SIGNALE 18 © The Hat

Musik politisch machen

Christiane Rösinger, Gustav, Shapka, Fauna, Femme DMC u.v.m. sind am Mittwoch, dem 19. Dezember in der Arena Wien am Start, um sich gegen die aktuelle politische Situation in Österreich zu solidarisieren. skug im Gespräch mit den Veranstalter*innen des politischen Musikfestivals SIGNALE 18.

Bernhard Kern von Siluh Records hat Anfang des Jahres an alle Leute, die er im Musikumfeld kennt, eine E-Mail ausgeschickt. Der Grund: Er wollte gemeinsam etwas gegen die aktuelle politische Situation in Österreich unternehmen. Daraus entstand das linke Musiker*innenrat-Netzwerk: eine offene Online-Plattform, der sich jede*r anschließen kann, um gemeinsam Aktionen zu organisieren und politisch aktiv zu werden. Ein Teil dieses Kollektivs hat auch die SIGNALE 18 organisiert, die am Mittwoch, dem 19. Dezember in der Arena Wien stattfinden. Das Festival will »Musik politisch machen« und wartet mit einem bunten Line-up sowie Workshops zu antirassistischer Zivilcourage und zivilem Ungehorsam auf. skug hat im Vorfeld mit Franziska Schwarz und Oliver Horvath vom linken Musiker*innenrat-Netzwerk über das Kollektiv und das Festival gesprochen.

Franziska Schwarz © Tina Bauer

skug: Was hat es mit eurem Logo, dem Kometen auf sich?
Franziska Schwarz: Meine Interpretation ist: »Gemeinsam aufsteigen«.
Oliver Horvath: Ich hab’ mir gedacht, es ist ein Zeichen am Himmel.

Oder ein Komet schlägt ein?
OH: Ja, oder es passiert etwas … Krach!

Was stört euch denn genau an der aktuellen politischen Situation?
OH: Ob man das so einfach beantworten kann?
FS: So viel, jeden Tag kommt eine neue Keule. Deshalb ist auch die Gemeinschaft so wichtig. Da kannst du zum Beispiel sagen, dass es scheiße ist, dass Strache gestern gesagt hat, er will nicht mehr, dass Flüchtlinge nach 20:00 Uhr rausgehen.
OH: Das grundsätzlich Schlimmste ist der Rassismus, der jetzt wieder en vogue ist. Der ist täglich auf dem Tableau, es ist ganz normal geworden. Für mich persönlich das Schlimmste ist, dass täglich etwas Neues kommt. Ich habe einen grundsätzlichen Ekel, in diesem Land zu leben, mit so einer Regierung.

Am Festival gibt’s einen Workshop: Rechtsgrundlage für antirassistische Zivilcourage vom Netzwerk Kritische Rechtswissenschaften. Man lernt zum Beispiel, wie man mit rassistischen Polizeikontrollen umgeht, Stichwort T-Ser. Glaubt ihr, dass es jetzt mehr rassistische Polizeikontrollen gibt?
FS: Nach meiner Wahrnehmung gibt es viel mehr Polizeipräsenz und ich sehe das schon als Mittel zur Einschüchterung der Bevölkerung. Es ist ja nicht gefährlich, man soll nur glauben, dass es schlimm ist. Ich hab’ schon das Gefühl, dass die Politik eine aggressive Grundstimmung macht. Worum es beim Netzwerk auch geht, ist diese Selbstermächtigung. Deshalb auch die Workshops, es ist nicht nur Musik, was wir machen. Wir wollen uns gegenseitig enablen.
OH: Ja, voll, das ist auch bei den Signalen ein wichtiger Aspekt. Es geht ums Lernen und ums Kennenlernen. Was gibt’s noch für Szenen, die ganzen Bands, das ist alles nicht unbedingt meine Szene und teilweise kenn’ ich die Bands nicht mal. Da gibt’s zum Beispiel den politischen HipHop-Act Femme DMC.

Wer sind die Headliner am Festival?
FS: Gustav, Christiane Rösinger natürlich und natürlich auch die Signale Band. Also wir stellen eine Band, wo zum Beispiel Clara Luzia ein Lied mitsingt oder Manuel Rubey, ESRAP und Schmieds Puls. Schapka sind auch dabei, Bad & Boujee, Fauna. Ja, das sind glaub ich eh schon fast alle.

Das Line-up ist ja sehr bunt gemischt. Ihr geht von Punk über Indie, HipHop bis hin zu Electro-Musik. Es ist alles dabei.
OH: Das war uns auch sehr wichtig, dass es möglichst divers ist. Nicht nur vom Hintergrund der Leute her, sondern auch von den Genres und von den Szenen, die damit verknüpft sind. Dass wir nicht in unserer Indie-Blase bleiben, sondern auch andere Szenen einladen und schauen, wie ist man in anderen Szenen politisch aktiv. Wir sind vom Punk sozialisiert und da gibt’s das Aufmarschieren und Schreien und so weiter. Aber wie macht man das zum Beispiel im HipHop – was haben die für Mittel.

