Madrigale für fünf E-Gitarren: Gesualdo

Ich war siebzehn, als ich zum ersten Mal von Carlo Gesualdo, Principe di Venosa (1556–1613), hörte, und kaum älter, als ich die 1965 vom Quintetto Vocale Italiano eingespielte Gesamtaufnahme seiner Madrigale entdeckte. Diese Musik hat mich seither nicht mehr wieder losgelassen.

Irgendwann gab es kein Zurück mehr, ich musste diese Madrigale aufnehmen. Alles, was ich hatte, war eine Gitarre, also habe ich es Stimme für Stimme, Buch um Buch getan. Das Verwirrende dabei war, dass mir die Gitarre so natürlich und plausibel erschien wie die fünf Singstimmen des Originals. Die Reise hatte begonnen, ich konnte nicht mehr aufhören, diese Musik zu spielen und aufzunehmen. Sie war mir so vertraut, floss ruhig durch mich hindurch; mal harmonisch-melodiös, dann wieder spannungsgeladen, wirkte sie nie artifiziell, aber immer menschlich. »Er hatte sich von frühester Jugend an mit Leib und Seele der Musik verschrieben und zeigte wenig Interesse an anderen Dingen. Neben der Laute spielte er auch Cembalo und Gitarre«.

 

Die Gitarre als Stimme

In meiner Version der Madrigale werden die fünf Originalstimmen von Gitarren übernommen. Es geht mir dabei aber weniger um die Stimmlagen (ich habe Sopran, Alt etc. beibehalten), der springende Punkt ist vielmehr, dass du die Stimme bist. Dein ganz persönlicher Sound, dein Spiel, dein ganzes Wesen, deine Präsenz. Du wirst außerdem die Erfahrung machen, wie diese Musik dich spielt. Ich möchte dazu nicht mehr sagen, als dass es eine ganz unmittelbare Erfahrung ist, die dein Inneres nach außen kehrt. Was den Klang betrifft, lautet meine wichtigste Anweisung daher, ihn nie zu »verkleiden« oder auszuzieren, sondern zu seinem Kern vorzudringen. Zuzulassen, dass er sich ereignet, Besitz von dir ergreift. Und wenn er sich auch manchmal in nichts aufzulösen scheint, so wird er dir viel zurückgeben. Vielleicht wirst du ihn nicht gleich finden, aber er wird sich allmählich öffnen und sein Wesen enthüllen.

Ich habe jedes Madrigal ganz bewusst so für Gitarre transkribiert und arrangiert, dass oft leere Saiten eingesetzt werden können und meist auf den ersten fünf Bünden gegriffen wird (die Töne bewegen sich bis auf wenige Ausnahmen nicht über den siebten Bund hinaus). In meiner Notation werden Artikulation, Dynamik und Ausdruck nicht angezeigt, desgleichen ist auch keine Tonart festgelegt, da ich die Vorzeichen am Anfang jedes Stückes ebenfalls weggelassen habe (ich weise auf die Veränderung eines Tones lieber unmittelbar vor der Note mit Kreuz, B oder Auflösungszeichen hin). Unser musikalischer Ansatz soll nämlich nicht von einem vorgefassten Klangbild oder einer verhaltenen Dynamik ausgehen. Die Musik soll uns leiten und sie wird uns helfen, sie auf ganz persönliche Weise zu interpretieren. Die Chromatik von Gesualdos Stil bildet einen Gegensatz zu seinem unbeirrten Festhalten an ziemlich traditionellen Formen (was für seine Zeit fast rückschrittlich war). Das Madrigalwerk wird bei ihm jedoch zu einem hyperintimen Tagebuch, ist weniger ein methodisches Statement als höchste Subjektivität des Ausdrucks.

Hin und wieder wird man in den Partituren mit extrem langen Noten- und Pausenwerten konfrontiert (z. B. drei oder vier ganze Noten durch Haltebögen verbunden). Solche Tondauern lassen sich natürlich nur mit Effektgeräten bewerkstelligen (was wir hier nicht wollen). Versuche in solchen Fällen immer, den Ton die ganze Zeit am Bund zu greifen, selbst dann noch, wenn er ab der Hälfte oder bereits vorher auszuklingen beginnt. Halte den Ton, lass ihn im Kopf weiterklingen, egal was in physischer und akustischer Hinsicht passiert. Für Pausen gilt dasselbe. Jede Pause in diesen Transkriptionen ist ein musikalisches Element. Betrachte sie ebenfalls als Klang, als Töne, die stumm ausgeführt werden. Versuche, sie zu hören.

