Jürgen Habermas © Wolfram Huke, Wikipedia Commons, CC BY-SA 3.0
Jürgen Habermas © Wolfram Huke, Wikipedia Commons, CC BY-SA 3.0

Jürgen Habermas †

Mit 96 Jahren starb am 14. März 2026 der bedeutende Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas. Sein Werk mag nicht frei von gewissen philosophischen Verkürzungen sein, es ist aber ein gut formulierter Auftrag, nicht aufzugeben, an einer rationalen Ordnung zu arbeiten.

Friedrich Ernst Jürgen Habermas kam in Gummersbach, Nordrhein-Westfalen, zur Welt und blieb auf seinem Bildungsweg lange ein Kind der Provinz. Studien in Bonn und Marburg führten ihn aber letztlich doch nach Frankfurt und später wurde er sogar Professor in New York. Diese Ausweitung seiner Lebenswelt und die Hereinnahme immer komplexerer weltbürgerlicher Bezüge mag kennzeichnend für sein Denken sein. Ebenso sein Geburtsfehler. Habermas wurde mit einer gespaltenen Gaumendecke geboren, der ihm in Kindheitstagen das Sprechen schwermachte und ihn als gehänselten Außenseiter abstempelte. Das ausgerechnet so einer eine »Theorie des kommunikativen Handelns« entwickelt, ist kaum als Zufall zu erachten.

Von Menschen und Hunden

Habermas gehört zu einem kleinen, erlesenen Kreis an Denker*innen, bei denen es im Grunde ausreicht, die Titel ihrer Hauptwerke zu verstehen. Das kann jeweils gelingen, weil einerseits die Titel gut gewählt sind und andererseits die Grübelprofis so lange geistig werkelten, bis sie ihr Denken im Kern erfassen konnten. Wer also versteht, was mit einer »Kritik der reinen Vernunft« gemeint sein könnte, hat seinen Kant erfasst, wer die drollige Idee einer »Welt als Wille und Vorstellung« begreift, weiß genügend von Schopenhauer, und wer einen Sinn in einer »Phänomenologie des Geistes« erahnt, hat Hegel im Griff. Das gelingt selbstverständlich immer nur graduell und auch nach jahrelanger Lektüre stolpern Expert*innen über Feinheiten des Denkens dieser maßgebenden Vordenker*innen. Bei Habermas gibt es deshalb »lediglich« drei Sachverhalte zu verstehen: Warum »Erkenntnis und Interesse« zusammenhängen, warum der »philosophische Diskurs der Moderne« so wichtig ist und warum dies alles mit einer »Theorie des kommunikativen Handelns« zusammenhängt.

Keine Angst, das kann natürlich nicht in einem Nachruf geklärt werden, deshalb an dieser Stelle nur so viel: Habermas nahm an, dass es eine kommunikative Vernunft gibt, und die lässt sich beim »Ursprung« des Sprechens gut zeigen. In jedem Satz, den Menschen formen, liegen Elemente verborgen, die dem Satz nicht zu entnehmen sind. Wenn Menschen sprechen, bringen sie in diesen Sprechakt bereits etwas mit. Kann jeder zu Hause ausprobieren: Erklären Sie Ihrem Hund mal Raum und Zeit! Ein unsinniges Unterfangen, denn weil das Tier die Grundvorstellung davon nicht erlangt hat, kann keine Erklärung zu ihm durchdringen. Hingegen sind Diskussion darüber mit einem anderen Menschen möglich (unabhängig von dessen Kultur und Sprache!), weil dieser bereits eine Vorstellung von Raum und Zeit hat und deshalb Abstraktionen vornehmen kann, die es erlauben, Zeichen aus genau diesem Raum und dieser Zeit herauszulösen, während sie für das Tier immer untrennbar mit Raum und Zeit verbunden bleiben müssen. Das heißt, das Tier bewegt sich durch eine Totalität, die wir Menschen eben als die von Raum und Zeit beschreiben können, die für das Tier aber lediglich sein Erlebnisraum ist, den es niemals verlässt und aus dem es kein Zeichen abstrahieren kann. Womit das Schweigen der Hunde letztgültig erklärt wäre (Bellen zählt nicht – das ist an Reize in Raum und Zeit gebunden). 

Grundlagen der Kommunikation

Die spannende Frage für Philosoph*innen liegt seit Anbeginn ihrer Zunft darin, zu erklären, warum dies überhaupt möglich ist. Etwas wird den Menschen mitgegeben, das man »a priori« nennen kann, also das vor aller Erfahrung und Anschauung bereits vorhanden ist und eben – unter anderem – Kommunikation ermöglicht. Jürgen Habermas meinte nun, dass dieses »a priori« selbst wiederum Ergebnis eines Kommunikationsprozesses sei. Dabei baut er quasi eine Brücke und deren Fundament zugleich. Diese Art Kreisbogenkonstruktionen können aber letztlich nicht funktionieren und es gibt neuralgische Punkte in Habermas Ausführungen, die zeigen, dass er an der Letztbegründung seiner Konzeption scheitert, aber – und da hat Habermas die Lacher auf seiner Seite – er scheitert innerhalb eines bereits sich vollziehenden Kommunikationsprozesses. 

