© Michael Franz Woels

2002 / FR31R4UM-H4CK1NG / 2022

Vielleicht muss der öffentliche Raum gehackt werden, damit die Straße zurück in den Besitz aller gerät. Damit die subversive Rückeroberung der Commons gelingt, hier einige Ausschnitte aus einem Cookbook für Raumerbeuter*innen.

Zwanzig Jahre nach einer landschaftsarchitektonischen Entwurfsübung in Linz mit dem Titel: »Einwände?! Freiraum-Hacking an der Schnittstelle zwischen Kunst & Landschaftsarchitektur« und fünfzehn Jahre nach der Gründung des Landschaftsarchitekt*innenkollektivs kampolerta (einige Aktionist*innen sind nun auch bei BLA involviert) schien es Zeit für Relektüre und Redigat eines Kapitels meiner Diplomarbeit. Der in den raumrelationalen Diskurs eingeführte Begriff »Freiraum-Hacking« nimmt Bezug auf den subversiven, experimentellen Charakter der Strategien und Taktiken der Kommunikationsguerilla-Bewegung.

Wer erinnert an das Mögliche?

Aktionistische, performative Praktiken mit ephemerem Ereignischarakter, künstlerische Bespielungen des urbanen, öffentlichen Raumes, sind Ausformungen von aktiver, dynamischer Raumaneignung. Unter Freiraum-Hacking in Anlehnung an den Begriff des Cultural Hacking verstehe ich eine zeitgenössische Fortsetzung der Kunst des Handelns (»Arts de faire«) im Sinne von Michel de Certeau. Aneignung wird als aktiver und dynamischer Prozess verstanden, bestehende Strukturen können für eigene Zwecke umgedeutet werden. Strategisches und taktisches Handeln im Außenraum im Rahmen von Freiraum-Hacking-Aktionen folgt dabei der Logik von Hacker*innen. Diese dringen in fremde Systeme ein, versuchen sich darin zu orientieren und führen neue und unerwartete Aktivitäten und Nutzungen ein. Thomas Düllo versteht unter Hacking ganz allgemein eine spielerische und explorative Nutzung.

Im Agieren im und Verändern des urbanen öffentlichen Raumes durch verschiedene Arten des Freiraum-Hacking wird eine gängige Erlaubniskultur angezweifelt. Die Grenzen der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten werden dadurch oft enger als notwendig gezogen. Es wird oftmals im Voraus realen oder imaginären Konflikten ausgewichen. Diese Zurückhaltung gegenüber nicht explizit erlaubten, nicht vorformulierten Verhaltensweisen und gegenüber nicht oder noch nicht etablierten Handlungs- und Aneignungsmodellen scheint zum Teil kulturell tief verwurzelt zu sein.

© Michael Franz Woels

Agieren nach der Logik von Hacker*innen

Es geht bei Freiraum-Hacking-Aktivitäten nicht primär darum, Passant*innen über ein zivilcouragiertes Verhalten zu belehren, sondern vielmehr darum, eine Palette von Handlungs- und Aneignungsmöglichkeiten aufzuzeigen und anzuregen. (vgl. Ursula Hofbauer & Friedemann Derschmidt im von Florian Haydn & Robert Temel herausgegebenen Band »Temporary urban spaces: concepts for the use of city spaces«). Subversives, aktionistisches Wirtschaften mit öffentlichen Raumressourcen stellt Fragen und Forderungen an den Freiraum und seine Qualitäten, an die Verfügungsmacht über öffentliche Ressourcen und öffentliche Räume. Für Ralph Gälzer ist der Begriff Freiraum aber generell problematisch, »denn es gibt keinen freien Raum. Zu fragen ist allenfalls: frei – wovon, wofür, wodurch?« Somit sind Freiraum-Hacker*innen angehalten, sich mit diesen grundlegenden Fragestellungen bei ihren Aktivitäten reflexiv auseinanderzusetzen, denn »dann offenbaren sich der Raum und die Form als Potentiale, in denen das Visionäre und Imaginäre lebendig sind«.

