dieser Zusammenhang zwischen Künstler*in und Werk sein mag, bleibt er trotzdem vernachlässigbar. Denn es geht um den Zusammenhang zwischen dem Bild und der Person, die es anschaut.

Eine Art stummer Dialog zwischen Malenden und Betrachtenden, dessen Inhalt sich unterscheidet.

Der Inhalt könnte sich völlig unterscheiden, nachdem die*der Malende vielleicht aus ganz privaten Motivationen handelt.

Vielleicht kommen wir an dieser Stelle konkreter auf Ihre Malerei zu sprechen: In der Abstraktion verschwimmt der Zusammenhang zwischen Vorstellungen und Ausdruck. Der Inhalt, der einen dort »trifft«, ist im Gefühl unklarer.

Aber auch unmittelbarer!

Im Wort »unmittelbar« steckt das Un-Mittelbare ja schon drinnen: Etwas, das nicht mittelbar ist.

Ein kurzer Vergleich zur Musik: Wenn man Musik einschaltet, hat man sofort ein anderes Gefühl. Egal ob Schubert-Lieder, Hard Rock oder Jazz: Solang du’s hörst, bist du drinnen, aber sobald es aus ist, ist das Gefühl weg und du kannst nur versuchen, es dir in Erinnerung zu rufen. Die Malerei ist da ganz anders. Es ist nicht so, dass du ein Bild anschaust und sich deine Gefühlswelt sofort ändert. Genauso zeigt diese Wirkungsmacht, dass es überhaupt keinen Sinn hat, zu zehnt vor einem Bild zu stehen. Aber alleine in einem Konzert zu stehen, ist komisch. Da brauchst du Mitstreiter*innen. Es ist vielleicht nett, zu zweit oder dritt in eine Ausstellung zu gehen, damit du danach über das Gesehene sprechen kannst, aber es ändert tatsächlich nichts an der unmittelbaren Wirkungsmacht. Es zeigt, dass die Malerei auf den Einzelnen zugeht und immer ein Rätsel aufmacht. Ich meine, selbst die Sammlungen haben eine ganze Zeit gebraucht, bis sie für die Öffentlichkeit überhaupt aufgemacht wurden. Und es beruhen alle großen Sammlungen in Österreich auf Einzelpersonen: Albertina, Leopold, Essl, Ludwig! Selbst im Kunsthistorischen Museum sind es nur drei Sammlungen, die zusammengekommen sind.

Ohne Titel © Hermann Kremsmayer

Inwiefern glauben Sie, dass Ihre Malerei zur Entwicklung des Menschen etwas beitragen kann?

Wie sich die Menschen abmühten, zu entwickeln und voranzubringen, sieht man in der Kunstgeschichte! Von der Höhlenmalerei bis zu dem, was wir im Kunsthistorischen sehen: Es porträtiert immer bis zu einem gewissen Grad diese Anstrengungen, sich abzuarbeiten, auf der Suche nach dem, wer wir eigentlich sind. Das ist auch das Faszinierende an der Kunstgeschichte: die Bemühungen der Menschwerdung. Wenn ich das nun auf mich herunterbrechen muss, dann geht es wieder darum, diese Brücke zu bauen zu der*dem, die*der das Bild anschaut und sich in den Farben wiederfinden will. Es bleibt in einem gewissen Sinn immer noch ein Geheimnis, wieso einen Menschen gewisse Farben rühren und einen anderen nicht. Diesem Geheimnis war ich schon immens auf der Spur, wobei ich es nicht lüften werden, weil es nicht lüftbar ist! Es bleibt ein Mysterium im großen Ganzen, zu dem ich keinen Zugang habe. Ich habe nur den intimen Zugang: Farbe wird für mich zu einem nahen Erlebnis. Gleichzeitig geht das Bild immer in dieses Rätsel hinein, das unmittelbar ist. Das Bild kann das abbilden, was normalerweise immer zwischen dem Verschwinden und Aufgehen in etwas anderem oder in der Vereinzelung und Einsamkeit schwankt. Mit einem guten Bild kann ich mich mit diesem Konflikt versöhnen.

