»Ich fessle dich. Gefesselt bist du frei.«

Ohnmacht und der Verzicht auf Selbstbestimmung charakterisieren die Stimmung in Jonas-Philipp Dallmanns Debütroman »Notschek«.

Eine namenlose Stadt, eine nicht benannte Zeit, eine Dystopie – dies sind die Grundmauern, ist die Rahmung, in der sich die Figuren von Jonas-Philip Dallmanns Debütroman »Notschek« bewegen. Der titelgebende Notschek bezieht Quartier im Vorstadthaus eines bürgerlichen Ehepaares, das recht bald genervt von seinem politisierenden, rechthaberischen und chaotischen Gast ist. Besonders der Ehemann, der Dallmann als Erzählerfigur dient, lässt kein gutes Haar an Notschek. Dies ändert sich jedoch teilweise, als dessen politisches Gerede sich als wahr entpuppt: es folgt eine Rationierung von lebensnotwendigen Gütern, die Einführung von Lebensmittelmarken, die Pressefreiheit ist zu Marginalgut verkommen und eine allgemeine Ausgangssperre, die von 3 Uhr früh bis 23 Uhr abends andauert, wird verhängt. Die auferlegte Ausgangssperre hebt die Dreieckskonstellation der Bewohner auf eine neue Ebene, in der man den Zustand hinnimmt, sich arrangiert und die Zeit mit sinnfreien Aktivitäten totschlägt, wie etwa mit dem Abmalen von Wäsche oder dem Herumstreunen in den eigenen vier Wänden. Schlie&szliglich bläst Notschek zum Aufbruch, das Dreiergespann macht sich auf in die Oststadt und schlittert auf diesem Weg in eine unerwartete Zukunft.

In »Notschek« arbeitet Jonas-Philipp Dallmann beeindruckend politische Strukturen und Wahngebilde des 20. Jahrhunderts in seine Geschichte mit ein. Der Autor kommt dabei ohne Verwendung von zeitspezifischem Vokabular aus und bringt so das Zeitlose an menschlich- ohnmächtigem ??Handeln?? zum Vorschein. Anhand der drei Protagonisten skizziert Dallmann diese Ohnmachtstellung, den allmählichen Verzicht auf Selbstbestimmung, der eine staatliche Diktatur ermöglicht – ein Ort, wo man seine Initialen in Kleidung stickt, um sich die Zeit zu vertreiben bis man nachts für ein paar Stunden vor die Türe treten kann, wo man wie Fluchtgetier in der Masse rennt anstatt stehenzubleiben, sich umzudrehen und sich zu fragen, weshalb man rennt. Höhepunkte in »Notschek« sind der gekonnte Einsatz von Printmedien sowie die Entwicklung der Erzählperson, die sich grandios liest. Dallmanns Roman ist ein gutes Mittel, um die allgemeine Lesesperre in den Köpfen unserer Gesellschaft aufzulösen: Der Autor versteht es, die Leser mit seinem anspruchsvollen Stil bis zum Schluss zu fesseln und trotz aller Zeitlosigkeit zeitgemä&szlig zu sein.

Jonas-Philipp Dallmann: »Notschek«, Wien: Luftschacht 2011, 295 Seiten, EUR 21,40