© Hazel Rosenstrauch

In roten Windeln geboren

Wo sind linke jüdische Strukturen, die es in Österreich sehr wohl gab, abgeblieben? Hazel Rosenstrauch suchte und befragte Mitwirkende an der Wiener Zeitschrift »Tagebuch«. Inzwischen gibt es eine Neuauflage dieser legendären Publikation.

Als sich die Journalistin Hazel Rosenstrauch nach langer Abwesenheit Ende 1988 in Wien niederlässt, trifft sie auf ein altbekanntes Milieu, das »auf Außenstehende anachronistisch oder zumindest exotisch wirken muss« – auf Menschen, die ihr aus der eigenen Familie her vertraut erscheinen. »Ihre Biografien sind von Verfolgung, Emigration, Antifaschismus und Antistalinismus geprägt. Sie sind aus der Partei ausgetreten oder hinaus geschmissen worden, als der Prager Frühling niedergewalzt wurde. Das Wiener Tagebuch war ihr Rückgrat«, schreibt Rosenstrauch. Sie nennt diese »Kultur einer Minderheit in der Minderheit« eine Stammeskultur. Ein »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« und die Kritik am Stalinismus bestimmten diese Stammeskultur. In Wien hätte sich ein »längst überholtes kommunistisches Lebensgefühl« mehr als anderswo erhalten. Sie befragt diese Leute, sucht nach ihrem Erbe – auch nach jüdischen Verbindungen in dieser Bewegung. Teilweise schwierig, denn: »Sie haben ihr Leben lang gelernt zu agitieren, in fertigen Sätzen mit pädagogischer Absicht das Positive hervorzuheben.« Ein feiner, liebevoller Humor kennzeichnet Hazel Rosenstrauchs Buch »Beim Sichten der Erbschaft. Wiener Bilder für das Museum einer untergehenden Kultur« (Anm.: von mir auf dem Flohmarkt am Wiener Naschmarkt gefunden) durchgehend aus.

© Hazel Rosenstrauch

 Abschied von der Hoffnung
Hazel Rosenstrauch wurde 1945 als Kind jüdisch-kommunistischer Flüchtlinge in London geboren. Bis zur Einstellung des »Tagebuchs« Ende 1989 war sie dort Redakteurin und sie schreibt jetzt auch wieder für Samuel Stuhlpfarrers neues »Tagebuch«. Inzwischen lebt sie wieder in Berlin. 1946 war die Zeitschrift unter dem Namen »Österreichisches Tagebuch« von Alexander Sacher-Masoch gegründet worden. 1950 folgte dann das »Tagebuch« mit Viktor Matejka, Ernst Fischer und Bruno Frei als Redakteuren – »zumindest in kulturellen Fragen aus Parteisicht immer schon ein bisschen zu liberal«, ein »Forum für linksliberale Außenseiter«. Oskar Kokoschka kam vor, das »Theater in der Scala« versuchte den Brecht-Boykott zu durchbrechen, Egon Erwin Kisch, Ernst Bloch und Thomas Mann wurden gelobt. Die Partei versuchte ab Breschnew das Erscheinen der Zeitung zu verhindern und so entstand, weil sogar der Name gesperrt wurde, im Sommer 1969 das »Wiener Tagebuch« mit dem Aufdruck »links & unabhängig«. Zu den typischen Merkmalen gehörte jegliche Vermeidung des Wortes »ich« oder der Namensnennung der Schreiberlinge. Artikel wurden »ohne Rücksprache zurechtgestutzt«. Prag 1968 war eine sehr schlimme Zäsur: »Es war der endgültige Abschied von der Hoffnung, die ihnen trotz Vertreibung, während der Folter, im KZ oder in der Emigration und selbst noch nach Chruschtschows Geheimbericht Kraft gegeben hatte. Der Glaube an einen lebenswerten, vielleicht doch noch durch Reformen humanisierbaren Sozialismus, für den es zu kämpfen lohnt.«

© Hazel Rosenstrauch

Proletarier*innen ausbeuten
»Ihre Wahrnehmung als Juden, als Frauen und Frauen im Widerstand ist schon recht gut erforscht, ihr Kommunismus kaum«, schreibt Rosenstrauch, die im Wiener Strandbad Gänsehäufel Interviews führt, wo der Weststrand als »Grundmandat 1« bezeichnet wurde, weil so viele Kommunist*innen eine Kabane hatten, dass die KPÖ dort gewonnen hätte. »Wenn Fotos auf einem Bord stehen, sind es oft Bilder von ermordeten Freunden und Verwandten. Erbstücke gibt es in diesem Umkreis keine.« Hazel Rosenstrauch selbst hat dieses Milieu aufgesogen, so berichtete sie z. B. als Jugendliche ihrem Vater, dass man in der Handelsakademie nur lerne, »wie man Proletarier ausbeutet«. Sie ging als Kind mit der Parteizeitung von Tür zu Tür und wurde von antikommunistischen Bewohner*innen beschimpft und bespuckt. Diese »alten Neuen Linken« waren eine wichtige Verbindung zur Arbeiter*innenbewegung der Vorkriegszeit. Außerdem symbolisieren sie verschiedene Formen des Widerstands: Kampf bei den Partisan*innen, Erfahrungen mit dem Flüchtlingsstatus, Dienstbotenarbeit, Internierung als »feindliche Ausländer« etc. etc. – alles in Österreich unterdrückte Lebensgeschichten. Aber ähnlich wie in Jugoslawien vor dem Krieg war es für die Kinder nicht leicht: »Als Kind aus dem Milieu mochtest du diese Heldengeschichten nicht mehr hören. Nicht nur, weil sie von den Kadern des Realsoz. missbraucht wurden. Sie haben uns mit ihrer unnachahmbaren Vorbildlichkeit erschlagen …« Und, nicht unwichtig: »Das Jüdische« wurde vernachlässigt: »Ich hab’ das nie verleugnet, dass ich Jüdin war, aber genauso wie wir überhaupt alle nationalen Fragen vernachlässigt haben, absolut ignoriert haben, war das überhaupt kein Problem, über das man diskutiert«, erklärt die Interviewpartnerin Toni Lehr. Vielen Juden und Jüdinnen, die in dieser Bewegung engagiert waren, hätten sich erst durch die Präsidentschaft Waldheims mit ihrer Jüdischkeit bewusst auseinandergesetzt.

Es bleibt trotz aller Unterdrückungen der Lebensgeschichten nach 1945 ein sehr lustiges, ironisches Buch auf seine Weise. Man wird richtig wehmütig. Noch ein letztes Interview-Beispiel: »Wir haben das Beste für alle Menschen rausholen wollen, auch für die, die uns misshandelt haben. In jedem einen Menschen sehen, auch im Sozialdemokraten, auch im Untergeordneten.« Rosenstrauchs Fazit: »Das mythisierte Volk mag sie vor dem realen geschützt haben.«

Hazel Rosenstrauch: »Beim Sichten der Erbschaft. Wiener Bilder für das Museum einer untergehenden Kultur«, persona verlag 1992

Links:
https://tagebuch.at/
http://www.personaverlag.de/seiten/titel/rosenstrauch_beimSichten.htm