Norberto Lobo

»Fornalha«

Three:Four

Norberto Lobo ist ein portugiesischer Musiker, dessen Veröffentlichungen bisher – so scheint es mir jedenfalls – jenseits der Landesgrenze kaum oder nur wenig wahrgenommen wurden. Jetzt erscheint »Fornalha«, Lobos sechstes Album, auf dem Schweizer Three|Four-Label, das in diesem Jahr bereits mit Filipe Felizardos »Sede E Morte – Guitar Variations For The Thirsty And The Dead« ein anderes herausragendes Album mit Kompositionen für elektrische Gitarre veröffentlicht hat. Beide Veröffentlichungen sind für all jene von Interesse, die mit Namen wie Steven R. Smith, Tom Carter, Loren Connors oder – natürlich – John Fahey vertraut sind; das weite Feld zeitgenössischer instrumentaler Gitarrenmusik. Wer beim Namedropping schon nickt, der oder die muss gar nicht mehr weiterlesen. Eulen müssen bekanntlich nicht nach Athen getragen werden. Darüber hinaus horchen aber vielleicht diejenigen auf, die hilflos bis angewidert das Gesicht verziehen, wenn sie die – zugegebenermaßen etwas blasse und hölzerne – Formulierung »zeitgenössische instrumentale Gitarrenmusik« lesen. Die öde Kategorisierung steht dem Reichtum der Musik diametral entgegen. Ob elektrisch verstärkt und mit dem Geigenbogen gestrichen, ob akustisch und mit fünf Fingern gezupft – Lobos Kompositionen für Gitarre sind atmosphärisch dicht, entziehen sich ihrer (möglichen) alltäglichen Vernutzung als Hintergrundmusik erfolgreich und halten natürlich gegenüber dem Verdacht muffiger Oberstudienratsmusik stand. Letzteren Verdacht kann eh nur noch hegen, wer in den letzten 10 Jahren nichts von dem mitbekommen hat, welche musikalischen Blüten der internationale musikalische Underground treibt. Die fünf Kompositionen von überwiegend dunkler Klangfarbe auf »Fornalha« beziehen ihre musikalischen Einflüsse nicht nur aus dem American Primitive Faheys sondern ebenso aus Ambient, Drone und Minimal Music. Sicherlich werden auch regionale portugiesische Folk-Traditionen ihren Niederschlag in Lobs Musik gefunden haben, das vermag ich aber nicht zu beurteilen. Heraus kommt dabei eine sehr eigenwillige und unkitschige Musik, die ihren Platz neben den bereits oben genannten Musikern findet, ohne im Sentimentalismus abzusaufen. Das ist kein kleines Kunststück. Instrumentale Musik – gleich welchen Genres, egal ob laut oder leise tönend – läuft schnell Gefahr, Gefühlsduseligkeiten zu produzieren und zu bedienen. Lobo greift zumeist neben die abgegriffenen Akkorde und vermeidet die üblichen Melodiebögen, so dass eben nicht sofort die spätherbstlichen Regentropfen am Fenster vorm geistigen Auge erscheinen, wenn eine gezupfte Tonfolge aus der akustischen Gitarre erklingt. Natürlich darf Musik berühren, wie sollte sie nicht? Aber sie soll einen ja nicht gegen den eigenen Willen vollschmusen wie die ungeliebte Tante beim Verwandtenbesuch. »Fornalha« ist keine solche Tante, sie ist eher die scheue Katze, die sich unterm Sofa versteckt und deren Vertrauen vielleicht erst einmal gewonnen sein will, bevor sie sich streicheln lässt.