Mark Aubert – »The Red House« © (s/r)

Grundrauschen #3

skug stellt auch diesen Monat wieder die weniger beleuchteten Ecken der Kassettenkultur in den Vordergrund. Mit dabei sind großartige Alben aus Tschechien, Deutschland, England, Frankreich, den USA und Puerto Rico.

Die Feuilletons der großen und kleinen Zeitungen sind mittlerweile wieder voll damit. Keine/r will ihn verpassen, den wunderbaren Moment der Renaissance, um schließlich feierlich zu verkünden: »Die Kassette ist wieder da!« In dieser Hinsicht wird die großartige Neuigkeit von kulturbegeisterten Menschen in einem Anflug nostalgischer Erinnerungen geteilt. Gerauscht habe es schon damals, geleiert sowieso und irgendwie war es auch toll, den regelmäßigen Bandsalat aus eigener Kraft wieder in Ordnung zu bringen. Wie haptisch das doch alles war. Und jetzt auf einmal wieder! Allerhand! Dass die Kassette in all den Jahren nie wirklich verschwand, ist dabei sicher nicht den Major-Labels zu verdanken, die sich nun öffentlichkeitswirksam anschicken, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Vielmehr waren und sind es die kleinen, vom Mainstream völlig ausgenommenen und gerade deswegen so kreativen Labels, die dafür sorgen, dass sich die Spulen beständig weiterdrehen. Ausgewählte Beispiele hierfür finden sich auch in der aktuellen März-Ausgabe unserer Kolumne.

Kyle & Wilbur – »Springtime Comes to Every Household« (Third Kind Records)
Es ist kein Geheimnis, dass immer mehr Menschen als Opfer neoliberaler Strukturen zu ausgleichenden, den Körper in transzendentale Zustände bringenden Mitteln greifen. Dass dieser angestrebte Ausgleich ein wunderbar versteckter Euphemismus für die Erweiterung selbstoptimierender Maßnahmen ist, bringt viele jedenfalls nicht davon ab, die Yogamatte unter einem endlosen Gedudel und Geplätscher esoterischer Klangstrapazen auszubreiten. Manche finden die erhoffte Erlösung darüber hinaus in bewusstseinserweiternden Substanzen, während sich wieder andere in die heilbringenden Abgründe des eigenen Seins meditieren – oder es zumindest versuchen. »Springtime Comes to Every Household«, das kürzlich von dem ominösen KünstlerInnen-Duo Kyle & Wilbur auf Third Kind Records veröffentlicht wurde, ist nur auf den ersten Blick ein adäquater Begleiter für derart spirituelle Reisen. Dabei wären die augenscheinlichen Voraussetzungen wie dafür geschaffen. Das Trillern einer einsamen Flöte – in ihrem nachhallenden Klang seit jeher ein Inbegriff für unendliche Weiten und Tiefen der eigenen Psyche – ergänzt sich anmutig mit dem immer wieder kurz auftauchenden und sogleich wieder verschwindenden Zupfen einer einsamen Zither. Beließen es die beiden bei dieser Dualität der Dinge, es entstünde eine täuschend echte Kopie jener akustischen Begleiterscheinungen, zu denen die Generation YouTube-Yoga allzu gerne zum Sonnengruß ansetzt. Man ahnt es schon, zu solchen Verstimmungen haben sich die beiden natürlich nicht hinreißen lassen. Vielmehr betten sie die beschriebene Klanglandschaft in einen wundersamen Kokon aus psychedelisch anmutenden, wenn auch eigenartig formlosen Verstrickungen elektronischer Klangerzeuger ein. Das funktioniert wunderbar und klingt wie die Musik zu einer unerschrockenen, im Rausch entdeckten Welt.

Forces »Plastisphere« (Genot Centre)
»Plastisphere« nennt der finnische Produzent Forces sein neues Album, das auf dem tschechischen Label Genot Centre erschienen ist. Der Begriff beschreibt die verschränkende Entwicklung eines Ökosystems mit menschengemachten Plastikumgebungen. Dementsprechend synthetisch klingen die neun Stücke, allesamt in Anlehnung und als unmittelbare Idee zu dieser eingreifenden Definition produziert. Samples, großteils aus bestehenden Mainstreamproduktionen der EDM- und Trance-Szene entnommen, werden durch den computergesteuerten Fleischwolf gedreht. Die Klangsynthese geschieht in Echtzeit. Forces verwendet dafür eigens ein algorithmisches Kompositionstool namens SuperCollider, das es ermöglicht, ein ohnehin nur schwer auszuhaltendes Ausgangsmaterial mittels Programmiersprache zu völlig neuen, nicht immer leicht zu hörenden, aber immerhin entfremdeten Klängen zu formen. In manchen Momenten (»Smybionts«, »As Long As Skies Are Blue«, »Ghost Nets«) erinnert das an die verschwurbelten Erstlingswerke eines Daniel Lopatin, in anderen wiederum an das gleichermaßen unterdrückte, wiewohl durcheinandergreifende Kratzen von Tim Hecker (»Great Pacific«, »Alga«, »Shards and Pellets«). Jedenfalls entstehen immer wieder Beat-ähnliche Strukturen, die nur knapp am Rande der vollumfänglichen Auflösung vorbei schrammen. Das, was darunter übrigbleibt, ist die algorithmisch-synthetische Verarbeitung von Trancemusik: maximal erhaben, des Öfteren verstörend, selten prätentiös. Übrigens mit großartigem Artwork. Unbedingte Empfehlung.