Stichwort Aufmarschieren und Schreien, das bringt mich zum zweiten Workshop: Go.Bloc.Act. Was lernt man beim Workshop?
FS: Wir hoffen, dass es wirklich um Sitzblockaden geht. Die Workshops sind allerdings verkürzte Aktionen. Also wer sich wirklich dafür interessiert, kann auch ausgedehntere Workshops machen.

Glaubt ihr, ziviler Ungehorsam ist der letzte oder der einzige Weg, noch etwas zu erreichen?
OH: Den letzten Weg gibt’s nie.
FS: Es ist auf jeden Fall ein Recht, von dem soll man Gebrauch machen. Am Fest selbst hab’ ich leider keine Zeit, den Workshop zu machen, aber ich will ihn in Zukunft irgendwann machen, weil ich wissen will, was man tun kann. Man macht ja voll viel nicht, aus Unsicherheit. Auch beim Rechtsgrundlagen-Workshop, oft ist man so gelähmt in Situationen und denkt sich im Nachhinein: Fuck, ich hätte wirklich etwas tun können.
OH: Dass man eine Sprache lernt, was man sagen kann, und dass man Mut lernt, dass einem die Augen geöffnet werden. Ich kann mich da einfach hinstellen, ich kann mich vor diesen Kiberer hinstellen und sagen: »Na, ʼtschuldige, so nicht«.
FS: Wir hoffen, das ist ein allgemeines Interesse. Man ist nicht allein damit, dass man sich so etwas aneignen möchte.
OH: Es hat auch viel mit Scham zu tun. Vielleicht ist es einem peinlich, bei einer Demo am Boden zu sitzen oder bei der Demo laut zu schreien.

Als ich gelesen habe »ziviler Ungehorsam«, hab’ ich mir gedacht, was lern’ ich da? Bekomm’ ich ein Bengalo in die Hand gedrückt und lern’, damit umzugehen?
FS: Das glaub’ ich eben nicht. Es sind keine Sachen, die Grenzen überschreiten. Nichts, wo man sagen könnte, das darf man eigentlich nicht. Aber ich kenn zum Beispiel Leute, die bei Demos verhaftet wurden. Wann muss ich mich ausweisen, was darf der Polizist überhaupt und was kann ich den Polizisten fragen, damit ich im Nachhinein weiß, wer was gemacht hat. Ich komm’ vom Land und dieses Politisch-Sein eigne ich mir hier erst an. Ich hab’ ur lang vermittelt bekommen, dass man sich klein machen soll und ja nicht auffallen. Ich find’ das ist ur empowernd, wenn man sich eine Bühne nimmt und auch weiß, wie kann ich mir den Raum nehmen. Das sehe ich auch in diesem Workshop für zivilen Ungehorsam.
OH: Zum Beispiel bei der Donnerstagsdemo vorherige Woche, als die Leute plötzlich am Kai gegangen sind. Einfach so, es war nicht aufmüpfig, aber es ist passiert – man nimmt sich die Straße, weil man nicht darauf hören muss, einfach weil man kann, einfach als Witz.

Oliver Horvath © Christian Benesch

Was für Aktionen macht das linke Musiker*innenrat-Netzwerk sonst?
OH: Ein wichtiger Aspekt des Netzwerks ist, die Motivation aufrecht zu erhalten, überhaupt etwas zu tun. Der Schweinehund ist groß, das Wetter ist kalt. Die Demos zum Beispiel, man denkt sich, boah ich hab’ einen Kater, will ich da wirklich hingehen? Aber dann kommt das Mail und darin steht, wir treffen uns dort um diese Uhrzeit.
FS: Wir vernetzen uns untereinander auch viel besser. Der Mayday vor dem Fluc zum Beispiel. Wir haben das Programm gestaltet und über den Mail-Verteiler Menschen eingeladen. Oder diesen Donnerstag haben wir auch eine Performance bei der Demo gemacht mit dem Stück »G! bitte«.

»Geh bitte« als Rücktrittsaufforderung?
FS (lacht): Ja, kann man vielleicht auch so verstehen. Wir haben jeden eingeladen, Instrumente mitzubringen. Die Performance bestand darin, dass wir so 15 Minuten alle die Note G gespielt haben.

