Ausschnitt Cover Ippio Payo: »Talking Birds« (Echokammer)
Ausschnitt Cover Ippio Payo: »Talking Birds« (Echokammer)

Jazzige Vogelstimmen, live und auf Platte

Das Münchner Duo Ippio Payo begeisterte am 27. Jänner 2024 live im Vekks und veröffentlicht am 16. Februar das bezaubernde, üppig ausgestattete Album »Talking Birds« beim Münchner Label Echokammer. Ein Hörvergleich.

»Someday, the next Saturday will never come…« Diese Worte am Beginn von Ippio Payos Werk »Talking Birds« sind gerade sehr berührend, nachdem kurz, bevor ich das Album anhöre, bekannt wurde, dass Damo Suzuki gestorben ist. Ich habe den Mann nicht persönlich gekannt, aber wie so oft bei gern gehörten Musiker*innen: The pain is real. Was nach dem emotionsgeladenen Satz im Zwiegespräch von Ippio Payo folgt, ist ätherisches Geklingel und ein finaler Ton, dumpf wie ein Nebelhorn. Er hat mich schon beim Konzert am 27. Jänner 2024 im Wiener Vekks an eine gewisse Stelle im Beatles-Film »Anthology« erinnert, wo die ersten Akkorde von »In My Life«, die am Beginn meines Lieblingslieds (noch eines) stehen, einsetzen. Das Album fängt also gut an!

Ergreifend ätherischer Klangraum 

Komische Connections in einer komischen Zeit, Ende Jänner, Anfang Februar, es ist noch nicht Frühling, aber auch nicht mehr richtig Winter – schwer zu ertragen, wenn Wien so grau und windig ist. Da hilft meist Musik, je seltsamer, desto besser, und »Talking Birds« verbindet seltsam mit schön. Mal murmelt die Gitarre, mal ist es jazzy Geplätscher. Ein Fluss aus Tönen, getrieben durch die feine Darbietung verschiedener Blechblasinstrumente, die vor der Kulisse von Beats und Riffs aus der Feder von Josip Pavlov verhallen. Dann treten ergreifende, schwer gesetzte, Passagen auf, die live zugegeben eleganter klangen als auf Platte. Wie immer gilt: Die meisten Nummern sind auch ohne komplexes Finale gut, aber das scheint ab einem gewissen Maß an Stromgitarren-Affinität allen Spielern eigen zu sein, (bei Musikerinnen kommt mir das nicht so extrem vor). Vielleicht gehört sich das aber einfach für einen Album-Opener.

Erfreulicherweise stimmt der Vogelgesang der nächsten Passagen wieder auf ein Hörerlebnis à la Penguin Orchestra ein. Mag das für manche zu simpel gegriffen sein, so sei gesagt, dass auch im wohlig kleinen Rahmen des Vekks, live als Duo vorgetragen, eben jene Klanggebilde so gezaubert wurden, dass sie der Platte an Kunst in nichts nachstanden. Allein beim Zusehen war die Spielfreude von Josip Pavlov (Gitarren, Bass VI, Percussion, Glockenspiel, Organ) und Martin Lehmann (Trompete, Flügelhorn) spürbar. Im Geiste öffnete sich der Klangraum erst richtig schön, wenn die lieblichen Jazz-Gefilde zwischendurch noisy verschoben wurden. Folgte darauf doch sanft wiegendes Fingerpicking … Ommmm … fast wie – darf man es tonal zitieren? – Six Organs of Admittance, aber mit Trompetenfirnis und Gong. Das freut, insbesondere, weil die Musiker, eindeutig erkennbar beim Konzert als Duo, es vorziehen, uns ein audiovisuelles Gespräch zu skizzieren, anstatt sich gegenseitig den Klangraum zu nehmen, und sich den Vortritt für die Akkorde lassen, ohne Stress. 

Ippio Payo © Igor Petaros

Zeit für jazzige Kleinkunstformate

Möglich, dass sich beim Anhören der Platte mittlerweile die Verknüpfungen zu anderen Songs im Musikgedächtnis sehr vorteilhaft auf das kritische Betrachten auswirken. Weiteres Vogelgezwitscher und mein Geist läuft fröhlich in Richtung »Grantchester Meadows«. Ein wissendes Lächeln stellt sich ein, auch weil man den Gitarristen einzählen hört – Amsel, Drossel, Grünfink (Angaben ohne Gewähr, die Autorin ist keine Ornithologin) – »Eins, Zwei, Drei« haucht es und wieder rinnen die Noten von der Saite. Wie durch einen Canyon, praktisch, wenn sich das mit den Effektpedalen durch die Trompete erzeugen lässt. Oder durch allerlei Krimskrams, wie er beim Konzert neben den Musikern gelegen hat, was immer ein gutes Zeichen ist. Da lohnt sich das Warten auf »Anticipation of Godot«, feinfunkig, auch wenn, wie mittlerweile häufig, auf Platte das Schlagwerk zu generisch klingt. 

Sei’s drum, und hiermit wird eine Empfehlung ausgesprochen, für jazzige Kleinkunstformate und gemischte Platten ist jetzt die perfekte Zeit, bevor wieder Festivalsaison und Frühling beginnen. Der letzte Song klingt wie eine Hommage an »Albatros«, Danny Kirwann hätt’s bestimmt gefreut. Final sei noch erwähnt, dass gleich neun Musiker zum opulenten Gesamtsound der Platte beitragen, Tom Wu (Drums), Simon Ackermann (Kontrabass, Glockenspiel, Organ), Tobias Laemmert (E-Gitarre, Electronics), Sigmund Perner (Piano, Fender Rhodes, Akkordeon), Sebastian Meyhöfer (Viola), Istvan Galus (Violine), Wolfi Schlik (Englisch Horn), Mathias Götz (Posaune), Joscha Arnold (Baritone Sax). 

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Text
Lisa Wallerstein

Veröffentlichung
15.02.2024

Schlagwörter


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