Marina Herlop

»Pripyat«

PAN

In der Musik Südindiens gibt es eine faszinierende Vocal-Percussion-Technik: Konnakol. Es handelt sich um eine Silbensprache, die es erlaubt, beliebige Rhythmen und Scat-Gesang ineinander zu übersetzen. Musikalisch ist dies fruchtbar wie Schwemmland: Auf der einen Seite können komplexe Sequenzen aus der südindischen Tradition in westliche Genres übertragen werden. So transkribieren die Metal-Nerds Meshuggah Konnakol für die Rhythmus-Gitarre. Auf der anderen Seite kann die Vocal-Percussion-Technik über beliebige Songs gelegt werden, wie karnatische Cover-Versionen von Charlie Parker oder Thelonius Monk auf YouTube belegen. Damit kommen wir zu einer zärtlichen Synthese dieser Herangehensweisen. Auf »Pripyat« kombiniert die katalanische Pianistin Marina Herlop Konnakol mit an Neuer Musik orientiertem Art Pop. Das Ergebnis ist ein zierliches Glanzstück, dessen verspielte Facetten am besten mit geschlossenen Augen entdeckt werden. Um nur den Song »miu«, Herz des Albums, zu beschreiben: Mit sanften, für Konnakol typischen Silben etabliert Herlop zunächst den Takt. Bald legt sie darüber einen elektroakustisch bearbeiteten Gesang, fragmentiert wie die Sprache Celans. Nach einer Minute setzt ein ephemeres Piano ein und verschwindet wieder. Einfaches fügt sich auf ungewohnte Weise zusammen. Nun treten ein IDM-Beat und Vocal-Percussion hinzu und verbinden sich zu Polyrhythmik. Herlops Musik ist diffizil, weil sie simple Motive konsequent umsetzt. Durch den Einsatz komplexer Beats und digital zerstückelter Stimmen erinnert sie an Holly Herndon, verzichtet jedoch auf deren transhumanistische Prätentionen. Wie die wonnevolle Weinbergschnecke auf dem Cover strahlt »Pripyat« Gleichmut aus. Bei 29 Minuten Laufzeit kann es konzentriert gehört werden, in den Hintergrund treten oder als Startpunkt für eine Auseinandersetzung mit der südindischen Tradition dienen. »Pripyat« verkörpert musikalische Neugier. Und es gibt viel zu entdecken.