Museo Soumaya, Photo by Giovanni C. Garnica on Unsplash

Mexiko: Das allegorische Gesicht der Gütekraft

Weibliche Gestalten brechen das Schweigen und bringen die gekünstelten Mechanismen ans Licht. Hüter der Erinnerung, aktueller Stand und künftige zerbrechliche Wunschträume der Gewaltfreiheit und Gleichgerechtigkeit: Das alles wird am Beispiel der mexikanischen Widersprüche erläutert werden.

Die ästhetische Seite der Kunst mit ihren kurierenden und füllenden Ideen kann auch das Zerstörerische verursachen. Die erwünschte Katharsis wird oft von schockartigen Gefühlen begleitet. Das mexikanische Museo Soumaya und eine der bedeutendsten Privatsammlungen Lateinamerikas trägt den Namen der verstorbenen Ehefrau seines Besitzers. Eine erste und treue Geste seinerseits.

Das weibliche Gesicht Mexikos

Flanierend durch die Sammlung ist die Prävalenz von Frauengestalten besonders auffällig. Verwirrspiel oder Groteske? Die Palette der Gottheiten, Heldinnen und Adeligen wirkt funkelnd: patria, libertad, liberación, revolución, madre, maternidad, democracia, tierra, musa, María usw. ¡Que viva la feminidad! (Es lebe die Weiblichkeit!) So verehren die Schöpfer ihre Inspiratorinnen oder bemächtigen sich des makellosen Models in ihrem Atelier?!

Die Fähigkeit, etwas Neues zu gestalten und Zuschreibungen zu sensibilisieren, bewahrt gewisse Widerständigkeit und Widersprüche. Als Beispiel gilt dabei die kommerzielle Kunst, so vertraut wie eine Lieblingsmelodie, aber in einer anderen Tonart: So ist die berühmte Sammlung von Galas de México, deren Divas durch idyllische Striche mexikanische Kultur, Geschichte, Traditionen, den spitzen Humor u. ä. widerspiegeln.

Während die Mäzene das Gütekraftkonzept, seine positiven Wirkungen und Versöhnung immer wieder Revue passieren lassen, verhält sich das Werk in seiner bestimmten Bedingtheit als Medium zum intendierten Einsatz. Die künstlich gehobene Bindung »Vaterland mit Frauengesicht« oder »Frauenfigur als Herkunft der Nation« enthüllt sich im Mundwerk der sogenannten Querulanten, die nicht immer zu der akademischen Kunst gehören.

José Bribiesca Ruvalcaba: »México lindo« (1953) © Ersilias

Versteckspiel oder der Schrei aus der Gasse

Die Weggabelung der manipulierten Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit der »madre patria« (»Mutter Heimat«) findet man aber nicht in den Kunsthallen, Galerien oder Museen, sondern auf der Straße. Euch würden die mexikanischen Flaniermeilen keine Ruhe gönnen: Ein gewaltiger Geräuschpegel breitet sich aus und verwandelt sich in Schuldgefühle und blutende Wunden der vielfältigen (Foto-)Ausstellungen auf den Straßen Mexiko-Stadts, z. B. zum langjährigen feministischen Kampf, Femi(ni)zid und unterschiedlichen Arten von Diskriminierung.

Da das menschliche Dasein auch unsere Vergangenheit und Zukunft umfasst, fungiert das kulturelle Erbe und dessen Potenzial für mögliche Reflexionen als Voraussicht der gesellschaftlichen Entwicklung. Die nicht immer anerkannten feministischen Straßenbewegungen finden indirekte Unterstützung in den Werken mexikanischer Intellektueller. Selbst Philosoph und Denker Samuel Ramos kritisierte und bezeichnete den nationalen Machismo als tiefer verborgenen Minderwertigkeitskomplex.

Was begünstigt aber die aufkommende Unruhe? Die lauten revolutionären Antworten durchbohren unsere Augen und Ohren wie ein Messer bei den immer wieder stattfindenden Protesten: Unterlegenheit, Gewalt, Diskriminierung und sogar hunderte Tote und Vermisste. Mit dem heftigen Motto »Jetzt aber basta!« oder »Töte mich nicht!« brechen die Aktivistinnen und die Betroffenen die lange Nicht-Ausgesprochenheit. Wie sich herausstellt, ist es nicht genug, frei geboren zu sein, um (angst)frei zu leben. Und welchen Wert hat dabei die politische Freiheit, wenn sie nicht Mittel für moralische Freiheit ist? (vgl. Henry David Thoreau: »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat und andere Essays«, Diogenes 1973, S. 57).

Feminismus in Mexiko, Photo by Daniela Martinez on Unsplash

Gütekraft: Mythos vs. Erfüllbarkeit

Das beschämend aktuelle Problem hat mehrere Gesichter und kann auch auf übertriebene Art und Weise mit der Paradoxie des Haufens verglichen werden. Geschlechterstudien, Körperbewusstsein, Menschenrechte, Fragen der Gleichgerechtigkeit u. a. spielen eine winzige Rolle, wenn diese Mäzene (Politiker) als »Friedensstifter« ihre Ateliers nicht verlassen und weiter mithilfe jeweiliger Zuschreibungen, Allegorien und Inszenierungen die Realität umschreiben.

Trotz all der Gefahren und Risiken, die der Weg der Gütekraft mit sich bringt, erinnern uns die bunten Menschentrauben (Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen) an die schon lange her gestellte Selbstdiagnose der mexikanischen Kultur und Gesellschaft: die weiter noch andauernde Nachahmung der europäischen Kultur und immer noch superior liegende Intelligenz (vgl. Samuel Ramos). Etwas verspätet, aber trotzdem als stolzer Zeuge und Chronist, der immer noch seinen Preis für die Sucht nach Anerkennung zahlt, macht das Volk bewusst feste Schritte nach vorne.

Leider begreift nicht jeder, was sich eigentlich hinter den lauten Aussagen versteckt. Lokale Angelegenheit? Oder weltweite Ordnung? Die ideale Welt mexikanischer Künstler (z. B. Jesús de la Helguera, Eduardo Cataño Wilhelmy, Jorge González Camarena u. a.) zerbricht an dem immer noch unverschämten Lobbyismus und an der teilweise ignoranten und naiven Gesellschaft. In Farben von Galas de México würde unsere ständig politisch hochexplosive Zeit viel friedlicher und traumhafter aussehen. Aber auch das, was sich hinter den Kulissen dieser kommerziellen Kunst abspielt, hat oft einen bitteren ideologischen Nachgeschmack.

Ángel de Independencia, Photo by Luis Domínguez on Unsplash

Empfehlenswert:

Arendt, Hannah: »Die Freiheit, frei zu sein«, München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2018.

Ramos, Samuel: »El perfil del hombre y la cultura en México«, 1934.

Museo Soumaya: http://www.museosoumaya.org/obras/

Einige Werke:

Jorge Gonzalez Camarena: »Milagro del Tepeyac« (1947)

Jorge González Camarena: »La vendimia nacional« (1946)

Jesús de la Helguera: »Doña Sol« (1943)

Eduardo Cataño Wilhelmy: »Flor del Bajío« (ca. 1962–1963)