Material Girls

»Leather«

EXAG' Records/Irrelevant Music

Nach einem Jahr Touren (u. a. mit den B 52’s) und einer 4-Song-EP kommt mit »Leather« das sexy Debüt des No-Wave-Sextetts Material Girls aus Atlanta in die Auslage. Auf nun doppelt so vielen, also acht Stücken von insgesamt etwa 30 Minuten wollen sie das, was sich damals im CBGB um Andy Warhol und Konsorten abspielte, wiederaufleben lassen oder … einfach weitermachen, als wäre es nicht längst von kommerziellem New Wave abgelöst und Teil früherer, besserer Zeiten. Zeiten, in denen der Ausdruck auf der Bühne im Mittelpunkt stand, in denen die ProtagonistInnen vielleicht erst im Prozess herausfanden, was sie eigentlich wollten, in denen die Konzerte als künstlerische Happenings Veranstaltungen junger Kreativer waren, die Musik neben z. B. Malerei, Tanz und Poesie als eines vieler Mittel nutzten, um etwas zu sagen. Auf technische Perfektion kam es dabei nicht unbedingt an. Und das war dann auch zu hören: Poetische Texte, rhythmische Gitarren, Post-Punk-Schlagzeug und Einflüsse sämtlicher Regeln der Kunst. Das Ergebnis war oft eine viszerale Leibhaftigkeit, eine psychedelische Phantasie von Gegenkultur und Energie, Energie, Energie.

»Residual Grimace«, die erste Nummer des Albums, beamt einen sofort in die verrauchten Sphären einer Vampirkneipe, die vielleicht genau in dieser Zeit ihr Hoch hatte. Gefährliches Etablissement! Oder ein anderer Knaller: »Camera Girl«, eigener Sound, übercooles Riff, überzeugt. Zum Glück hat man es hier mit unterhaltsamem Punk zu tun, der ohne diffusen Intellektualismus auskommt und vielmehr durch Sound und Atmosphäre besticht. Besonders die Gitarrenriffs hauen rein, die vereinzelten Trompeten- und Saxophon-Einlagen verstärken den Eindruck von der Bar. Meghan Dowlens Geschrei erinnert an Genre-Größen wie Siouxsie Sioux. Die relative Kürze lässt allerdings auch an eine verlängerte EP denken, generell kommt, wie oft bei solchen Veröffentlichungen, die Vermutung auf, live und auf der Bühne wäre der fehlende Teil dieses Werks versteckt, der es erst vollständig macht und seiner Energie gänzlich zur Kulmination verhilft.