Fugazis prophetische Seite und zwei neue Platten

»This is a song with no words/nobody can hear the missing/they just look at my mouth, look at my mouth, look at my mouth and say – hey, man I know where you’re coming from – yeah?! BULLSHIT!« (»Furniture«).

Im fünfzehnten Jahr ihrer Bandgeschichte, drei Jahre nach dem letzten Studioalbum »End Hits« legt die Band aus Washington DC zwei neue Tonträger vor, eine Single mit drei Songs und ein neues Album. Das erinnert nicht zufällig an die Zeit ihres ersten kreativen Höhenflugs, als 1989 die »3 Songs«-Single der Auftakt oder die Vorrede zu »Repeater« war, ihrem damals nicht umsonst breit wahrgenommenen Meisterwerk. Erstaunlich die strukturellen Ähnlichkeiten: Heute wie damals könnte man den ersten Song der Single und den letzen den Albums als inhaltliche Klammer (wobei es bei Fugazi immer um »Klammer auf« geht) sehen. Heute sind das das oben zitierte »Furniture« und »The Argument«:
Zuerst der Befreiungsschlag, das »Fuck You!« an Erwartungshaltungen, das Raum Schaffen, Positionieren zu »Scene-Politics« und ästhetischen Fragen, dann der Song mit dem sich Fugazi weit in der Welt, weit in und an den echten Problemen verorten.
Stimmig, dass »Furniture« ein altes Stück ist, von dem es bislang nur eine Studioversion auf dem ersten Demo gab. Und »The Argument« ist ein für Fugazi-Verhältnisse recht ruhiges Lied, dabei, genau gehört, voller kathartischer Kraft, Traurigkeit und Intensität. Bei »The Argument« singt Ian McKaye ruhig und präzise über im Grunde nichts weniger als über den Kollaps Amerikas und des westlichen Kapitalismus, die menschlichen und moralischen Desaster und Tragödien, die dieser Kollaps und jener der damit verbundenen tatsächlichen und vorgespiegelten Werte (wie sein »Rationalismus«) fortwährend erzeugt.
»When they start falling/executions will commence/sides will not matter/now matter makes no sense/how did a difference become a disease«.
Wenn es im selben Stück heißt »I’m on a mission to never agree« stellt sich nach den Ereignissen vom 11. 9. 2001 die Frage, wie sich diese Mission in Zukunft gestalten wird.

»I’m on a mission to never agree«

Nicht nur die USA macht »die Reihen dicht«, die Anschläge auf Pentagon und World Trade Center geben Bush & Co. den Grund »Krieg« zu erklären, schön auch, dass gar nicht angegeben werden muss oder kann, gegen wen eigentlich genau. Staatsgewalt und Staatsterror sind, auch im Verbund mit der EU und NATO, durch den unzweifelhaft ungeheuerlichen »Terror« der Selbstmordkommandos in den Flugzeugen ein für allemal sanktioniert. Wer sich die Mechanismen – Vorverurteilungen, »wer-nicht-für-uns-ist-ist-gegen-uns«, die nach Genua zum Beispiel hier in Österreich abrollten, – noch einmal vor Augen führt, dem kann nur Angst und Bange werden.
»I Want Out (1000x)« heißt es im von Guy Picciotto gesungenen »Full Disclosure«, »full disclosure coming sponsored by no one«. Wie es insgesamt erschreckend und verblüffend ist, wie viel »The Argument«, obwohl vor dem 11.9. geschrieben, auch dazu zu sagen hat. Der Kollaps, dem jetzt durch einen barbarischen Akt von außen (?) sein Symbol gesetzt wurde, war und ist so immanent, dass eine Band von der Sensibilität und Wachheit Fugazis gar nicht anders kann, als seine Kunst davon handeln zu lassen. »I’m not a citizen« ist eine Möglichkeit, die »The Kill« anbietet. Dass Fugazi als Band, die sich immer selber weitertreibt, dabei ein musikalisches Feuerwerk abbrennt, versteht sich beinahe von selbst. Über die Basis McKaye, Picciotto, Joe Lally – dessen Vocals der Band noch mehr Vokabular zur Verfügung geben – und Brendan Canty, erweitern sie die zehn Stücke hier teilweise mit dem zweiten Schlagzeug Jerry Bushers und einem Cello, geschickt gesetzt in der Ideenflut zwischen Punk, Post-Core, eigenwilligen Grooves und song-strukturellen Experimenten. Am Ende stehen die besten zehn Fugazi-Lieder seit den letzten zehn besten Fugazi-Liedern, was »The Argument« zu einem Album macht, das erschüttert durch seine Kraft und Schönheit. Eine Schönheit, die umso mehr berührt, weil sie nichts schön-singt, im Gegenteil, aber auch Resignation nicht kennt.
Gott schütze Fugazi!

Fugazi: »3 Song 7« (CD). »The Argument« (LP/CD). Beide: Dischord