Holzmarkt © Etienne Girardet

Frischer Jazz am Berliner Holzmarkt

Der Begriff Jazz wird beim Berlin Jazz Experiment, das von 31. Mai bis 2. Juni am Berliner Holzmarkt stattfindet, zum Glück weit gefasst. Ein kurzer Ausblick.

Ende Mai/Anfang Juni findet am Holzmarkt das Berlin Jazz Experiment statt. Es fungiert als »inklusive Plattform im Herzen der Stadt« und verbindet Konzerte und Jams mit Workshops, Talks und einem Plattenflohmarkt. Zum einen setzen die Kurator*innen auf Institutionen der Jazz-Welt und Pitchfork-Szene-Magneten wie das Sun Ra Arkestra. Oder auch auf Post-Rock- und Ambient-Musiker*innen wie Melanie De Biasio, die im Indie-Plattenregal bereits einen festen Platz haben, etwa neben Soul-Größe Meshell Ndegeocello. Zum anderen spielen aber auch junge Künstler*innen und Formationen auf, die noch weitaus weniger im Rampenlicht der Presse stehen. Nicht selten entsprechen sie ganz und gar nicht dem klassischen Jazz-Genre und finden ihre Inspiration eher an dessen Wurzeln, nämlich am Blues oder dessen modernerer Spielart, dem R’n’B. Das ist sehr gut, und durch diese Vermischung von »ernst« (Jazz) und »fun« (alles andere) wird diese gefühlte Grenze schlicht ignoriert und diese wunderbaren Neulinge bekommen hoffentlich ihre verdiente Aufmerksamkeit. Das Line-up ist jedenfalls vielversprechend.

Im Bereich R’n’B beglückt u. a. Rayana Jay den Holzmarkt. In ihren bisher vier erschienenen, klasse produzierten EPs überzeugt sie mit einer wunderbaren Stimme, und mit spannenden Beats, gepackt in zeitgenössische Sounds, erinnert sie mitunter an Künstlerinnen wie Solange, Jamila Woods oder Fatima und behandelt in ihren Songs Themen wie Stolz, Self-Awareness und -Positivity aus der Sicht einer schwarzen, jungen Frau. Emma-Jean Thackray zeigt in ihrem »Walrus«, dass sie nicht nur Größen wie Madlib, JDilla und massig Jazz gehört hat, sondern auch von diesen gelernt und es darüber hinaus geschafft hat, ihr ganz eigenes Ding zu kreieren. Die Trompeterin setzte vor allem auf ihr Können im Konzipieren von Tracks. Im »Walrus«-Projekt spielt sie mit einer Band. Die Aufnahmen sprengen enge Grenzen von Jazz und Elektronik und bewegen sich weit darüber hinaus. Man darf sehr gespannt sein.

Absolut spaßig und unterhaltsam ist Max Graef, House-Music-Produzent, der in seine Tracks jazzige Parts verstrickt und somit den roten Faden des Festivals aufnimmt. Am Holzmarkt präsentiert er sein »2Morph Live« Projekt. Einer der Höhepunkte ist der Auftritt der Formation um den jungen Schlagzeuger und Produzenten Moses Boyd. Binker & Moses ist Insidern bereits ein Begriff und das Album »Moses Boyd Exodus« bietet mit dem Saxophonisten Binker (Binker Golding) und u. a. dem Posaunisten der großartigen Sons of Kemet, Theon Cross, frischen, groovigen, ideenreichen Free Jazz, der mit zum Spannendsten gehört, was dieser Tage aus dem Jazz-Muff ertönt. Side fact: Man arbeitete bereits mit Ed Motta (hört man) und Four Tet (aha!) zusammen. Genannter Binker Golding veröffentlichte just das von Kritiker*innen gefeierte »Ex Nihilo« mit dem Pianisten Elliot Galvin. Dieser wiederum spielt mit seinem nach ihm benannten Trio auf und man bekommt das Gefühl, die Musikwelt ist wie eine große Familie. Nein, die ganze Welt ist eine einzige Familie. Zumindest auf dem Holzmarkt.

Das Programm des Berlin Jazz Experiments wird laufend aktualisiert. Mehr dazu hier: https://berlinjazzexperiment.com/programm/