 

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Das düstere Bild, das man für gewöhnlich von Fürst Carlo Gesualdo zeichnet (und mit dem er oft verwechselt wird), gleicht eher einer Puppe oder einem Mythos, wie er sich um Marquis de Sade, Casanova oder Dracula gebildet hat … Setzt man sich mit diesen Figuren oder ihren Werken auseinander, wird schnell klar, dass hier so manches grundlegend falsch gedeutet wird. Ja, höchstwahrscheinlich litt Gesualdo an einer Psychose, die sich immer mehr steigerte. Eine Psychose produziert aber nicht automatisch Kunst, daher sollte das Madrigalwerk auch nicht aus dieser Perspektive gelesen werden. Einem intimen Tagebuch gleich zeigt es das Leben eines Menschen, der im Banne der Musik stand und vermutlich wie jede/r von uns seine Hochs und Tiefs hatte und Phasen der Anspannung und der Erleichterung durchlebte. Gesualdo wusste ganz genau, was er tat. Was er geschrieben hat, hat er auch so gemeint, und ich nehme ihn beim Wort, glaube an das, was der Notentext besagt. Und der spricht eine ganz andere Sprache als die Goth-Gore-Folklore, die ihm übergestülpt wurde.

Das Spiel in tiefsten Lagen, der Einsatz vieler leerer Saiten und eine tiefere Stimmung als normal verstärken natürlich die Resonanz (oder das »sympathetische Mitschwingen«: ein akustisches Phänomen, bei dem eine nicht angeschlagene Saite auf Schwingungen reagiert, die von außen einwirken und mit deren Frequenz sie harmonisch übereinstimmt). Lass es immer zu, vor allem dann, wenn es am Ende eines Tons auftritt und über eine Pause hinaus andauert. Versuche nicht, es zu unterdrücken oder zu kontrollieren, solange es nicht allzu dissonant klingt. Kurz: Nutze alle natürlichen akustischen Feedbacks und vermeide oder kontrolliere die elektrischen. Und: Wir sollten unsere Gitarren um einen Ganzton tiefer stimmen (also nicht Normalstimmung auf EADGHE, sondern D Tuning auf DGCFAD). Haben wir das gemacht, sollten wir es gleich wieder vergessen und die Tabs oder Notenschrift »untransponiert lesen«, weil alle Töne wie auf einer normal gestimmten Gitarre gegriffen werden. Durch die tiefere Stimmung erhält man ein längeres Sustain (das oft für die langen Notenwerte benötigt wird), mehr Resonanz sowie einen (wie ich finde) »dramatischeren« Ton. Diese Musik wirkt wie ein alchemistischer Trank, denn einige Akkorde lösen eine körperliche Reaktion aus, die schwer zu erklären, aber sehr effektiv ist. Sie lassen dich abheben. Oder mit den letzten Fragen zurück … In solchen Momenten, meist bei langsamen Tempi, könnte man diese Akkorde als »reinen, puren« Klang betrachten, zeitlos fast und doch metrischen Gesetzmäßigkeiten folgend.

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Fünf Stimmen, das heißt fünf individuelle Persönlichkeiten, praktisch fünf Stile und genauso viele Welten. Die Gitarre hat im Vergleich zu anderen Instrumenten gute Chancen, da sie nie eine strenge Lehre ausgebildet hat. Sie ist ein relativ primitives Instrument – Saiten über ein Stück Holz gespannt. Sie ist auch ein populäres Instrument, einfach zu handhaben und leicht verständlich. Also bestens dafür geeignet, diese Musik sich ereignen zu lassen. Sie zu spielen und abzuheben.

Meine Transkriptionen sind ein Versuch, jenseits aller gültigen Standards und üblichen Interpretationen zum inneren Kern von Gesualdos Musik zu gelangen. Ich behaupte nicht, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein oder ein Vermächtnis zu erfüllen. Ich möchte nur teilen, fast instinktiv. Der Text ist dabei das Fundament, auf dem sich Vielfalt und Unterschiede in Polyphonie entfalten können. Ich sehe auch keinen Widerspruch darin, diese Erfahrung mit ImprovisatorInnen zu teilen und sie einzuladen, den Moment nicht durch Variationen zu verlängern, sondern von innen her auszudehnen. Was noch? Es ist Zeit, diese Musik jetzt zu hören. Im Jahr 2013 jährt sich der Todestag von Carlo Gesualdo zum vierhundertsten Mal.

Instrumentierung:

Sopran 1: Adam Levy (E-Gitarre, USA)
Sopran 2: Doug Wamble (E-Gitarre, USA)
Alt: Noël Akchoté (musikalische Leitung, E-Gitarre, FR)
Tenor: David Grubbs (E-Gitarre, USA)
Bass: Raphael Roginski (E-Gitarre, PL)