Wenn ich frage, was Sie damit beitragen wollen, impliziere ich, dass es ein bewusster Akt ist! Vielleicht bewegen Sie sich aber auch im Akt des Malens schon im Unmittelbaren. Wie malen Sie?

Ich male seit über 50 Jahren und habe dadurch eine relative Vorstellungskraft. Ich kann mir die Dinge denken und sie dann malen. Es ist aber nicht so, dass ich das verworte und sage: Da wird es blau. Die Stimmung, die ein Bild in mir erzeugt, generiert automatisch die Farben. Nicht im Detail, aber im Großen und Ganzen kann ich mir das so vorstellen und malen. Aber diese Vorstellungen wachsen von innen: In der Nacht, in der Früh, beim Duschen. Ich kann mich immer wieder einfühlen. Und irgendwann male ich es. Es liegt aber auch im Malen selbst: Wenn etwas Nass-in-Nass geht, hat es eine ganz andere Unmittelbarkeit, als wenn ich erst auf trockenem Grund zum Weitermalen komme. Natürlich gibt es aber auch Vorstellungen von Bildern, wo ich nicht weiß, wie sich das malerisch lösen könnte. Wo ich es ausprobieren muss, damit ich überhaupt sehe. Um zu wissen, wo ich hinmuss. Das sind dann eher mühsame Bilder, aber wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, dass es gelingen kann, wenn man dranbleibt, dann bleibt man dabei. Da bin ich oft baff und erstaunt.

Wieviel Unmittelbarkeit liegt im Malen selbst?

Da gibt es eine sehr große Bandbreite. Einerseits ist Malen wie eine chirurgische Tätigkeit: Ich weiß ganz genau, was ich machen muss. Wie und in welcher Konsistenz ich die Farbe herrichten muss und welchen Pinsel ich brauche. Da muss alles stimmen. Dann setze ich die Pinselstriche, sehr konzentriert, sehr langsam und sehr distanziert dem Bild gegenüber. Aber es passiert natürlich auch, dass eine Form des Begehrens entsteht. Und das Begehren richtet sich natürlich an das gelungene Bild: Ich begehre es, ich will es. Im Moment, wo ich anfange, zu begehren, weiß ich, dass ich verlangsamen muss. Weil in dem Moment, wo ich begehre, dass das Bild gelingt, und mich beeile, geht es schief. Begehren führt eben auch in eine gewisse Erregung, in der man aufgeregt wird. Da braucht man die Rückbesinnung auf diesen chirurgischen Eingriff. Aber im Grunde ist selbst das völlig verinnerlicht, denn der kontrollierende Blick ist oft schädlich. Hin und wieder schau ich hin, damit ich am richtigen Ort bin, aber dann schau ich weg und spür es nur mehr. Es gibt am Ende des Tages nur eine Regel: Es wird nichts korrigiert, korrigiert wird morgen. Um auch hier ist eine gewisse Unmittelbarkeit festzuhalten. Man könnte auch sagen: Ich brauche dieses Gefühl, dass da jetzt etwas entsteht, was mit mir eigentlich nichts zu tun hat.

Ohne Titel © Hermann Kremsmayer

Eine Entfremdung vom eigenen Werden.

Es gibt Bilder, wo ich mir gewisse Situationen vorstelle, ein gewisses Erlebnis vorhanden ist. Ich will also etwas wie eine Paraphrase mit der Malerei darstellen. Genauso, wie man es auch aufschreiben könnte. Nur dass es in meinem Fall die Farben auszudrücken vermögen. Und dann schaue ich mir das Bild an und denke mir: Können diese Farben das ausdrücken? Und es stimmt nie ganz. Aber dann denke ich mir gleichzeitig: Das ist es zwar nicht, aber ist auch nicht schlecht! Bilder haben auch ein gewisses Eigenleben. Ich vergleiche das Malen gerne mit dem Wellenreiten. Ganz speziell den Moment, wo man nach vielen Versuchen die eine Welle erwischt. Genau dann hat der Wellenreitende sein Erlebnis und ist komplett in der Gegenwart. Es ist doch gleichzeitig auch immer schon vorbei und er will es wiederholen. Ich kann es festhalten!

