Belle Fin im Schauspielhaus © Schauspielhaus

Fremde soll man küssen

Am Sonntag, dem 21. Oktober 2018 präsentierten Belle Fin im Wiener Schauspielhaus ihr neues Album »Fremde Soll Man Küssen«, das zwei Tage zuvor veröffentlicht wurde. Über einen Konzertabend, an dem Wienerlied, Weltmusik, Jazz-Flair und eine gehörige Portion Melancholie aufeinandertrafen.

Es ist knapp 20:00 Uhr, als Belle Fin im ausverkauften Schauspielhaus die geräumige Bühne des verdunkelten Theatersaals betreten. Das Gespann besteht im Kern aus Fabian Bachleitner (Gitarre, Gesang), Robin Ullmann (Trompete, Gesang) und Peter Engel (Kontrabass, E-Bass), die vergrößerte Besetzung schließt zusätzlich Paul Male (E-Gitarre), Martin Scheran (Saxophon), Matthias Ihrybauer (Akkordeon) und Julian Berann (Schlagzeug) ein. »Guten Abend, wir sind Belle Fin!« lautet die kurze, vielleicht etwas scheue Begrüßung, bevor zum ersten Song angestimmt wird. Eine gewisse Nervosität ist deutlich spürbar, angesichts des mit Gästen ebenso wie mit Erwartungen prallgefüllten Saals und der Wichtigkeit der Veranstaltung allerdings nicht verwunderlich. Jedoch lockert sich das straffe Korsett sehr schnell, nämlich schon beim zweiten Song »Praterstern«, der für den ersten von vielen weiteren Schmunzlern im Publikum sorgt. Weiter geht es mit der bereits Ende September veröffentlichten Single »Goldener Schuh«, zu der auch ein Musikvideo existiert. Fraglich, warum sich die Band dazu genau auf diesen Song festgelegt hat, der im Vergleich zu vielen anderen doch etwas blass erscheint. Vermutlich ist auch hier – wie so oft – die vergleichsweise kurze Länge des Songs der ausschlaggebende Faktor im Hinblick auf die »Radiotauglichkeit«, wie es so schirch heißt.

Von südlicheren Gefilden
Spätestens danach taut die Band bei »Sechs Türme« zur Gänze auf – eventuell auch dank der lateinamerikanischen Elemente, die das Hörerlebnis nicht nur rhythmisch auflockern, sondern auch mit neuen Reizen anreichern. Dazu gehören ein g’schmackiges Trompetensolo und eine wunderbar gefühlvolle Schlagzeugdynamik. Generell ist auffällig, dass die Musiker von Belle Fin durch diverse Techniken versuchen, ihren Instrumenten verschiedenartige Sounds zu entlocken – sei es durch den Wechsel von Kontra- auf E-Bass, das Gitarrenspiel mit und ohne Plektrum, das Bespielen der Schlagzeugbecken mit den Fingern oder den Einsatz von Dämpfern bei der Trompete. Es passiert also von Nummer zu Nummer sehr viel, was dem Konzert eine durchaus dramaturgische Note verleiht. Es scheint dadurch ganz schlüssig, dass Belle Fin lieber Theater und Künstlercafés statt der gängigen Gürtel- und Kellerlokale bespielen.

Die Band schafft es durch diese Dramaturgie, die Experimentierfreude mit ihren Sounds und die mal humorvollen, mal tiefgründigen Texte das Publikum auf zweierlei positive Art zu fesseln. Wenn Frontmann Fabian über den Hintergrund des nächsten Songs »Hans Guck In Die Luft« erzählt, dass er von seiner Großmutter immer Hans-guck-in-die-Luft genannt wurde, heute aber weiß, dass es eigentlich eine gute Eigenschaft ist, den Blick nach oben hin offen zu halten, dann ist das etwas, wozu jede Person im Raum eine Verbindung aufbauen kann. Dichterische Zeilen wie »Sag mir, trägt dein Blick den Geist empor / Nimmst mich mit, weil ich hab’ heute nichts mehr vor / Bist ein Straßenvisionär / Über Dächer, Bäume, Häuser siehst du mehr« tun ein Übriges. Doch Belle Fin können auch politisch: »Hört’s am Text und denkt’s euch das, was euch denkt’s!« lautet die Aufforderung zu »Alle Farben«, bei der im Dreivierteltakt von Bachleitner und Ullmann die Frage gestellt wird: »Welche Farbe trägt dies Gebrüll?«

»Brauchen tun wir keine Liebe, brauchen tun wir Tschick«
Nachdenklich geht es auch im nächsten Song »Auf Der Bruckn« weiter, einer Nummer, die sich mit Selbstmordgedanken auseinandersetzt. Besonders beeindrucken hier die gesprochenen Phrasen, der Wechsel der Erzählperspektive und ein phänomenal gelungenes, selbsterzeugtes Fade-out am Ende. Die Stimmung kulminiert mit den nächsten Songs »Der Reisende«, »Schwarze Diamanten« und »Der Schwarze Rabe«, einem der eingängigsten Stücke mit Reggae-Rhythmus, bei dem die Band auch das Publikum zum Mitsingen auffordert. Es folgt noch die ganz ruhige Nummer »Zu Spät«, bei der nur Bachleitner und Male musizieren, während die anderen Musiker sich zur bühneneigenen Bar mit angeheuertem Barkeeper begeben, von welchem sie vehement Spritzer einfordern. Nach der vorerst letzten Nummer, für die sich die Gruppe wieder gewohnt an ihre Instrumente begeben hat, folgen nun verdient der große Beifall und die »Zugabe!«-Rufe. Die Musiker allerdings gehen von der Bühne, kriechen – vom Publikum unentdeckt – hinter ebenjene Bar und kommen gleichzeitig wieder hervor, um noch die beiden Nummern »16 Sein« (der offensichtliche Publikumsliebling) und »Meine Stadt« zum Besten zu geben. Nach einem »singenden Abgang« und einer dreifachen Gruppenverbeugung verabschieden sich Belle Fin mit den Worten »Danke, kommt’s gut ham und aufpassen beim Foahr’n … besser. Bussi!«

Belle Fin: »Fremde Soll Man Küssen« (Porzellan Records/Hoanzl)

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf RIFF SHIFT.

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