Die Vollblutphilosoph*innen winken an dieser Stelle allerdings ab, denn damit hat Habermas das apriorische Verhältnis zur Welt ja gar nicht erhellt, sondern einfach weitergemacht. Der Philosoph Jürgen Habermas hat sich folglich in seinem Leben viel Kritik anhören müssen. Übrigens auch von den gefürchteten französischen Postmodernen wie etwa Jean-François Lyotard. Der schnitt wie das heiße Messer durch die Butter und warf Habermas gewisse philosophische Grundfehler vor. Die Kritik Lyotards gipfelt in der Befürchtung, dass, wer so wie Habermas den (unbegründeten) Konsens sucht, dabei, ohne es zu wollen, den Weg zum Terror ebnet. Harter Vorwurf, aber vermutlich nicht ganz falsch, und möglicherweise rächt es sich, dass Habermas seine philosophische Suche abbrach und sich mit gewissen »kommunikativen« Verkürzungen zufriedengab.  

Der Soziologe rettet die Aufklärung 

Konnte Habermas als Philosoph gewisse Baufehler nie ausmerzen, so war er als Soziologe umso mehr über das »Säurebad« der Kritik erfreut. Dem unterstellte er, heilsam für Mensch und Gemeinwesen zu sein. Hier wird auch der Generationswechsel der Frankfurter Schule nachvollziehbar, die Habermas ab Ende der 1960er übernahm. Die erste Generation war – in gewisser Weise – skeptischer oder vielleicht sogar pessimistischer als Habermas. Theodor W. Adorno kritisierte Versuche zur Synthese bei Habermas. Für Adorno war Wirklichkeit immer und notwendig Widerspruch. Eine Differenz zwischen These und Antithese musste für ihn bestehen bleiben. Adornos Welt war damit unversöhnlich. Wie viel das mit Ausschwitz zu tun hat, is anyone’s guess.

Habermas sah aber gerade in der unversöhnlichen geschichtlichen Katastrophe Deutschlands eine Aufgabe, etwas Entscheidendes zu tun: niemals den Kampf um die Rationalisierung der Gesellschaft aufzugeben. Darin erkannte er seine Lebensaufgabe. Dies führte ihn zur Analyse des »philosophischen Diskurses der Moderne«, eine Vorlesungsreihe, die vermutlich in bewusster Abgrenzung zur ersten Generation der Frankfurter Schule geschah. Aus Sicht Habermas’ hatten Adorno und Co. über die die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hinweg die Aufklärung voreilig abgeschrieben. Was Habermas zeigen wollte: Es geht ja doch! Nur bitte bloß nicht »naiv«, denn jede »Erkenntnis« ist mit spezifischen »Interessen« verbunden, die als solche rational aufgeschlüsselt gehören und transparent gemacht werden müssen.

Bewahren wir die Demokratie!

Am Ende machen sich die Menschen damit ein großes Geschenk. Sie erhalten Demokratie und Rechtsstaat. Habermas, »der letzte Europäer«, war davon so begeistert, dass er Zeit seines Lebens seine Schreibmaschine volltippte und mit unzähligen Gastbeiträgen in Zeitungen zum öffentlichen Intellektuellen wurde. Er kämpfte beispielsweise unermüdlich gegen rassistische Dumpfheit, die in den letzten Jahrzehnten leider fester Bestandteil konservativer Politik geworden ist (unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit nahm Habermas etwa sowohl den Sozialdemokraten Thilo Sarrazin als auch den christsozialen Horst Seehofer ins Visier). Er mahnte eine kritische und selbstbewusste Öffentlichkeit ein, die er – faszinierenderweise – nicht in staatlichen Institutionen gesichert sah, sondern im Diskurs der Bürger*innen untereinander. Sie müssen sich stets von Neuem gemeinsam eine Basis geben und für Freiheit, Gerechtigkeit und gewaltfreie Aushandlung von Konflikten einstehen. Auch wenn sie dies in gewisser Weise philosophisch unbegründet tun, weil sie ihr eigenes Fundament nicht erkennen können. 

Die apriorische Letztbegründung bleibt vermutlich allen Denkenden für immer verborgen, sie können sich zu dieser Lücke und diesem ursprünglichen Nichts nur individuell philosophisch positionieren. Wer glaubt, die Erkenntnislücke füllen zu können, ist meist nichts anderes als ein verbohrter Ideologe oder einer religiösen Spinnerei verhaftet. Aber gerade mit diesen Menschen muss der Dialog aufrechterhalten werden. Denn dann kann man gemeinsam etwas bauen, das sehr schön ist: eine rationale Ordnung. Dafür hat sich Habermas lebenslang eingesetzt und dafür gebührt ihm größter Dank. Ob er in seinen letzten Tagen noch bewusst miterleben musste, dass die internationale Ordnung gerade von einem Haufen verrückter Krimineller in Trümmer geschossen wird, ist unklar. Geäußert hat er sich dazu nicht mehr. Sein Programm bleibt aber für die Hinterbliebenen bestehen: die Trümmer auflesen, kritisch befragen und eine neue (vermutlich fundamentlose) Brücke kommunikativen Handelns daraus bauen. 

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