Folgende Aspekte des Cultural Hackings (nach Düllo) lassen sich auch auf die künstlerisch-landschaftsarchitektonische Praxis des Freiraum-Hackings anwenden:

#1: Hacking zielt auf Neu- und Desorientierung ab

#2: Hacking ist ein Ineinander-Aufgehen von Spiel und Ernst

#3: Die Vorgangsweise ist experimentell

#4: Hacking äußert sich performativ

#1: Hacking zielt auf Orientierung/Desorientierung ab

Es geht nicht nur ausschließlich um die Erkundungen in einem fremden System, um sich darin zurechtzufinden, sondern auch darum, eine bewusste Desorientierung bzw. neue Orientierungen in dieses System, in diesem Fall in den urbanen öffentlichen Raum, einzuführen. Diese Reorientierungen werden meist durch eine Umcodierung bewerkstelligt. Umcodierung heißt auch, dass gezielt Doppeldeutigkeiten und scheinbare Ähnlichkeiten benutzt werden, um Bedeutungsebenen zu wechseln und neue Benutzeroberflächen zu erzeugen. Freiraum-Hacker*innen können so mittels interventionistischer Eingriffe zur Ausbildung neuer Strukturen und Figurationen beitragen. Beispiele möglicher Störungen und Neukonfigurationen von Systemen, die in das Programm der kulturellen Grammatik des öffentlichen Raumes eingreifen, werden bei den Praktiken der Kommunikationsguerilla aufgelistet.

#2: Hacking ist eine Verquickung von Spiel und Ernst

Als typisches Kennzeichen des eigenen Arbeitsprozesses weist Hacking zugleich ernstes Spiel und spielerischen Ernst auf, wobei das spielerische Element als ein wesentlicher Motor von Innovationen dienen kann. Freiraum-Hacker*innen vereinen als hybride Wesen sowohl die Skills von verspielten Bastler*innen als auch das Know-how von ernsthaften, pragmatischen Ingenieur*innen.

#3: Die Vorgangsweise ist experimentell

Freiraum-Hacking bedient sich experimenteller Versuchsanordnungen für kalkulierte Interventionen in ein System wie den öffentlichen Raum. Freiraum-Hacker*innen verbinden die analytisch-systemische Praxis von Ingenieur*innen bzw. Wissenschaftler*innen mit der kreativen, spielerischen Praxis von Künstler*innen. Ein experimentelles Basteln mit Tools, die für den jeweiligen Zweck gar nicht vorgesehen sind, ist ein weiteres Kennzeichen.

#4: Freiraum-Hacking äußert sich primär performativ

Als experimenteller Zugriff auf den öffentlichen Raum äußert sich Freiraum-Hacking primär performativ, das heißt, es realisiert sich über seine eigene Praxis. »Im Cultural Hacking wird einerseits Kunst als Wissenschaft betrieben, und andererseits orientiert sich Wissenschaft an Kunst bzw. Poesie und deren Erscheinungs- bzw. Inszenierungsformen.« (Düllo) Bei den unterschiedlichen Formen des Freiraum-Hackings verschwinden die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Forschung und künstlerisch-kreativen Praktiken und es »ist nicht zuletzt auch gleichbedeutend mit Performance und Interaktion«. (Düllo)

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Praktiken der Kommunikationsguerilla

Bei Freiraum-Hacking-Interventionen geht es um ein Bewältigen und Mitgestalten von alltäglichen Transformationsprozessen – und damit auch um kulturelle Innovationen im allgemeinsten Sinne. In der urbanen Praxis bedeutet das vor allem: eine Auseinandersetzung mit rechtlichen Situationen, mit den wirtschaftlichen Aspekten wie Kosten und Förderungsmöglichkeiten geplanter Interventionen etc. Theoretische Überlegungen werden dadurch auf ihre empirisch-praktische Bewährung hin überprüft. Freiraum-Hacking beinhaltet eine kritische Exploration, und zwar um herauszufinden, wie viel die eigenen Konzepte aushalten und wie sie am Ende doch durch öffentliche Institutionen kompromittiert werden können. Taktiken und Praktiken, die beim Freiraum-Hacking zur Anwendung gelangen können, als eine Auswahl erprobter Methoden der Kommunikations-Guerilla (vgl. Düllo) sind:

