Kirmes und Diskurs

Mit Lady Gagas aktueller CD »Born This Way« könnte der Zenit als transglobaler Popstar auch schon wieder überschritten sein. Aber im Gaga-Land ist Musik bekanntlich nicht die Hauptsache. Dennoch sollte sie nicht gänzlich ignoriert werden. 

fotos: gagajournal.blogspot.com

Es wäre so einfach den Tod der Popmusik mit Lady Gaga zu illustrieren oder, ganz raffiniert, »Post-Pop« dazu zu sagen, um aus den 1980ern noch übriggebliebene Pop-Theorien wieder auszugraben. Beides erweist sich bei näherem Hinsehen als Faulheit des Geistes. Pop ist nicht tot, sondern untot, verteilt zwischen Zombies (Witchhouse), Aliens und Cyborgs (Juke, Dubstep). Diverse Pop-Theorien aus den 1980ern lesen sich mittlerweile wie neoliberalistische Dogmen avant la lettre (und sind nicht einmal mehr mit umgedrehten Vorzeichen noch zu verwenden).Und plötzlich zeigt Pop bei Lady Gaga, was doch noch alles möglich ist. Es zeigt sich jedoch auch, was sich alles verschoben, verändert hat – und wie es wieder schief gehen kann.

»Hinter Melodien, die wir nicht aus dem Kopf kriegen, verbergen sich regelmä&szligig unbewusste Gedanken.« (Sigmund Freud über den Ohrwurm)

Monsterpop (Kirmes-Version)

Pop(Musik) ist bei Lady Gaga ein Kanal, ein Transitraum, eine Durchgangspassage, eine Einfallsstra&szlige, eine Handelsroute, stellt jedoch an sich (als börsennotiertes, gecastetes wie nebensächlich gewordenes Spektakel) keine Optionen auf irgendwelche Lösungen mehr dar. Wir wissen mittlerweile nur zu genau, dass das, was Thema einer Casting-Show wird, zuvor immer schon einige Zeit unter der Erde am »Friedhof der Kuscheltiere« gelegen ist, davon aber (noch) nichts mitbekommen hat. Das gilt für Popmusik ebenso wie für Supermodels, diverse (Mini)Jobs und die Politik. Das unterscheidet sie auch von Madonna. Bei Madonna konnte an Pop noch geglaubt werden (bzw. wurde der Glaube erst gefunden, einer aktuellen Re-Lektüre unterzogen), bei Lady Gaga ist das nur noch als Illusionsmaschine zu haben, die so tut als ob, weil vielleicht doch noch was geht. Und es geht viel. Wenn auch nicht unbedingt in Sachen PopMUSIK. Hier stellt sich ja auch immer die Frage wieso das alles eine so schnurgerade Musik für echt uncoole Orte sein muss (also für genau jene Orte, die Lady Gaga in ihren Videos nie zeigt)? Aber was ist ein uncooler Ort? Die Gro&szligraum/Landdisco, die Kirmes, der Kirtag wie sie sich das Feuilleton, der Boulevard und das Privat-TV aus den medial erzeugten Bildern des Feuilletons, des Boulevards und des Privat-TVs zusammen imaginieren und gegenseitig bestätigen? Vielleicht sollte hier die Frage gestellt werden, ob es hin und wieder nicht auch die richtige Musik im falschen Club geben kann? Das Gegenteil davon gibt es ja auch.Was dabei immer vergessen wird: Auch Madonna böllerte dereinst (und böllert hin und wieder immer noch) aus der Auto-Scooter-Anlage, wird jetzt jedoch immer wieder als Kronzeugin gegen Lady Gaga ins Spiel gebracht. Etwa von Camille Paglia (»Gaga has borrowed so heavily from Madonna«), bei der gleichzeitig auch alles, was die Anti-Lady-Gaga-Fraktion so auf Lager hat, in gebündelter Form zu finden ist. Demnach sei Lady Gaga nichts weiter als »an asexual copycat«, »a manufactured personality«, »a plasticised android« »without a trace of spontaneity«. »Sexy«, so Paglia weiter, sei das überhaupt nicht, würde jedoch von ihren Fans als solches wahrgenommen, weil die wiederum »such powerful performers as Tina Turner or Janis Joplin« nicht kennen würden. Was aber, wenn die »Sexyness« einer Tina Turner als Sexploitation innerhalb einer heterosexuellen (wie rassistischen) Matrix erkannt, und gerade deshalb zu Lady Gaga (oder vorher schon zu Madonna) gewechselt wurde? Anders gesagt: Paglia & Co. fehlt auch das queer eye (der campe Blick), um eine queere »Sexyness« überhaupt wahrnehmen zu können. Nach dieser Logik ist Madonna auch nur deshalb »besser« weil »früher«, wobei innerhalb dieser Logik Madonna »früher« auch nicht »besser« war, weil die heutigen Argumente gegen Lady Gaga die alten gegen Madonna sind (ebenso wie die sich nicht nur im Mainstream hartnäckig haltenden Allgemeinpätze von »der Frau, die sich täglich neu erfindet«).Wobei das quasi exemplarisch campe Zusammentreffen von vermeintlicher low art (Kirmes-Bum-Bum) mit high theories (also all die poststrukturalistischen, queer-feministischen Identitäts-Dekonstruktions-Studies) vielleicht (neben den Videos) das eigentliche Gaga-Land ausmachen. Ein durchaus komischer Ort, an dem es uns nicht anders ergeht als der kleinen Alice im Wunderland, wenn sie feststellt: »Irgendwie kommen mir dabei lauter Gedanken in den Kopf – aber ich wei&szlig nicht genau, welche«.

