Kunst der Ûbertretung

Ausnahmekünstlerin und No-Wave-Legende Lydia Lunch versammelt in ihrer aktuellen Publikation unterschiedlichste Texte, die alle um die Fragen von Opfertum und Ûberleben kreisen. Gnadenlos ungeschönt, doch nicht ohne Witz überführt sie erneut das Traumatische in die Kunst.

Lydia Lunch ist im Krieg mit sich selbst – und mit der Welt. Ihre unterschiedlichsten künstlerischen Arbeiten, ihr Werken und Wirken speist sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen Trauma und Drama, aus der für sie zentralen, stimmigen Verbindung von Schmerz und Transzendenz. Auch in ihren Texten schlägt sich diese Haltung, diese unverhohlene Neigung zu einer Poetik des Kriminellen und Verbrecherischen, wie wir sie etwa auch bei Jean Genet oder Kathy Acker finden können, nieder. Lunch beschwört die Gewalt herauf, die sie selbst erfahren und sich im Lauf der Jahre angeeignet hat, und breitet sie ungeschönt vor der Leserschaft aus. Voller Härte und schwarzem Humor geraten ihre Erzählungen und Essays zu Evokationen des Dämonischen, zu in aller Ûffentlichkeit zelebrierten Exorzismen. Auch »Will Work for Drugs«, die jüngste Textsammlung aus Erzählungen, Essays und Interviews mit künstlerisch verwandten Seelen, ist da keine Ausnahme. Wenig zimperlich vermischt Lunch Kindheits- und Jugenderinnerungen mit politischen Aussagen, räsoniert über Schlaflosigkeit, Mutterschaft (oder den erstrebenswerten Mangel daran), Erfahrungen mit Obrigkeiten und Krieg. Ganz dem abgegebenen Versprechen gehorchend, ein »lebender Widerspruch« sein zu wollen (und eben auch: zu sein), zelebriert sie ihre eigene Unrettbarkeit und den daraus resultierenden Wunsch nach Lebendigkeit: »Ich bin dankbar für jede Minute, die ich am Leben bin. Meine Hinrichtung ist unzählige Male aufgeschoben worden. Obwohl ich dem Tod, der am Ende sowieso gewinnen wird, den Hof gemacht habe, wollte ich in Wahrheit LEBEN. Und zwar in allen Extremen. Die Erfahrungen, die mich schließlich zwangen, für alles dankbar zu sein, hatte ich bitter nötig.«

Fakt und/oder Fiktion

Ganz vorsätzlich betreibt sie ein bitterernstes (Schau-)Spiel aus Schock, Chic und Performanz. Ihre individuelle Perspektive geht in einer Chronik der laufenden Zumutungen auf; in der ?berblendung von Fakt und Fiktion, getragen von einem Ton der Authentizität, der keinen Widerspruch gelten lassen will, wird eine Vielzahl lebensbedrohlicher Situationen herbeierzählt. Die unausgesetzte Abfolge gewaltvoller Erfahrungen – von der Geburt, über die Verstoßung durch die abgehalfterte Mutter, den Verlust ihrer vom skrupellosen Vater verpokerten Jungfräulichkeit, von Entführungen und Missbrauchserfahrungen hin zum Hang zur Selbstzerstörung – mag unglaublich, streckenweise vielleicht gar erfunden sein, es macht im Fall der vorliegenden Autofiktion aber nur wenig Unterschied. Schließlich läuft für Lunch, ganz Verkörperung von Fatalismus und Verführung, alles im Credo »Nur weil ich alles verloren habe, was ich je besaß, kann ich jetzt alles zugeben« zusammen. In ihrer kompromisslosen Selbstbezüglichkeit erweist sich Lydia Lunch als zutiefst unheimliches, mitunter auch bedrohliches Stehaufweibchen, das die Rolle des Opfers annimmt und (gerade eben deshalb) die Hand ans sprichwörtliche Steuer legt. Melodramatisch in der Haltung und derb im Tonfall legt sie einen Gestus der abgehärteten Unverletzlichkeit an: ?berleben, so wird in diesem Meer aus existenziellen Widrigkeiten überdeutlich, ist alles, was zählt. Im demonstrierten Bewusstsein für die (eigene) Endlichkeit macht es Lunch den bösen Clowns und Narren gleich, sie spricht unverblümt aus, was sie für die Wahrheit hält und führt ihrem Publikum das zelebrierte Monströse vor, das unzweifelhaft im Menschlichen lauert. Ihr Schreiben als Versuche eines »Hirns, die Scheiße aus sich herauszuprügeln« ist aber nicht nur, wie es ihre Selbstauskünfte nahe legen, eine autotherapeutische Austreibung in Form literarischer Praxis; vielmehr ist es Ausdruck einer kraftvollen Such nach Ekstase in all dem Wahnsinn, der sich Leben nennt.

Lydia Lunch: »Will Work for Drugs«, Aus dem Amerikanischen von Simone Salitter und Gunter Blank, Bremen: mox & maritz 2011, 164 Seiten, EUR 17,80