Jake Tavill

»Twisted Ideology«

(s/r)

Im Rückblick war es meistens eine gute Zeit. Die eigene Jugend, die erste Liebe, der unbändige Idealismus und das Unverständnis gegenüber jenen Menschen, die mit der zwar erst in der Entwicklung stehenden, aber immerhin ureigenen und mit inbrünstiger Überzeugung vertretenen Weltanschauung so überhaupt nichts anzufangen wussten. Unverstanden von der eigenen Familie, von der Gesellschaft und generell von der Welt, führt der Weg in die Auflehnung und die damit verbundene Ablehnung aller Tugenden und Prinzipien. Zum Rebell wird man nicht über Nacht, man wird dazu gemacht.

Ob Jake Tavill schon früh nach der eigenen Identität gefahndet hat, ist fraglich. Der US-Amerikaner, der den eigensinnigen Zwanzig bei weitem näher ist als den nihilistischen Dreißig, hat mit »Twisted Ideology« zumindest ein Album geschrieben, das für diese Annahme einige stichhaltige Indizien liefert. Behandelt werden die ganz großen Themen der Menschheit: das Sein, die Liebe, der Abschied und selbst die wiedererlangte Hoffnung (nicht nur in die Liebe, sondern auch in die eigene Existenz) sind Teil seiner erzählerischen Ausführungen. Die Texte sollen also etwas vermitteln. Das ist man gewohnt, das kann man gut nachvollziehen, was aber zum Teil auch der Tatsache geschuldet ist, dass Tavill so klingt, als wäre ein blutjunger Marvin Gaye in der nicht minder prätentiösen Gestalt von Jake Bugg wieder auferstanden. Die Songs wiederum sind von fast schon dilettantischer Überproduktion durchzogen. Ein taktischer Fehler, wird damit doch Tiefe suggeriert, wo seine Texte sie nicht transportieren. Unterstützt wird er dabei von einer Bigband-Formation, die mit Pauken und Trompeten alles zu geben versucht, letztlich aber ein wenig einfallslos und überladen daherkommt.

Das so über sieben Songs angeköchelte Süppchen wird – man ahnt es schon – nicht zwingend besser, wenn alle Zutaten auf einmal in einen Topf geworfen werden. Dabei wäre die Richtung früh vorgegeben: »father says … / mother says … / brother says … / sister says … / I don’t believe it anymore« aus dem Song »Truth« ist die Vergewisserung der eigenen Persona, ein Aufruf, sich den eigenen Kopf nicht verdrehen zu lassen. Tavill verliert diesen Gedanken immer wieder und verheddert sich zwischen dem schmalen Parkour aus äußeren Einflüssen und der einzig wahren inneren Überzeugung. »Twisted Ideology« kann sich deshalb nur schwer entscheiden, wohin es eigentlich will. Ein Schritt auf der Suche nach der eigenen Identität, aber noch lange nicht mehr.