© Waseda Symphony Orchestra

Gleichberechtigung mit Schellen und Taiko-Trommeln

Lauter Trommlerinnen verschiedenen Alters und ein paar muskulöse Schlagzeuger. Das Waseda Symphony Orchestra aus Tokio spielte im Musikverein. Eine japanische Prolo-Schlagzeugkolumne.

Von oben, vom Orgelbalkon aus, sieht man nur ein paar wirklich große Trommeln, die eine ältere Frau spielt. Gleich groß und im Kreis um sie herum aufgebaut. Sie strahlt. Davor ein Gerät mit lauter kleinen Schellen, circa einen Meter lang, das von einer jungen Trommlerin geschlagen wird. Die ihre ganze Seele in die kurzen Schläge legt und sich dann auf die Schellen schmeißt, um den Nachklang abzuwürgen. Lustig. Alle Rhythmusgeräte-BetreiberInnen sind voll bei der Sache, auch wenn zum Beispiel ein seltsames Schellengerät, das wie ein altertümlicher Holzspeer aussieht, nur einmal kurz vorkommt. Das Waseda Symphony Orchestra aus Tokio beehrt den Wiener Musikverein. Unmengen an jungen GeigerInnen, auch wenn wir von unserem Platz aus nur etwa ein Drittel betrachten können. Toller Sound. Da wir oberhalb des Orchesters sitzen, ist es wirklich sehr laut. Grell zum Teil sogar. Ein großes Orchester, das alle möglichen Schlaginstrumente beteiligt und mit Geigen vereinigt? Noch nie gesehen oder gehört. Die Geigerin Mia Zabelka wäre begeistert – vor allen Dingen von so vielen Frauen, die mords aufpassen, wie ein sprichwörtlicher Luchs, was im gesamten Orchester vor sich geht. Und die Noten umblättern.

Neben uns sitzt ein älterer Japaner, der begeistert die Arme schwingt, als ob er der Ersatzdirigent wäre. Vor der Vorstellung rannten lauter JapanerInnen durch die Gegend, die hatten es ureilig. Hinter uns hält ein blasser Japaner die ganze Zeit die Augen geschlossen. Er lächelt in sich hinein. Es ist aufregend, die Zusammenschau des Orchesters zu beobachten, das exakte Spiel – ganz schön Stereo. Der Richard Strauss zu Beginn kommt jetzt nicht so gut (klingt fast nicht nach Strauss und so lange ist das Stück auch noch), aber ab dem Zeitpunkt, an dem eine riesige Trommel von zwei Seiten von enorm muskulösen Trommlern gespielt wird, ist das Publikum voll dabei. Eitetsu Hayashi heißt einer der Taiko-Trommler. Mit schweren Schlegeln über dem Kopf spielen die beiden, teilweise knien sie vor dem Riesending, das einen enormen Nachhall hat. Vor der ersten Reihe des Publikums eine Reihe Trommler mit nur Snare Drums, die sehr leise und exakt spielen. In speziellen, armfreien Kostümen. Die sind aber nur Männer. Trotzdem wirklich viele Schlagzeugerinnen in dem Orchester, sogar die Frau an der Harfe spielt dazwischen eine kleine Trommel. Sehr fortschrittlich.

Bei dem Stück »Mono Prism« von Maki Ishii zuckt das Publikum völlig aus. ZuschauerInnen beugen sich gefährlich über die Brüstung, die Leute auf den hinteren Plätzen stehen auf und laufen nach vorne. Eine euphorische, kraftvolle Stimmung entsteht. Dann kommt eine wunderschöne Fantasie-Ouvertüre aus »Romeo und Julia«, ruhig und still. Melodien, die man am liebsten einpacken und mit nach Hause nehmen würde, für ewig und drei Tage im Gedächtnis behalten. Noch ein kurzes heftiges, sehr modernes Stück am Ende, exakt gespielt, auf Hundertstel genau. Alle ZuhörerInnen gehen sehr glücklich, um nicht zu sagen aufgekratzt, nach Hause. Die älteren Damen hüpfen beinahe.

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