Various Artists

»Melodia«

Laton

Aus aktuellem Anlass: Zutageförderungen aus dem skug-Datenbergwerk.

Der Prix Ars Electronica 2011 hat die 14(!)-CD-Box »??S??O??N??I??C?? ??Z??O??N??E??S??« (Laton) in der Kategorie Digital Musics & Sound Art für eine Honorary Mention nominiert: Zehn Jahre Musikforschung aus den Ländern der ehemaligen UdSSR. Im Weiteren ein Artikel über Teil 1 dieser Zusammenstellung mit der Compilation »Melodia«. 

Text original skug #72, 10-12/2007

Laton, der Soundguide in die terra incognita Russlands. Jede Menge neuer Brennstoff fürs Hirn und fürs Tanzbein: »Melodia« und Konsorten. 

Das niederösterreichische Label Laton präsentiert mit der aktuell vorliegenden Compilation-CD »Melodia« einen weiteren Höhepunkt sonischer Forschungsreisen durch Russland. Bereits um 2001 hatte Laton, damals noch zusammen mit Antje Mayer vom auf osteuropäische Kunst spezialisierten Redaktionsbüro, entsprechende Kontakte aufgenommen. Die Platten »Forbidden Beat« von F.R.U.I.T.S. und »Tapes« des litauischen Psychologen Richardas Norvila aka Benzo markierten den Beginn einer Serie, die später besonders durch die russisch-österreichische Medienkünstlerin Anna Ceeh forciert wurde. Nach dem »Prototype«-Festival 2002 in Theiss folgte eine Reihe von Live-Interventionen wie der »legendäre« Club RUS im Keller der Wiener Sezession und zwei »Radius«-Festivals im Flakturm im Arenbergpark, bei denen ausschlie&szliglich die auf Laton gesignten russischen Acts aufspielten. Viele von ihnen waren zum ersten Mal nicht nur in Üsterreich, sondern in Europa zu hören.

Die Verbindungen reichen mittlerweile von Murmansk (Kyskas, Mombus, Test Pressing) über Jekaterinburg (LLAC) und Kemerovo (Radius) bis nach Wladiwostok (Park Modern, Nikola). Nicht zu vergessen die junge Ausnahmemusikerin Zavoloka aus Kiew und die durchgedrehten Electrorocker von The Festival of Non-Existent Bands aus Tartu (Estland). 2005 erschien dann noch die 15-Jahres-DCD-Compilation »Culmination«. »Melodia« setzt nun eine Art Endpunkt der zehn CDs umfassenden Serie russischer Klangkunst auf Laton: Lakonisch nennt sich das für »Melodia« geschaffene Sublabel Latona. Der CD-Name ist klarerweise ein Hinweis auf das zu Sowjet-Zeiten monopolistische, nach wie vor existierende Label. Wie alle CDs dieser Serie ebenfalls sehr ansprechend gestaltet, ist neben recht umfangreichen Linernotes zu den einzelnen Künstlern eine Landkarte abgebildet, die die geografischen Zentren der akustischen Expeditionen plastisch vor Augen führen. Mit im Gepäck aktueller Veröffentlichungen auch die beiden CDs »Light on the Stepped Plates« des südwestsibirischen Projekts Fractal Heads mit traumwandlerischer Kopfkinomusik und das verschroben-versponnene Debüt »EnTrails« des Ukrainers Dmitry Soroka aka Infra Red Army.

Konsequenterma&szligen lassen sich bei dieser Vielzahl von Personen, geografischen, gesellschaftlichen und musikalischen Sozialisationen nur höchst unzureichend musikalische Gemeinsamkeiten ausführen. Feststellen kann man aber doch, dass bei praktisch allen ein arriviertes Verständnis von Popmusik genauso vorherrscht wie für Soundart. Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass sich Viele selbst in den entlegensten Regionen Russlands besser mit europäischer Elektronikmusik auskennen als wir mit Musik, die rechts des Kaukasus passiert. Dazu kommen geografische Distanzen, die den Europäer verzweifeln lassen, dem Russen dagegen gerade mal ein Lächeln abringen. Musikalische Ausdrucksweisen kompensieren schon längst nicht mehr irgendwelche imaginierten, technischen Mängel sondern setzen sich an vorderster Front aktueller Elektronikmusik zwischen Techno, HipHop, Ambient, Electro und eben Klangkunst fest. Klar spielen lokale oder geschichtliche Implikationen bei Manchen eine Rolle, diese fallen aber so unterschiedlich aus wie etwa bei ADD, Alexei Borisov oder Dambo, oder, im DJ-Kontext, bei Belki, wenn, wie auf der Laton-Party auf dem Filmfestival »Viennale« letztes Jahr, man einen heftig schwei&szligtreibenden Eindruck davon bekommen kann, wie eine Party Novosibirsk-mä&szligig die Leute zum Tanzen bringt. Dabei funktioniert das Netzwerk mittlerweile auch intern, Laton-Bands, die sich über das Label kennen gelernt haben, laden einander ein, man spielt miteinander. Laton, das Import-Export-Headquarter Ihres Vertrauens für die Ränder der Musiklandkarten.