»Enfant terrible« © Bavaria Filmproduktion

»I always go to where it hurts«

Oskar Roehler legt mit »Enfant terrible« ein Biopic des schwulen Regisseurs Rainer Werner Fassbinder vor, der bis 1982 in Deutschland wirkte und nur 37 Jahre alt wurde. Die Geschichte Fassbinders zeigt ein Leben in Extremen.

Mit »Enfant terrible« setzt Regisseur Oskar Roehler ein filmisches Denkmal für Rainer Werner Fassbinder. Eingeführt wird die Hauptfigur als unsympathisches, ichbezogenes Subjekt der Superlative, mit einem Ego und Selbstbewusstsein, dem sich niemand entgegenstellen kann. Dieser ausschließlich in theaterhaften Kulissen und Innenräumen gedrehte Film in Überlänge schafft es nichtsdestotrotz, die Zusehenden in seinen Bann zu ziehen, dank dieses Wesens, das für den Film brannte, lebte und letztendlich auch an den damit einhergehenden Ausschweifungen starb.

»Enfant terrible« © Bavaria Filmproduktion

Genie und Wahnsinn
Rainer Werner Fassbinder wird dargestellt als permanent unter Strom stehend, mit einem lauten Organ schreiend, von Anbeginn jedes seiner Filme an, was ihn vorerst unmöglich als in irgendeiner Weise sympathisch erscheinen lässt. Doch ist beachtlich, wie diese Figur im Lauf der Erzählung ihre unterschiedlichsten Dimensionen und Persönlichkeitsaspekte entwickelt und auf die Leinwand bringt.

Folgende Frage stellt sich also schnell: Wie passt dieses hochgerühmte Werk Fassbinders zu der sadistischen Figur, als die er in seinem Filmteam dargestellt wird? Braucht ein Genie zur Realisierung seiner genialen Projekte immer auch den nahen Abgrund? Aus einer heutigen 2020er-Perspektive, nach tausenden unverzichtbaren #metoo-Debatten und rechtskräftigen Verurteilungen auch im Kulturbereich, ist jenes in Fassbinders Filmteams vorherrschende Verhalten hoffentlich kaum noch vorstellbar. Rassistische wie sexistische Abwertungen sind permanent enthalten. Die Frage, wie historisch korrekt Vergangenheit in einem Film dargestellt werden kann, bleibt allerdings auch hier offen.

»Enfant terrible« © Bavaria Filmproduktion

Herr und Knecht
Wiederholt behandelt Fassbinder die Mitglieder seiner Filmcrew, die ähnlich wie eine Familie oder ein Freundeskreis funktioniert, sadistisch und abwertend: Die weinende M-to-F-Transe, die ihn liebt, wie auch alle vorkommenden Cis-Frauen: Diese sind auch in einer schwul-patriarchalen Welt Trophäen und Handelsware, die in der dominanzkulturellen Begehrenswelt als erstes einmal durchgefickt werden können sowie verständnisvoll und bemutternd sein sollen.

Nicht anders bei Fassbinders Liebhabern und Lieben: Wie immer im Leben bekommen sie die besten Rollen, wenn sie eine emotionale Bedeutung für ihn gewinnen. Oftmals jedoch steigt z. B. der beschimpfte Stricher, wie Armin, schlechter aus, obwohl sein Selbstmord eine langerwartete Szene hervorruft, in der Fassbinder für sein abwertendes Verhalten zur Verantwortung gerufen wird. Am schönsten sind zweifelsohne die vielen Szenen, in denen sich Fassbinder verliebt hat und in denen schwulen Nackt- und Sexszenen viel Platz eingeräumt wird! Sogar ein Penetrationsakte zwischen zwei Männern wird angedeutet. Wie viele Jahre wünschten sich Zusehende doch solche Bilder schon!

»Enfant terrible« © Bavaria Filmproduktion

Früher Tod
Fassbinders Leben endete mit 37 Jahren – er starb 1982 an einem Herzstillstand, vermutlich hervorgerufen durch Drogen-, Medikamenten- und Alkoholkonsum. Die Entwicklung des homosexuellen Subjekts muss also auch in diesem Film aufgrund seiner Biografie mit dem Tod enden. Regisseur Oskar Roehler gelingt es dennoch, die Zusehenden nach 134 Minuten, die an einigen Stellen durchaus zu kürzen gewesen wären, höchst glücklich aus dem Kino zu entlassen. »Enfant terrible«, u. a. mit Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann und Michael Ostrowski, ist ab 1. Oktober 2020 in den österreichischen Kinos zu sehen.