Sie können den Moment also auch nie wiederholen, aber sichtbar machen!

Ja, ich kann ein Bild davon machen. Das hat etwa Orgiastisches an sich. Jeder kennt dieses Gefühl, wenn etwas gelingt.

Wann ist für Sie der Moment eingetreten, in dem Sie sagen: Jetzt funktioniert das Bild!

Wenn mir nichts Entscheidendes mehr einfällt.

Und was ist das Entscheidende?

Das Entscheidende ist etwas, was das Bild noch entscheidend ändern würde. Ich weiß aber auch über die Gefahr. Denn irgendwann kann es passieren, dass man aus einem großen Bild ein kleinkariertes macht. Also es muss schon immer etwas sein, das den entscheidenden Eindruck des Bildes doch noch ändert. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, dann ist es fertig. Also gut ist schon immer dieses Nass-in-Nass-Malen mit der Farbe. Dann mischt man auf der Leinwand selbst und im Moment die Farben.

Also, wenn sich selbst das Material, mit dem man malt, noch nicht festgesetzt hat.

Das hat eine Unmittelbarkeit, die eine faszinierende Aussage hat. Weil sie das Hier und Jetzt, das Festhalten des Augenblicks bedeutet.

Malerei agiert also genau zwischen Gewohnheitspraxis und Spontanität.

Absolut. Und da zeigt sich alleine in einem Pinselstrich!

Und wann verwerfen Sie ein Bild?

Alle so drei, vier Jahre schau’ ich mir die unfertig gebliebenen Bilder an und denke mir: Bevor ich da weitermale, fange ich mit Sicherheit wieder ein neues Bild an. Dann schmeiße ich es schlichtweg weg. Es ist nicht allzu viel, aber es gibt einen Ausschuss.

Ohne Titel © Hermann Kremsmayer

Die aktuelle Ausstellung trägt den Titel »Farbe, Licht, Raum«. Das ist sehr eindeutig. Was sagt der Titel im Rahmen der aktuell gezeigten Bilder?

Malerei bedeutet für immer und ewig »Farbe«. Mein Farb-Verständnis leitet sich aus der Moderne ab. Die Moderne wollte mit allem einen Bruch machen. Für die Malerei hieß das: Es gibt kein Abbild mehr, das wird verworfen. Ich habe nur mehr die Farbe als eigenständige Kraft. Wenn das Rot nicht mehr das Rot ist, das ein Tuch oder eine Haarspange oder einen Vorhang bedeutet, sondern nur mehr Rot bedeutet, dann geht eine neue Welt auf. Dieser Farb-Tradition schließe ich mich an. Ich will mit den Farben nichts bezeichnen.
Allerdings ist das mit dem Bruch vorbei: Du kannst nicht ewig brechen! Die ewige Revolution führt ins Nichts. Irgendwann braucht es auch wieder eine gewisse Kontinuität. Und wir hatten Vorgänger*innen in der Moderne, die darauf achteten, dass die Farbe wirklich nichts assoziieren lässt. Genauso wenig sollte sie auf einen Raum rückschließen lassen oder Licht darstellen: Allein Farbe auf weißer Leinwand, nicht mehr. Hier steige ich aus dem Credo der Moderne aus. Diese Analytik, die die Moderne prägte, habe ich überhaupt nicht. So komme ich zu »Licht« und »Raum«. Ich nehme mir die Freiheit der Farbe aus der Moderne, verbinde sie aber wieder mit »Traditionellem«, also mit Raum- und Lichtdarstellungen. Einer der interessantesten kunstgeschichtlichen Fakten ist, dass es Darstellung von Licht nur in Europa gibt. Natürlich gibt es Abbilder von Lampen oder der Sonne auch in anderen Kulturkreisen, aber das Licht selbst, das irgendwo draufscheint, das ist eine europäische Erfindung, mit Ursprung in Italien. So etwas Entscheidendes plötzlich auszuklammern, geht mir nicht auf.