Zim Zum – »Zim Zum« (Zam Zam Records)Wenig bis gar nicht ist zu Zim Zum bekannt. »Granite dance with astrological synthesizers from Manchester« steht in der einzeiligen Beschreibung. Das war’s dann aber auch schon wieder. Neben der semantischen Analogie zu Zam Zam Records – seit 2011 ein Schmelztiegel für exkavierend-experimentelle Klangerforschung aus Frankreich – stellt jedenfalls auch die Geisteshaltung des eigenen Sounds eine gewisse Affinität zu allerlei sonischen Erforschungen dar. Metall klampft auf Metall, zu Beginn mehr klopfend, später dann unbarmherzig kreischend, als stünde man im Maschinenraum einstürzender Neubauten. »Knightmare Space Cake«, mit fast neun Minuten das längste Stück des Albums, entpuppt sich als extraterrestrisches Aufeinandertreffen hochfrequenter Ströme und grollender Erdumwälzungen. Wow! Im Vergleich dazu klingt »Deathwish N.M« mit seinem repetitiven Beatgerüst und den trocken in die Ferne gesprochenen Sätzen wie ein hyperabstraktes, zwei Millionen Lichtjahre entferntes Substrat der Sleaford Mods. Doch für derlei kieferverrenkende Schimpftiraden ist wahrlich keine Zeit. Man entfernt sich in Überschallgeschwindigkeit zunehmend weiter von einer nur scheinbar vertrauten Umgebung und endet in völliger Entfremdung. Klänge, zu Beginn noch ihrer eigenen Entstehung zuzuordnen, entwickeln sich zu einem schwurbelnden Amalgam aus außerweltlichen Spielereien, das schlussendlich in eigenartige Stille führt – und nur kurz einen Blick in eine andere Welt erlaubt. Space is the place, Zim Zum laden ein!

Far Rainbow – »A Disc of Rippling Mercury« (Fractal Meat Cuts)
Fractal Meat Cuts ist ein Label aus London, das sich seit einigen Jahren den experimentellen Ausprägungen einer ohnehin schon avantgardistischen Musik verschrieben hat. Federführend dafür verantwortlich ist Labelgründer Graham Dunning, der es nebenbei erwähnt, mit seinen Mechanical Techno Sets zu internationaler Bekanntheit brachte. Ideologisch gar nicht so weit davon entfernt siedelt sich nun auch die Musik von Far Rainbow an. Die Londoner Band besteht aus Drummerin Emily Barnett und Soundverdreher Bobby Barry. Soweit, so gewöhnlich. Auf ihrem neu erschienen Album »A Disc Of Rippling Mercury« wird einmal mehr der freien Improvisationskunst gefrönt. Mit einer eklektischen Variation aus elektronischen und von Hand erzeugten Klängen wie dem Kratzen einer Zahnbürste, den verzerrten Vibrationen einiger Rasierer sowie dem Knacksen aufplatzender Luftpolsterfolie und allerlei anderen zweckentfremdeten Haushaltsgeräten, wird über die Dauer einer knappen Stunde ein unheimlich dicht bestickter Klangteppich ausgerollt. Das erscheint, in stetem Rauschen eingebettet, überraschenderweise angenehm leicht und niemals übersättigt. Die synthetische Verbindung von perkussionistischen Rhythmen mit virtuos verzwirbelten und sich ausdehnenden Klangexperimenten wird so zu einer ambientösen Wundermischung. Unglaublich interessant, was sich da über zwei Kassettenseiten entwickelt.

HENRY CARAVAN – »A SHRINE TO A RADIATOR« (Death Is Not The End)
Was ist eigentlich ein anthropomorphes Kunstprojekt? Irgendwann vor ein paar Jahren hat sich auch Louis Johnstone diese Frage gestellt. Als Wanda Group veröffentlichte der englische Produzent zu dieser Zeit bereits zahlreiche Alben, die zwischen brachen Field-Recording-Aufnahmen und existentialistischen Musique-Concrète-Verfremdungen Anlehnung fanden. Allerdings fehlte ihm darin der körperliche Bezug, ein Lebenszeichen seiner selbst, das sich abseits der eindringlichen Maschinenmusik auf die eigene zerbrechliche Existenz beruft. Diesen Bezug fand Johnstone schließlich in einem neuen Projekt: HENRY CARAVAN ist die exaltierte Extroversion der eigenen Fiktion. Umso erstaunlicher eigentlich, dass seine musikalischen Ausflüge meist von gezähmter Zurückhaltung geprägt sind. Stille ist – im Gegensatz zu seinem von Großbuchstaben gekennzeichneten Twitter-Auftritten – eine jener Konstanten, die sich auch in den Stücken von »A SHRINE TO A RADIATOR« zeigen. Die Aufnahmen durchgehend improvisiert, setzt sich CARAVAN mit nichts als einer Gitarre und dem ebenso spärlichen wie unregelmäßig auftretenden Murmeln einiger weniger Wörter auseinander. Das erscheint auf den ersten Blick nicht sonderlich innovativ, entwickelt aber eine immersive Grundstimmung, von der man sich nicht und nicht losreißen möchte. Sein leise raunzendes Säuseln, das vielmehr noch an ein klägliches Wimmern erinnert, ist durchzogen von unbedarfter Gleichgültigkeit und Überdruss. Alles auf diesem Album ist auf sich bezogen. Keine Effekte, kein Kaschieren, nicht einmal ein hörbarer Einfluss von außen. Solipsistische Stille als Korpus für zurückgezogene Momente. GROSSARTIG!