#1: Vorgabe von Tatsachen

#2: Tarnung von Aktionen, Camouflage

#3: Imitat, Appropriation Art

#4: Collage und Montage

#1: Die Vorgabe von Tatsachen zur Schaffung von Ereignissen

Hier steckt die Tatsache dahinter, dass wirklich ist, was wirkt und somit Wirklichkeiten auch künstlich hergestellt werden können. Ein Beispiel dafür stellt eine Aktion des Büros für ungewöhnliche Maßnahmen in Berlin dar. Besucher*innen des Park Sanssouci wurden aufgefordert, vor Betreten des Parks Immunschutzbezüge über ihre Straßenschuhe zu ziehen, da bedingt durch die anhaltende Hitze und die Ozonwerte der Pflanzenbazillus Floraglittus veg. epidermis Schäden an der empfindlichen Parkvegetation anrichten könnte. Die angeblich in der Bitumenschicht des Asphalts ansässigen Keime könnten vom menschlichen Schuhwerk übertragen werden und so wurde den Anweisungen der Parkverwaltung ordnungsgemäß gefolgt. Tausende in Operationssälen übliche Plastiküberschuhe bevölkerten somit für kurze Zeit die Parkanlagen.

Diese vermeintliche Aktion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg wurde in weiterer Folge als performative Antwort auf eine Ablehnung einer Anfrage des Büros für ungewöhnliche Maßnahmen entlarvt. Der Wunsch nach einer künstlerischen Gestaltung der Parkanlage, der ihnen ursprünglich verwehrt wurde, konnte mit dem ephemeren, performativen Kunstwerk »Parkschoner« umgesetzt werden. Die Besucher*innen waren mit dem Glauben an eine erfundene Vorschrift freiwillige, aber unwissentliche Teilnehmer*innen dieses künstlerischen Racheaktes. (vgl. Luther Blissett) Wie sinnvoll eine immunisierende Naturschutzmaßnahme oder eine gesundheitspolitische Verordnung ist, kann auch von einem kritischen Publikum nur schwer überprüft werden, die Ambivalenzen zeigen sich in der Pandemie, wenn sich Maskenmuffel zuweilen in Corona-Leugner*innen verwandeln.

#2: Die Camouflage, die Tarnung

Eine unauffällige bzw. harmlos erscheinende Oberfläche täuscht über den auf den zweiten Blick brisanten und kritischen Inhalt hinweg. Im Juni 2008, an einem Freitag, dem Dreizehnten, fand eine Performance von kampolerta mit dem Titel »Draußen vor der Tür« am Genochmarkt in Stadlau statt. »Unsichtbares Theater wird in der Öffentlichkeit gespielt; es gibt kein Bühnenbild, die Szene findet dort statt, wo sie in Wirklichkeit auch stattfinden könnte. Dabei ist entscheidend, dass eine erkennbare Theaterszene vollkommen anders wahrgenommen wird als eine scheinbare Alltagssituation.« (Blissett) Die Performance von kampolerta setzt sich mit der Thematik der Zugänglichkeit des öffentlichen Raums für unterschiedliche Bevölkerungsschichten und der Frage, für wen die Nutzung von Räumen somit offensteht, auseinander. Der ehemalige Marktstand am Genochmarkt fungierte als shabby-chice Hotellobby, die nachmittags nur für ausgewählte Gäste offensteht. Im Gegensatz zum exklusiven Kreis von Privilegierten repräsentieren vergängliche, mit schwarzer Kohle aufgezeichnete Schatten vor der Marktbude diejenigen, denen der Eintritt in viele Räume und Lebensbereich allzu oft verwehrt bleibt. (Miriam Schwarz)

© Michael Franz Woels

#3: Appropriation Art, das Imitat

Einerseits soll bei der Appropriation Art der Akt des Kopierens möglichst gut und damit auch möglichst wenig erkennbar sein, um nicht als harmlose Parodie zu erscheinen. Andererseits lebt der gewünschte Effekt der Fälschung gerade davon, dass dieser erkannt und entdeckt wird. Ein zweiteiliges Projekt, welches im Herbst 2003 und 2004 in Berlin unter dem Titel »Camp Kleister« stattfand, beschäftigte sich mit Appropriation Art, der Kunst der Aneignung. Mit Hilfe von Sponsor*innen wurden Werbetafeln angekauft und der Bevölkerung zur freien Gestaltung überlassen. Jeder konnte sich bei diesem Projekt bewerben, einzige Grundvoraussetzung war, dass keine Werbeinhalte dargestellt werden.