»I am gaga for Gaga.« (Judith Jack Halberstam in Erwiderung auf Camille Paglia)

Gaga Studies (Theories A-Go-Go)

Um genau solche Gedanken geht es jedoch bei Blogs wie »Gaga Stigmata«. Hier wird nicht nur zu jedem Video von Lady Gaga mindestens ein halbes Dutzend Texte verfasst (und ja – es geht auch hier ganz selten um die Musik), sondern auch ein Pop-Diskurs geführt, der sich den Teufel um Grenzlinien zwischen Akademia und Pop-Fantum schert. Das versuchen andere auch, aber hier haben wir es mit Theorie-Ultras zu tun, die uns ohne Rücksicht auf Verluste ebenso in kunsttheoretische Referenzhöllen wie zu identitätspolitischen Fragen nach Herrschaft und Macht (und wie diese »gender« konstruieren) mitnehmen. Das ist weit mehr als fröhlich wissenschaftlich betriebene »Pop-Analyse« im Sinne von Deleuze (der hier ebenso wie Nietzsche, Foucault, Lacan und Butler immer wieder durch die Texte geistert). Hier geht es auch um einen diskursiven (Frei)Raum. Um Theorieproduktionen, die durchaus auch als Free Jazz, Improvisation oder (analog zu Lady Gagas-Video-Inszenierungen) als »Overacting«/»Overposing« verstanden werden können. Von den so genannten »Madonna Studies« der 1980er/1990er (wo es schon reichte irgendwas »mit/über Pop« zu machen) unterscheiden sich diese Gaga Studies nicht nur durch den durch Judith Butler mittels »Gender Trouble« vollzogenen linguistic turn, sondern auch durch eine (Wieder)Verknüpfung von ästhetischen Analysen mit konkreten queer politics. Ob das nun alles von Lady Gaga ??wirklich?? so indentiert ist (in ihren Videos, den Auftritten), spielt hier ebenso wenig eine Rolle wie es vielmehr zeigt wie Pop Theorien generieren kann, die dann auch ganz woanders einschlagen können. Selbst Slavoj Žižek ist Fan davon, wie wir auf der Startpage des Blogs lesen können: »Gaga’s work as a cultural phenomena has generated its own theory.«

»Wenn Lady Gaga das wird, was wir unter Queerness verstehen, dann haben wir etwas verloren.« (Judith Butler)

Risse im System (Nicht alles so einfach)
gaga3.jpgAls Judith Butler obiges Zitat in einem Interview sagte, waren die Kontroversen um Lady Gagas »Born This Way« schon voll im Gange. Da gab es einerseits die blöde Plagiats-Debatte. Als wäre ein Mash-Up aus Madonnas »Express Yourself« mit dem dafür Pate gestandenen Gay-Klassiker »I Was Born This Way« von Carl Bean aus 1977 (dem ersten, offen ??gayness?? thematisierenden Disco-Song) nicht das naheliegendste in Sachen Queer-Secret-Technologies. Ob es sich hierbei jedoch überhaupt um solche handelt, war Thema der zweiten Debatte. Zuvor hatte Lady Gaga schon hoch gepokert und den Song als das kommende Non-Plus-Ultra im Gaga-Land apostrophiert. Als »Born This Way« schlussendlich erschien, war erstmal Schluss mit lustig. Kritisiert wurde nicht nur der essentialistische Ansatz (inkl. des Verweises, dass Gott keine Fehler macht), sondern auch die Verwendung rassistischer Stereotype (»chola descent«, »orient«). Nach einer Nummer wie »Telephone« ein Rückschritt in mehrfacher Hinsicht (da konnte auch die Freude über die erstmalige Erwähnung des Wortes »transgendered« in einem weltweiten Nummer-1-Hit wenig daran ändern). Zudem fragten sich queere Blogs, was in Lady Gaga gefahren sein muss, um Zeilen wie »Don’t be a drag / just be a Queen« zu fabrizieren.
Oder ist das alles nur als strategischer Essentialismus gemeint? »Born This Way« könnte so ja auch wieder meinen, blo&szlig so zu tun, als ob. Das Problem ist nur, dass Madonnas »Express Yourself« eine Aufforderung (im Sinne von doing gender), Lady Gagas »Born This Way« jedoch eine Feststellung ist, die auch gerne als solche aufgenommen wird.

