»Ayka« © Neue Visionen Filmverleih

Illegal und weiblich in einer kalten Welt

Sergey Dvortsevoy führte Regie in dem äußerst bedrückenden Film »Ayka«, mit der grandiosen Samal Yeslyamova in der Hauptrolle. Ein Film, der zeigt, dass ein unmenschliches System zu hässlichen Entscheidungen führt.

Erinnerungen an Mike Leighs »Vera Drake« (2005) oder Alexander Kluges »Abschied von gestern« (1966) und »Gelegenheitsarbeit einer Sklavin« (1973) kommen auf, wenn man durch die 124 Minuten des neuen Films von Sergey Dvortsevoy gequält wird. Ähnlich den genannten Filmen erschafft der Regisseur eine Atmosphäre, die den Zuschauer*innen die Lebensrealität der Protagonistin nahebringt und die Beweggründe für moralisch fragwürdige Entscheidungen durch den Druck einer völlig menschenunwürdigen Gesellschaft darstellt, in der selbst Tiere oftmals mehr Mitgefühl erhalten als die Ausgeschlossenen.

Protagonistin des Films ist die junge Kirgisin Ayka, die, nach Moskau geflüchtet, als »Illegale« diversen fragwürdigen Jobs nachgeht, um sich schlicht am Leben zu halten. Dabei hat sie mit der Härte ihrer (sehr männlichen) Umwelt zu kämpfen, die die ohnehin schon gestrafte Ayka auch noch doppelt anklagt. Auch äußerlich, wegen ihrer »kirgisischen Gesichtszüge«, wirkt sie fremd. Völlige physische und psychische Ermattung sind die Folge. Und das wird den Zuschauer*innen meisterhaft nahegelegt. Der Film beginnt kurz nach der Geburt ihres Kindes in einer Klinik, die sie, völlig verzweifelt, fluchtartig und ohne Kind verlässt. Was dann passiert ist die Darstellung dessen, was sie dazu bringt, so zu handeln, wie sie handelt. Nicht einmal ihr eigener Körper bleibt ihr als privater Rückzugsort.

»Ayka« © Neue Visionen Filmverleih

Das eindrückliche Spiel von Samal Yeslyamova als Ayka wäre nicht halb so intensiv ohne die Arbeit der Kamerafrau Jolanta Dylewska. Stets bleibt sie nah an der Protagonistin dran, fast so, als klebe sie an ihrem schweißnassen Körper fest und begleite sie auf ihrer grausamen Tour. Als wäre sie eine zweite, unsichtbare Hauptdarstellerin. Besonders beklemmend ist die Schlüsselrolle in der Moskauer Metro: Ayke wird über die Rolltreppe und in der Bahn fast ohne eigenes Zutun in eine Richtung gedrängt und geht fast unter im Strom der Menschen. Als wäre Dylewska bloß eine von vielen, steht sie dicht eingedrückt neben Ayka in der Bahn und zeigt ihre verängstigen Augen. Man könnte selbst neben Ayka stehen, und tut es sicherlich auch oft, ohne es je zu bemerken.

Illegal und weiblich: denkbar schlechteste Ausgangslange in einem der denkbar schlechtesten Gesellschaftssysteme. Zeit zu träumen bleibt dabei nur wenig, und ohne Hilfe von außen bleibt die Lage aussichtslos. Diese Hilfe ist im Film nur spärlich sichtbar, doch sie existiert: Ayka bekommt Hilfe durch die einzige Person, der es ähnlich erbärmlich geht wie ihr selbst. Ob das reicht, um nicht völlig hoffnungslos aus dem Kino zu spazieren?