Madonna: Try another day - zum Video »American Life«

»Madonna, don`t preach«, titelte die Süddeutsche Zeitung, nachdem bekannt geworden war, dass die sonst keine Provokation scheuende Popqueen ihr seit Monaten angekündigtes und mit Spannung erwartetes Video zur Single »American Life« nur wenige Stunden nach seiner Veröffentlichung wieder aus dem Verkehr ziehen ließ. Die Begründung: Das Video, das unter anderem Bilder einer Modenschau mit Models im Military-Look und Madonna und eine Frauen-Truppe als Guerillas verkleidet zeigt, könnte angesichts tatsächlicher Kämpfe Anstoß erregen.

Zu Recht wurde gefragt: Was war los mit Madonna? Wieso erlebten wir die Heroine der Provokation und unerschrockene Trendsetterin in Sachen Grenzüberschreitung derart »windelweich« (SZ)? Warum fasste sie das heiße Eisen Krieg überhaupt an, wenn sie es im Augenblick der Veröffentlichung schon wieder fallen ließ?

Aufschluss darüber gibt einerseits der Augenschein des angeblich um Bilder von blutüberströmten Babys und Bombenopfern mit abgerissenen Gliedmaßen entschärften Videos. Da sind Backstage- und Catwalk-Szenen einer Modenschau mit leicht bekleideten Models in Camouflage und Khaki. Dazwischen sieht man Bilder von Madonna à la Che Guevara im Fantasiekostüm zwischen Military und Fetisch und einigen anderen Frauen als Guerilla-Trüppchen tanzen und einschlägig aggressives Posen- und Gestenvokabular zitieren. Als Höhepunkt reitet die Truppe in einem zum Kampfwagen umgebauten Mini-Cooper überfallsartig am Catwalk ein und attackiert die Besucher der Modenschau mit einem Wasserwerfer, während dahinter Bilder von Feuer erscheinen. Madonna schleudert eine entsicherte Handgranate, die von George W. Bush aufgefangen wird und sich als Feuerzeug entpuppt.

Im Song »American Life« denkt Madonna über ihre Verwirklichung des American Dream nach. Der Clip dazu ist das Metabild des aggressiven Habitus, mit dem sie ihr Ziel erreichte, jedoch kein Statement pro oder kontra Krieg. Das Wissen darum, dass wirklich Krieg herrscht, entlarvt aber das Pastiche dieses Clips als unpolitisch. Er ist nur ein spekulatives und leider auch naives Spiel mit Bildern, die dazu dienen sollen, wieder einmal einem nicht so spektakulären Text zumindest visuell eine provokante Richtung zu verleihen. Doch die Aggressivität wird gleich, nachdem sie performt ist, auch schon wieder entschärft, wie die Handgranate, die nur ein Spielzeug ist. Mit dem Thema Krieg und Gewalt hätte man zumindest differenzierter oder
wenn schon, dann richtig provokant umgehen können. Madonna hat nicht zuviel gewagt, sondern zuwenig. Als Profi muss sie das erkannt haben. Dass sie nachträglich darauf hinwies, mit diesem Clip auch gegen die Vorherrschaft des schlanken, weiblichen Schönheitsideal aufgetreten zu sein, macht die Sache wirklich nicht besser.

Der zweite Grund für den Rückzug hat mit Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft zu tun, für die Steven Spielbergs orthodoxpatriotisches WW-II-Drama »Saving Private Ryan« (1998) symptomatisch ist. Auch Madonna hat begriffen: In den USA darf man zwar mit der Hand an den eigenen Schritt greifen, nicht jedoch nach der Ehre von »unseren Jungs da draußen«.

Knapp zwei Wochen später ist die neue Version des Madonna-Videos auf Sendung: Ein Clip muss ja sein, sonst fehlt nicht nur das Fernsehformat der Song-Vermarktung, sondern auch, wie mal wieder in der SZ richtig festgestellt wurde, das aktualisierte Image von Madonna. Diese neue Version von »American Life« zeigt nur einen Bruchteil der Bilder des alten Clips. Die Models, die Guerilla-Auftritte, die Bilder von Kriegsgerät, Aufmärschen und Explosionen – alles rausgeschnitten. Geblieben ist Madonna, die in weißer Uniformjacke mit schwarzer Kappe nichts anderes tut, als ihren Song performen. Anstelle des Feuers, das in der ersten Fassung dieselben
Aufnahmen hinterfing, sind nun in rasch wechselnder Folge die Flaggen dieser Erde hinter ihr zu sehen.

Mit diesem an sich unglaublich simplen Einfall kriegt Madonna dieses Mal die Kurve doch noch. Das Thema Krieg ist völlig rausgehalten und selbst eine nationalistische Interpretation der Textzeile, der American Dream sei »the best thing I’ve seen«, wird dadurch völlig unmöglich gemacht und stattdessen der American Dream – und damit eine Erfolgsgeschichte wie Madonnas – als für Menschen aller Nationen erreichbar dargestellt. Das ist zumindest teilweise Madonna, wie man sie kannte, zeigte sie doch auch in früheren Clips immer wieder Ausblicke auf andere Sichtweisen als die der weißen, heterosexuellen Amerikanerin. »Amercan Life« die Zweite liefert ebenso wie die erste Version kein Update von Madonnas Image. Doch zumindest rückt er das schiefe Licht, in dem sie sich zuletzt befand, wieder zurecht.