Gerechtigkeit auf dem Balkan

Bitter-trauriges Resümee von Slavenka Drakulic in »Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht«, einem der besten 2004 erschienenen Bücher: »Nur in Scheveningen ist Titos Jugoslawien offenbar noch am Leben«.

Eine ARTE-Reportage lehrte, dass in einer zweigeteilten (!) Schule in der Herzegowina (Unterricht auf Kroatisch bzw. Bosnisch, obwohl nur feine sprachliche Unterschiede sind) insbesondere die kroatischen Kinder auf eine Separation von den bosnischen Wert legen. Wer sät die Feindbilder? Die Erziehungsberechtigten, was schlichtweg kriminell ist.
Und im Nationalstaat Kroatien wird die Tochter eines jungen Mannes, der am Aggressionskrieg gegen Bosnien teilgenommen hat, in der Schule lernen, »dass der »Vaterländische Krieg« ausschließlich ein Verteidigungskrieg war. Mehr noch, in einem solchen Verteidigungskrieg konnten kroatische Soldaten keine Kriegsverbrechen begehen«. Und: »Der einzige Krieg, den die Serben zur Kenntnis nehmen, ist die Aggression der NATO und deren eigener gegen den »Terrorismus« im Kosovo. Der Krieg in Bosnien und Kroatien zählt nicht.« Slavenka Drakulic schreibt, dass, wie der junge Mann nie seiner Tochter erzählen wird, was wirklich geschah, auch ihr Vater nie über seine Partisanenjahre sprach. Vergessen haben die Beteiligten die Ereignisse aber keineswegs und die Schriftstellerin ist davon überzeugt, »dass die Kombination aus seinem Schweigen und der offiziellen Version von den historischen Ereignissen diesen letzten Krieg ermöglichten«. Denn die jugoslawischen Lehrbücher enthielten »keine Fakten, sondern Legenden«, also wurde etwa die Ermordung 10.000er Landwehrsoldanten in Bleiburg durch die Partisanen verschwiegen. »Die Geschichte, die man uns beigebracht hat – und die das nicht war -, verhalf den Gefühlen zum Sieg über den Verstand«. Weil also die Wahrheit der Historie verborgen blieb und einzig fürchterliche persönliche Erinnerungen tradiert wurden, konnten nach dem Ende des kommunistischen Zwangs, der keinen Nationalismus duldete, selbst unter bislang friedlich lebenden Nachbarn diese Konflikte hervorbrechen. Ein großer Teil der Erzählungen porträtiert deshalb scheinbar harmlose Gestalten, die mordeten und vergewaltigten, und sich vor dem Haager Tribunal bzw. vor kroatischen Gerichten (auch dieser Unterschied wird vortrefflich herausgearbeitet) verantworten mussten. Menschen wie du und ich, die erst zu Verbrechern gemacht wurden oder die Gunst der Stunde nutzten, um sich zu bereichern. »Dass Kriminelle in Kriegszeiten Einfluss auf hilflose Zivilisten haben« (Richterin Florence Mumba) wird etwa anhand von Mirko Norac (Militärkommandant) und Tihomir Oreskovic (Zivilverwaltung), die unter ihrer Terrorherrschaft im kroatischen Gospic nicht nur Serben, sondern auch Widersprechende verschwinden ließen, geschildert. Der Zeuge Milan Levar, der gegen deren todbringende Machenschaften in Haag aussagte – leider kein Held in Kroatien! – wurde im Jahr 2000 mittels eines Bombenattentates beseitigt, weshalb es schließlich in Rijeka doch zum Prozess gegen die Gospic-Gruppe kam. Trotz beinahe kollektiver Amnesie aufgrund massiver Drohungen (nur Menschen die Angehörige verloren hatten, legten deutlich deren Schuld bloß) wurden Oreskovic und Norac zu 15 bzw. 12 Jahren Freiheitsentzug verurteilt.
Drakulic geht der jeweiligen Natur der Protagonisten auf den Grund und verquickt detaillierte Charakterdarlegungen meisterhaft mit der Schilderung politischer Situationen. Sie versteht es, Menschenrechte einzufordern, wenngleich diese per Gerichtsurteil erst nachträglich, zu spät, wieder eingeführt werden können.

3-Sterne-Hotel Scheveningen – zynisches Klein-Jugoslawien
Vor dieser analytisch-gründlichen Aufarbeitung der Kriegsverbrechen auf dem Balkan hat die engagierte kroatische Oppositionelle, die während des Krieges Zagreb verlassen musste, »Als gäbe es mich nicht« (Aufbau) publiziert. Eine nach Schweden emigrierte Lehrerin, die in einem serbischen Frauen-KZ mehrfach vergewaltigt wurde, entschließt sich nach qualvollem Ringen doch, ihr ungewünschtes Kind anzunehmen. Im Zuge des ängstigenden und demütigenden »ethnischen Säuberungs«-Terrors wurden in Bosnien ca. 60.000 muslimische Frauen vergewaltigt. 28, 20 und 12 Jahre Haft fasst das reuelose Trio aus Foca (nun Srbinje/Republika Srpska) aus, und Drakulic, die mit der schmerzvollen Konfrontation der Opfer im Zeugenstand mit ihren Peinigern Einblick in tiefe Wunden gewährt, kann sich sehr gut vorstellen, dass sich die serbischen Bosnier dafür nur bedauern würden. Wären sie, wie Zehntausende andere, die an den Verbrechen beteiligt waren und nie in die Mühlen der Justiz gerieten, in Freiheit, würden sie wohl Anekdoten über den Krieg erzählen und die Frauen vielleicht nach wie vor brüskieren. Gerechtigkeit wird leider nicht allen zuteil werden können, jedoch sind solche Urteile für eine soziopolitische Hygiene äußerst notwendig. Möge die allgemeingültige Urteilserklärung von Richterin Mumba dazu beitragen, dass sich die Bewusstseinslage ändert: Die Frau aus Simbabwe zitiert Eleanor Roosevelt: »Wo beginnen denn die Menschenrechte? In kleinen Orten, in der Nachbarschaft.« Und schließt: »Politische Führer und Kriegsgenerale sind machtlos, wenn gewöhnliche Menschen es ablehnen, im Krieg Verbrechen zu begehen. Gesetzlose Opportunisten können keine Gnade erwarten, egal wie niedrig ihre Position in der Befehlskette ist«.
Drakulic geht auch auf die Psyche von General Mladic ein und befasst sich neben hochrangigen Gefangenen wie Radislav Krstic und Biljana Plavsic, die als einzige ein umfassendes Geständnis ablegte, auch mit dem Hauptverantwortlichen für die über 200.000 Opfer der Balkankriege und seiner nach Moskau geflüchteten Frau und »Ratgeberin« Mira Markovic. Slobodan Milosevic ist wie alle anderen privilegierten (vor dem Urteilsspruch) Gefangenen von Scheveningen der schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 angeklagt, doch leben Serben, Kroaten und Bosnier, die jahrelang gegeneinander Krieg geführt haben, dort friedlich zusammen. Nach fünf Monaten resümiert die Prozessbeobachterin das unglaubliche Paradoxon: »Nur in Scheveningen ist Titos Jugoslawien offenbar noch am Leben«.

Slavenka Drakulic: Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht. Deutsch von Barbara Antkowiak. Zsolnay 2004, 200 Seiten, EUR 17,90