Auf eurer Seite steht, ihr wollt an diese positive Stimmung der Donnerstagsdemos und des Frauen*volksbegehrens anknüpfen. Das Solidarische in unserer Gesellschaft gibt’s also noch immer?
FS: Es gibt voll viele Leute, die einfach etwas machen wollen. Die Einsamkeit lähmt einen auch, weil man da erst das Gefühl hat, es wird hoffnungslos. Man liest nur furchtbare Nachrichten und ich hab’ das Gefühl, ich kann nichts dagegen machen. Wenn alle zusammen auf die Straße gehen, das gibt mir voll viel Hoffnung. Dass man etwas verändern kann und dass es Leute gibt, die das nicht mehr tragen wollen. Die Politik, die gerade gemacht wird, ist nicht okay für uns und es ist okay, dass wir das auch sagen.

Ihr spendet den Gesamterlös an die drei Organisationen maiz, Mosaik und Queer Base. Warum genau an die drei?
FS: Wir haben viel darüber gesprochen und kollektiv nachgedacht: Wem könnten wir etwas spenden, was finden wir wichtig? maiz arbeitet mit Flüchtlingen zusammen, das finden wir super unterstützenswert. Ebenso den Mosaik-Blog, weil wir die Art, wie sie Journalismus machen, super finden und Queer Base, einfach weil wir finden, dass das wichtig ist.

Die Eintrittskarten kosten entweder 15, 20 oder 30 Euro. Man kann sich entscheiden, wie viel man zahlen und damit auch wie viel man spenden will.
FS: Ja, genau. Die Bands bekommen nur eine Aufwandsentschädigung. Die ist wesentlich geringer als das, was sie normalerweise bekommen.
OH: Wichtig war uns, dass wir keinen Unterschied machen in den Gagen zwischen bekannten und unbekannten Acts. Alle bekommen gleich viel. SIGNALE soll nicht nur ein politisches Zeichen setzen, sondern auch sagen: »So könnte man das machen, so kann man ein Festival organisieren. « Und zwar aktiv gegen den ganzen Bullshit der anderen Festivals.
FS: Ja, genau. Gerade wenn man Veranstalter kritisiert, dass es voll unzeitgemäß ist, wenn bei einem Festival keine Frauen spielen, dann antworten die Veranstalter oft: »Das wird halt nicht gewollt«. Wir wollten mit SIGNALE zeigen, da, schaut’s, da sind die Leute, das geht. Wir haben voll viele weibliche Acts und wir sehen auch auf Facebook unter den Teilnehmer*innen, dass der Großteil Frauen sind. Es kommen auch viele zum Fest, weil so viele Frauen auf der Bühne sind.
OH: Ja auch so depperte Zuschreibungen wie: »Das ist die Frauenband«. Das ist einfach völlig normal, das ist eine Band.
FS: Genau, das soll keine Ausnahmeerscheinung sein.

Hat so ein politisches Festival bisher gefehlt in Österreich?
OH: Ja, voll. Mir ist das eigentlich jetzt erst aufgefallen, dass es eigentlich keine dezidiert politischen Feste gibt, also Popfeste.
FS: Ja, wo die Musikschaffenden von sich aus sagen: »Das ist politisch«, und nicht nur: »Wir spielen jetzt auf einer politischen Veranstaltung.« Man unterstellt natürlich niemandem, dass denen alles wurst ist. In der Wahrnehmung von Musik und Politik haben die Dietrich-Mateschitz-Sachen mit Red Bull sicher auch viel geändert. Auch Live From Earth, das Künstler*innenkollektiv um Yung Hurn, hat jetzt gesagt, es macht nichts mehr mit Red Bull, weil das, was sie machen, ein Scheiß ist. Es ist cool, dass es jetzt endlich Gespräche darüber gibt. Wenn jemand anfängt, etwas zu machen, generiert das wieder einen Moment, in dem andere auch anfangen, etwas zu tun. Zum Beispiel Wolfgang Ambros, der im Sommer die Regierung kritisierte. So etwas hat Vorbildwirkung. Aber auch Schapka am Popfest. Sie haben auf der Red-Bull-Bühne gespielt und Statements von Mateschitz vorgelesen. Sie wollten diese Bühne nutzen, um zu erzählen, was Mateschitz macht.
OH: Das hat Kreise gezogen, nachher gab’s eine große Paniksitzung im Komitee, wo einige um ihren Job fürchten mussten und man im Nachhinein sagen könnte: »War es das echt wert?« Aber ja, natürlich ist es das wert.
FS: Am Popfest hat eine Mutter zu mir gesagt: »Die Kunst muss immer frei sein«, und dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

Was ist in Zukunft noch geplant? SIGNALE 19?
FS: Schauen wir mal, wie das jetzt wird.
OH: Von mir ein ja. SIGNALE 19 kommt, sagen wir jetzt einfach mal.
FS (lacht): Wir haben’s gesagt. You heard it here first.

Link: http://www.signale.jetzt/