Richard Gerstl: »Mathilde Schönberg im Garten«, 1907 (Bildausschnitt) © Leopold Museum, Wien, Foto: Manfred Thumberger

Gerstl und sein »unrettbares Ich«

Obwohl die Richard-Gerstl-Schau im Leopold Museum bereits vorbei ist, hier ein Bericht über die sensationelle Entdeckung seiner 23 Jahre lang gelagerten Bilder. Es werden in Wien immer wieder Gerstl-Bilder gezeigt, die ein Galerist entdeckte, der vor den Nazis flüchten musste.

Einige Jahre nach seiner Flucht vor den Nazis schrieb der Galerist Otto Kallir aus New York im Jahre 1949 an den Komponisten Arnold Schönberg einen höflichen Brief: »Möchte Ihnen aus meiner Wiener Zeit etwas erzählen, das Sie wohl noch nicht gehört haben.« Otto Kallir (vorher, noch in Wien, hieß er den drei Gerstl-Büchern des Autors Otto Breicha zufolge »Otto Nirenstein«) fand die Schönberg-Bilder sehr spannend. So, dass er alle, die er finden konnte, in seiner Neuen Galerie in der Wiener Grünangergasse 1 ausgestellt hatte, wie aus den Dokumenten in einer Glasvitrine im Leopold Museum erkennbar ist.

Diese Ausstellung hatte ein feines Nachspiel: »Eines Tages kam ein Mann in die Galerie und sagte, dass sein verstorbener Bruder nicht nur Bilder von Ihnen hinterlassen habe, sondern dass er selbst Maler gewesen sei und einige Bilder von Ihnen gemalt hat.« Der Galerist machte sich also mit Alois Gerstl, der seinen Bruder Richard posthum unterstützen wollte, in das Lager einer Speditionsfirma auf, um sich die besagten Bilder anzuschauen. »Unter großen Mühen wurden nun diese Bilder in einem Magazin ausgepackt, sie waren völlig verstaubt und gebrochen, jahrzehntelang hatten sie dort gelegen und ich ließ nun diese Bilder herrichten, reinigen und aufspannen.« Dann stellte er die Bilder aus und die Ausstellung wurde ein Riesenerfolg.

Richard Gerstl: »Bildnis der Mathilde Schönberg im Atelier«, 1908 © Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm, Foto: Alfred Frommenwiler

Leider früher Selbstmord
»Mein Vater hat den Gerstl quasi entdeckt«, sagt Evamarie Kallir, die in Wien lebt, am Telefon. »Er fand ihn sehr gut.« Auf der Flucht vor den Nazis konnte die Familie eine Mappe mit Schiele-Zeichnungen und noch einige andere, von den Nazis als »degeneriert« titulierte Bilder mitnehmen. »Schiele war damals völlig unbekannt, Gustav Klimt auch. Wir hatten ein Klimt-Bild voller Bäumen an der Wand unseres Speisezimmers. So genannte entartete Kunst durfte man eher ausführen, Egger-Lienz oder Waldmüller hätte man nicht mitnehmen dürfen.«

Ihr Vater schrieb in seinem Brief weiter an Schönberg: »Natürlich sind alle diese Bilder in Wien geblieben, nur ein paar kleine, ganz besonders schöne Landschaften nahm ich mit in meine Pariser Galerie. Auch die sind dort geblieben.« Richard Gerstl hatte 1908 leider Selbstmord begangen. Und zwar zur Sicherheit gleich doppelt: erst mit Messer und dann auch noch durch Erhängen! Er wollte nicht gerettet werden. Er hatte mit der Frau von Schönberg, Mathilde, die er öfter auf sehr unterschiedliche Weise malte, ein Verhältnis gehabt und sie hatte ihn wegen der Kinder wieder verlassen. Es drohte die komplette Isolation vom Schönberg-Kreis, der Gerstl sehr wichtig war. So wie er Schönberg das Malen beigebracht hatte, war er durch diesen erstmalig mit Neuer Musik konfrontiert gewesen. Schönberg war im Zweifel, ob sein Sohn Görgi wirklich von ihm war. Richard Gerstl sei »selbstmüde« gewesen, schrieb eine zeitgenössische Zeitung. Alexander Zemlinsky, der Bruder von Mathilde, schrieb sechs Gesänge nach Gedichten auf den toten Liebhaber seiner Schwester.

Richard Gerstl: »Uferstraße bei Gmunden«, 1907 © Leopold Museum, Wien, Foto: Manfred Thumberger

Spachtel und bloße Finger
Im Leopold Museum war auch die abstrakte Serie von Martha Jungwirth ausgestellt, an der die Künstlerin seit fünf Jahren arbeitet. Sie greift Gerstls Porträt »Die Schwestern Caroline und Pauline Fey« (1905) als Inspiration auf und bringt es auf eine abstrakte, bunte Ebene. Ein durchsichtiges, durchscheinendes Bild – Weiß in Weiß – ist hingegen das Original. Die Schwestern schauen sich sehr ähnlich. Henrika Cohn schaut mit einem nachdenklichen Gesicht ins Bild »Bildnis Henrika Cohn« aus 1908, ihre Sitzgelegenheit löst sich in rote Punkte auf. Richards Bruder Alois steht in Uniform direkt neben einer hängenden Deckenlampe, »Bildnis des Reserveleutnants Alois Gerstl« (1908), der Hintergrund ist in helle Punkte aufgelöst. Richard Gerstls Wiener Landschaftsbilder sind wunderschön, vor allem die Bäume. Auf dem »Bildnis der Mathilde Schönberg im Atelier« aus 1908 sieht diese lieb und zerbrechlich aus. Seitlich gibt es einen seltsam leuchtenden Kreis.

Richard Gerstl gilt nach Hermann Bahr (1903) mit seinem »unrettbaren Ich« als ein Exemplar der typischen Krise des modernen Subjekts. Das »Konzept des sich ständig in Veränderung begriffenen Subjekts« ging bei ihm schief. 1908, kurz vor seinem Selbstmord, malte Richard Gerstl nur noch mit Spachtel, dem Malmesser und den bloßen Fingern. Arnold Schönberg nahm beinahe gleichzeitig Abschied von der Tonalität, steht zumindest in Otto Breichas Buch »Gerstl und Schönberg, eine Beziehung«. Heute stellt die Nichte von Otto Kallir, Jane Kallir, in ihrer Galerie in New York die vor den Nazis erfolgreich geretteten Bilder in wechselnden Shows aus. Nach Ende der Richard-Gerstl-Ausstellung im Leopold Museum sind viele Werke auch wieder als Teil der »Wien 1900«-Sammlung zu sehen. Im Herbst wandert die Ausstellung  ins Kunsthaus Zug in der Schweiz.

Richard Gerstl: »Mathilde Schönberg im Garten«, 1907 © Leopold Museum, Wien, Foto: Manfred Thumberger

Links:
https://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/111/richard-gerstl
https://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/107/wien-1900
https://kunsthauszug.ch/ausstellung/richard-gerstl/