»Wir kommen unter Autos, weil wir’s unachtsam summen, beim Einschlafen verwirrt es sich mit den Bildern unserer Begierde.« (T. W. Adorno über die Operette)

Monster-Pop (2. Versuch)
Untote können nicht mehr belebt werden (sie können jedoch, wie wir von »The Walking Dead« wissen, durchaus friedlich mit Noch-Nicht-Toten zusammenleben, falls beide Spezies durch Türen, Gitter oder Zäune getrennt sind) und Lady Gaga versucht das auch gar nicht. Ihre Songs sind eher zusammengestückelte Frankenstein-Kreaturen (Monstrositäten des Overposings, ein Bad-Taste-on-the-Dancefloor-Bestiarium, »The Fame Monster« mit seiner Fangemeinde der »little monsters«), die im Grunde nur mittels sonischer DNA-Analysen auf mehr als auf ein »irgendwie 1980s/90s« zurückgeführt werden können. Die C.S.I.-Popmusik tappt hier zwischen Kirmestechno, Euro-Trash und dem was sich Lady Gaga darunter vorstellt (wobei Euro-Trash im transatlantischen Ohr nicht das selbe sein muss wie in unserem) ziemlich im Dunkeln. Der wilde (Schwarz)Markt der Ideen findet sich im Gaga-Land sowieso woanders (die Schmuggelware ist nicht IN den Songs zu finden, das Musik-FERNSEHEN ist tot – es leben die Musik-VIDEOS). Gaga-Songs sind ein Revival des Revivals des Revivals von Sonderangeboten aus den Ramschkisten der Popmusik, wo nichts wiederbelebt oder am Weiterleben gehalten werden will (noch muss). Und was für ein Ramsch da rausgezogen wird! Zu »Poker Face« lässt sich locker Boney Ms »Ma-Ma-Ma Ma Baker« zu »Bad Romance« sogar »Ra-Ra-Rasputin« von Dschingis Khan dazu singen. Die queere Undergrounddisco zwischen Sylvester und Hercules & Love Affair klingt anders. Dafür beherrscht sie das von Queen mittels »We Will Rock You« und »We Are The Champions« entwickelte Prinzip des Stadionrocks (Stampf- & Klatsch-Beats plus Mitsingfaktor, der die Mitsingenden per se als Teil des Songs, der Performance inkludiert) unter anderen Vorzeichen wie keine Zweite. Also pfeif auf Synkopen, pfeif auf Offbeats, pfeif auf a-rhythmisch gesetzte Bassläufe! Hau stattdessen am besten immer gleichzeitig auf Bass-Drum, Snare und Claps! Wieso lange Umwege machen? Nicht umsonst sind die besten Lady-Gaga-Songs strukturell nichts anderes als discofizierte Musical-Versionen von Scooter, Atari Teenage Riot, Ramones, Motörhead – machen also höllisch Spa&szlig (was Fans wie South Parks Eric Cartman nachdrücklich beweisen). Wohingegen die schlechtesten Lady Gaga-Songs strukturell genau das sind, was die Erwachsenen in South Park (oder Springfield) am liebsten hören – MTV-Erwachsenenrock mit Country-Rock-Einschlag. Davon gibt es gibt es auf »Born This Way« mit »Hair« (Motto: Ich bin so frei wie meine Haare lang), »Yoü and I« (inkl. Queens Brian May an der Gitarre und »We Will Rock You«-Sample) sowie »The Edge of Glory« (mit dem unlängst verstorbenen Saxophonisten von Bruce Springsteens E-Street Band Clarence Clemons) jetzt mehr als genug. Dazu Gaga-Techno als Rockdisco aus dem Geiste von Cher, Pat Benetar und/oder Bobby Orlandos The Flirts (»Marry the Night«, »Bad Kids«, »Heavy Metal Lover«), Sequencer-Punk aus dem House of Casio (»Government Hooker«), latinesque Discoperetta-Musical-Nummern (»Americano«, »Bloody Mary«), Auto-Scooter-Schranz-Gebrettere (»Schei&szlige«), Disco mit Metalgitarren (»Electric Chapel«) und Lady Gaga als Lady Gaga-Impersonatorin (»Born This Way«, »Judas«). Das ist nicht alles Schei&szlige, aber nah an einer halbverkohlten Tiefkühlpizza auf die sich eigentlich gefreut wurde.

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Lady Gaga:
»Born This Way«
(Interscope/Universal)