»Besucher des Bezirks und vor allem die Einwohner mussten bei der Bewegung durch ihren Stadtteil an vielen Stellen auf mit neuen Inhalten belegte Plakatflächen und auf an Plakatflächen arbeitende Menschen treffen. Somit wurde der Prozess des Eingriffs in die Stadtkultur bemerkt und Veränderungen sofort registriert. Dadurch, dass die Beteiligten an den Werbetafeln auf der Straße sichtbar waren, bestand für Passanten die Möglichkeit nachzufragen, was es mit diesem Projekt auf sich hat. Somit konnte die persönliche Kommunikation der Menschen untereinander der unpersönlichen Werbung entgegentreten.« (Daniela Krause, Christian Heinicke in »Street Art – Die Stadt als Spielplatz«) »Letztendlich waren es aber doch vor allem Künstler, die sich bei uns gemeldet haben«, resümiert eine Mitinitiatorin dieser Aktion, »für den Normalbürger gibt es wahrscheinlich eine riesengroße Hemmschwelle, sich auf einer Werbetafel auszudrücken.« (Laetitia Anstetten)

#4: Die Collage und Montage

Diese künstlerischen Ausdrucksmittel versuchen, selbstverständliche Wahrnehmungsmuster der Alltagsrealität durcheinanderzubringen und damit Verunsicherung zu schaffen. Vertraute Bilder und Begriffe werden aus ihrem Zusammenhang gerissen und in einen neuen, meist den bisherigen Begriff kritisierenden Kontext gestellt. Darüber hinaus umfassen sie alle möglichen Varianten des Zweckentfremdens, Umfunktionierens und Uminterpretierens. (vgl. Düllo)

Eine Variante der Zweckentfremdung stellt die Montage-Aktion »Parkrasen« dar. Die Autodachbegrünungsaktion von kampolerta thematisiert den zunehmenden Flächenverbrauch im Stadtraum für den ruhenden und bewegten motorisierten Individualverkehr. Rollrasenmatten wurden dabei auf Autodächern geparkt und kleine Stücke des Parkrasens an Passant*innen verteilt. Im dicht bebauten Ottakring sind die engen, zugeparkten Gassen der einzige verbleibende Raum, an dem öffentliches urbanes Leben stattfinden kann. Es geht bei dieser Aktion somit um die Sichtbarmachung eines sich im Aneignen wieder zurückeroberten persönlichen Gestaltungsfreiraumes. Die applizierte Rasenfläche fungiert als prononciertes Symbol für den marginalisierten Grün- und Wohlfühlraum in diesem Bezirk.

Dieser Beitrag ist die überarbeitete Kurzfassung des Artikels: »Subversives, aktionistisches Wirtschaften mit der Ressource urbaner öffentlicher Raum«, erschienen im aktuellen »zoll+14« (Schriftenreihe für Freiraum und Landschaft) zum Thema Wirtschaften.

© Michael Franz Woels

Literatur:

Anstetten, Laetitia von (2008): »Culture Jamming« http://www.culture-jamming.de/interviewVI.html (06.07.08)

Blissett, Luther (1997): »Handbuch der Kommunikationsguerilla«, Verlag Libertäre Assoziation, Hamburg.

De Certeau, Michel (1988): »Kunst des Handelns«, Merve Verlag, Berlin.

Düllo, Thomas; Liebl, Franz (Hg.) (2005): »Cultural Hacking – Kunst des Strategischen Handelns«, Springer Verlag, Wien.

Gälzer, Ralph (2001): »Grünplanung für Städte«, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.

Haydn, Florian; Temel, Robert (Hg.): »Temporäre Räume – Konzepte zur Stadtnutzung«, Verlag Birkhäuser, Basel.

Heinrichs, Hans-Jürgen (1993): »Bewege dich, so wirst du schön – Tanz, Musik, Meditation und Wirklichkeit«, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg.

Krause, Daniela; Heinicke, Christian (2006): »Street Art – Die Stadt als Spielplatz«, Verlag Thomas Tilsner, Berlin.

Schechner, Richard (2002): »Performance studies – An introduction«, Routledge, London.

Schwarz, Miriam (2008): »Die Märkte denen, die sie betreiben«, Augustin 229: Seite 25.