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Im Fluss sein

Peter Landerls Erzählband »Stromabwärts« enthält zehn Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie alle befassen sich mit den kleineren und grö&szligeren Sorgen von Menschen, die im Hier und Jetzt leben. Geprägt werden diese Sorgen und Erlebnisse in allen Fällen von der Landschaft; so ist beispielsweise die Donau in »Schwanger« Sinnbild von Sabines innerem Fühlen: »Und doch war die Donau ihr liebster Fluss, irrational, wider jede Vernunft.« Viele Themen werden angesprochen – Liebe, Politik, Wirtschaft, Bildung, Beziehungen, Umwelt -, mal direkt, mal ein wenig subtiler. So wird beispielsweise in »Weiter, immer weiter« die mitunter prekäre berufliche Lage von AkademikerInnen behandelt, die zwar unbezahlte Praktika finden und absolvieren, danach aber dennoch keine Chance haben, in den Beruf einzusteigen. Andererseits werden Dinge wie die Flucht vor dem Familienalltag gepaart mit Melancholie thematisiert, wenn in »Schonzeit« der frischgebackene Vater Tom aufs Land zu seiner Gro&szligmutter flieht und resigniert über den Verlauf seines Lebens nachdenkt: »Es ist eine Mutprobe, dachte er, als Kind habe ich auch einige Mutproben bestehen müssen. Und: Diese Welt verlangt keinen Mut mehr, man arbeitet, kauft ein, schlie&szligt Versicherungen ab, das Lebensbedrohende sieht man nicht, die schlechte Luft, die Krebs verursacht, die Strahlen, ein plötzlicher Autounfall.«

In bemerkenswerter Weise gelingt es Landerl, jeder einzelnen seiner zehn Erzählungen einen eigenen Anstrich zu verpassen und ihnen die unterschiedlichsten Atmosphären einzuhauchen. In »Den Feind im Körper« dominieren kurze, abgehackte Sätze, oft nicht einmal mehr die. Einzelne Worte und Satzfetzen erinnern an einen stream of consciousness und erwecken einen sehr assoziativen Eindruck: »Ausgepumpt. Leer. Vollkommen leer. Und müde. Die Gedanken. Die Sorgen. Wenn. Warum. Seit gestern Mittag im Krankenhaus. An seinem Bett. Das Surren, Summen, Piepen, Tacken der Apparate, der Maschinen. Flüssigkeiten tropfen aus Schläuchen. Im Takt. Sekundentakt. Gleichförmig. Unaufhaltsam. Am Leben halten. Die Tropfen. Die Antibiotika. In Sicherheit wiegen. Angst um ihn. Verdammte Angst um ihn. Beatmet. Stumm. Reglos.« In »Leben und Sterben in der Rue Montorgeuil« wiederum greift Landerl stilistisch auf Tagebucheinträge zurück, denen es gelingt, die Atmosphäre eines ganzen Viertels wiederzugeben. »Stromabwärts« ist kein positives, aber ein realistisches und realitätsnahes Werk, das trotz aller Rückschläge und negativer Erlebnisse Hoffnung gibt und am Leben festhält.

Peter Landerl: »Stromabwärts«, Innsbruck: edition laurin (bei innsbruck university press) 2010, 160 Seiten, EUR 16,90

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Text
Sabine Weishaupt

Veröffentlichung
09.08.2011

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