Meta as fu*k

David Foster Wallace kennt man vor allem durch sein Mammutwerk »Infinite Jest«, von Ulrich Blumenbach in jahrelanger Arbeit übersetzt. Wallace gibt es aber auch in kleineren Portionen: In  »Alles ist grün« hat Blumenbach sich seiner Kurzgeschichten angenommen.  

»Alles ist grün, sagt sie. Schau mal wie grün alles ist, Mitch.« In der zweiseitigen Erzählung »Alles ist grün« von David Foster Wallace lernt der Leser das Liebespaar Mayfly und Mitch kennen. Mitch, der älter ist als seine Geliebte, hegt den Verdacht, Mayfly habe ihn betrogen. Er will sich von ihr lösen und versuchen, »dass sich alles richtig anfühlt.« Wallace genügen diese zwei Seiten, um beim Leser das wehmütige Gefühl zu hinterlassen, dass es Mitch nicht gelingen wird. »Alles ist Grün« ist eine von fünf früheren Erzählungen von David Foster Wallace, die nun im gleichnamigen Band zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden sind. Sie sind dem 1989 erschienenen Originalwerk »Girl with Curious Hair« entnommen.

In der Geschichte »Zum Glück verstand sich der Vertriebsrepräsentant auf HLW« treffen zwei Führungskräfte eines Unternehmens nach Feierabend in der Tiefgarage aufeinander. Die Konfrontation endet in einer dramatischen Herz-Lungen-Wiederbelebung des Vizepräsidenten – ausgeführt vom Vertriebsrepräsentanten. In einer Fiktionstherapie versucht ein Paar in »Hier und dort« dem Scheitern der Beziehung auf den Grund zu gehen. Der emotionale Zug der namenlosen Protagonistin ist jedoch schon Ende Mai 1989 abgefahren. Die Darstellung eines Ehebruchs in »Sag nie« erfolgt auf mehreren Ebenen und verquickt die Geschichten zweier Familien zu einem komplexen Ganzen.

Während die ersten vier Erzählungen auf 75 Seiten passen, umfasst die fünfte mit dem Titel »Westwärts geht der Lauf des Weltreichs« 193 Seiten. Sie ist die vertrackteste und forderndste von allen. Zwischen Metafiktion und Realität brausen sechs Menschen in einem selbstgebauten Auto durch die Maiswälder des Mittleren Westen Amerikas. Ihr Ziel: Eine gro&szlige Party in Collison, Illinois, anlässlich der Zusammenkunft aller Menschen, die je in einem McDonalds-Werbespot mitgespielt haben. Mit von der Partie sind eine selbsternannte Postmodernistin, die Gedichte aus Satzzeichen verfasst, sowie ihr Ehemann, ein schreibgehemmter Teilnehmer eines Creative-Writing-Seminars. Weitere Mitfahrer sind ein klaustrophober junger Mann mit einem verkehrten Auge, das aussieht wie ein gekochtes Ei, der für die Vereinigung verantwortliche Werbemogul und eine Stewardess. Hinterm Steuer sitzt Ronald McDonald himself. Doch die Protagonisten werden die Feier nicht rechtzeitig erreichen: Das Auto macht kurz vorm Ziel schlapp, ein Sturm kommt, Wallace treibt das Verwirrspiel um eine weitere Metaebene höher. »Alles ist grün« garantiert unendlichen (Lese-)Spa&szlig für alle, die das Risiko eingehen, sich zwischen Realität, Parallelwelt, Fiktion und Metafiktion zu verlieren.

David Foster Wallace: »Alles ist grün«. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2011, 272 Seiten, EUR 20,60