Mark Aubert – »The Red House« (s/r)
Mark Aubert stammt aus Kalifornien, arbeitet als Fotograf, malt Landschaften und bastelt nebenbei dadaistische Beats aus digitalen Perlen der Netzkultur. Dass er sich dafür zwangsläufig durch die schier endlosen Archive des Internets wühlen muss, ist eine nette Nebenerscheinung, die er stilistisch in sein Schaffen miteinfließen lässt. Meist sind es kurzweilige Stücke aus aneinandergereihten Samples, kaum einmal länger als ein oder zwei Minuten, die Aubert mit dem verstaubten Knistern von Vinyl unterlegt und so zu einem parodistischen Rückblick auf eine glorifizierte Kultur der 1990er-Jahre macht. Manchmal wirkt das dann so, als würde er, von der unerschütterlichen Grenzenlosigkeit des Konsums sediert, gedankenverloren durch die unterschiedlichen Kanäle zappen – ohne Ziel, aber auf der Suche. Man kennt das. Es rauscht, es kratzt, im Hintergrund das wohlig warme Leiern eines anachronistischen Fernsehspots. Und dann doch wieder ein handfester Beat, der von ihm zu Staub zerbröselt wird. Aubert entfremdet die Samples, baut sie um, reiht sie abwechselnd nach vorne und nach hinten. Er übersteuert sie bis zur Unkenntlichkeit, spult zurück, loopt und lässt so unvermeidlich ein unterhaltsames Gefüge an Sounds entstehen, das nur zum Teil wie eine zufällig ineinander gestoppelte Montage klingt. Die gute Nachricht: der Groove überwiegt. »The Red House« ist – smooth – wie ein im Kopf getanzter Boogie.

Lust Era – »Trés« (Squall Recordings)
Lust Era ist eine New-Wave-Band aus der Hauptstadt von Puerto Rico. Dort entstand mit »Trés« ein abwechslungsreich arrangiertes und gerade deswegen eher schwer einzuordnendes Album, das nun auf dem deutschen Tape-Label Squall Recordings erschienen ist. Es beschert uns 17 mehr oder minder lose zusammenhängende Stücke, von denen manche auf interessante Weise herausstechen, andere aber als akustischer Ballast zu schwer wiegen, um den Ballon richtig aufsteigen zu lassen. Immerhin: Zwischen treibenden Uptempo-Electro-Hymnen (»Desgracia«, »Hombre Imaginario«) mit wunderbar eingängigen Refrains drängt sich ein balladesker, von swingender Trägheit gezeichneter Defätismus (»Nena«, »Condena Olvidarte«), der sich als wohlwollender Kontrast neben ausuferndem Keyboard-Geschrammel und anderweitigen Feedback-Zerstörungen einzureihen vermag. Ein ausgesprochener Lichtblick ist hier tatsächlich die mystische, dunkel verhallte Stimme von David Arraya. Sie wirkt immer dann am besten, wenn die Stücke sich auf ein minimalistisches Korsett aus schleichenden Bässen, subtil eingesetzten Gitarren und wiederholenden Synthesizermelodien beschränken. Das sicherlich als Hommage angedachte »Ghost Rider«-Cover am Ende des Albums will hingegen wieder weniger gut gelingen, lässt aber zumindest erkennen, was zuvor von den – zugegeben – einigermaßen ausgeklügelten Arrangements verdeckt werden konnte: die Stücke wirken insgesamt zu glatt, zu brav, zu abgerundet und flach, als dass sie an den kratzig-nihilistischen Sound von Suicide heranreichen könnten. Das mag gewollt sein oder nicht, auffallend ist es trotzdem.

»Grundrauschen« im Radio
»Grundrauschen« ist nicht nur der Name dieser Kolumne, sondern auch ein Gefühl, das sich in und mit Musik beschreiben lässt. Auf Radio Orange 94.0 wird jeden dritten Dienstag im Monat ab 21:00 Uhr genau diesem Gefühl nachgespürt – mit interessanten KünstlerInnen und experimenteller Musik, die sich dem Mainstream weitläufig entzieht. Je größer die Verstärkung, umso deutlicher das Grundrauschen.

Link: https://o94.at/radio/sendereihe/grundrauschen/