Farbe wäre auch nicht sichtbar ohne Licht.

Natürlich! Wenn man das Licht ausdreht, ist auch die Farbe weg. Und wenn man der Malerei die Illusion nimmt, was ja die Moderne wollte, dann hat man sie völlig missverstanden. Malerei ist selbstverständlich illusionierend. Dieses Faktische in der Malerei, Farbe auf einer Fläche: Das ist ja fad!

Und es ist nicht, was uns »trifft«. Es beschäftigt nur den Diskurs.

Es hat den Diskurs illustriert. Aber es bleibt eben auch nur Illustration eines Diskurses.

Ist nicht jedes Bild aber auch ein kleiner Bruch mit der Welt, weil es einen Aspekt anders ausdrückt?

Eher eine Fortsetzung! Oft wird man als Maler gefragt, wie man zu seinem individuellen Stil käme. Diese Frage habe ich mir nie gestellt! Ich kann sowieso nicht malen wie ein anderer. Ich weiß, dass der individuelle Stil das ist, was ich nicht kann. Das Nicht-Können bedeutet schon, es anders machen zu müssen. Und dadurch ist das Nicht-Können vielleicht gerade das, was besonders ist! Das Vorantasten bleibt dabei aber immer dialektisch.

Ohne Titel © Hermann Kremsmayer

Inwiefern ist Ihre Malerei eher eine Kontinuität als ein Bruch?

In den 1990er-Jahren dachte ich mir noch, man müsse sich die ganzen Moderne aneignen und durchgehen, um das Aktuelle zu bedenken. Natürlich kannst du immer irgendeine Nische für dich finden. Es gibt immer etwas, das noch nicht bearbeitet wurde. Aber ich fand es interessanter, die Dinge einfach anders zusammenzusetzen. Und damit ist der Titel der Ausstellung sehr plakativ »Farbe, Licht, Raum«, weil es eben genau diese Wiederzusammenbauen abbildet. Und zum Bruch: Es ist Tragik oder Glück – je nachdem, wie man das betrachten will – dass ich als Individuum, als Einzelner ohnehin anders bin. Da komme ich nicht aus. Ich kann nicht so sein, wie ein anderer. Je nachdem, wer meine Bilder also sieht, wird etwas anderes darin spüren. Das kann Kontinuität oder Bruch sein.

Jean-Luc Nancy hat das schön erklärt: Die Liebe sei so gesehen der tragische Versuch, das geben zu wollen, was man nicht geben kann, und das ist man selbst. Auf die Malerei übertragen will man also eine Sichtweise auf die Welt geben, die man in der Form auch nie vollends geben kann, weil die*der Andere es nie so sehen wird.

Die Liebe ist so und so eine wunderbare Metapher: Wir riskieren wahnsinnig viel, um genau dieses Erlebnis zu haben. Du willst dich in der*dem Anderen verlieren. Man will die Gemeinsamkeit und das »Wir« haben. Das sind alles wahnsinnige Ideen! Und trotzdem will man alles dafür riskieren. Du riskierst alles, trotz der Gefahr, all das zu bekommen, was du ja vermeiden willst: die Einsamkeit, das Alleinsein, das Nur-mit-sich-Sein. Das ist verrückt und die Menschen machen es trotzdem immer wieder. Und auch hier hilft dir alle Analytik überhaupt nichts, wenn du mitten drinnen steckst. Insofern ist es genauso wie bei der Malerei: Alles Wissen über die Malerei hilft dir überhaupt nichts in dem Moment, wo du vor dem Bild stehst. Das ist wie mit der Liebe. Man könnte sie psychologisch komplett durchleuchten und trotzdem ist man dem Gefühl gegenüber ohnmächtig. Weil man es auch irgendwie will.

Somit bleibt Malerei eine Ausdrucksform, die etwas auszudrücken vermag, das man nicht anders ausdrücken kann, und bleibt trotzdem immer eine Annäherung. Ein Schlussplädoyer.

Das lassen wir einmal so stehen.

Links:

http://www.kremsmayer.com/

https://www.amart.at/