Female Affiliation - Faith Wilding von Subrosa

Das Kollektiv subRosa besteht seit 1998. Die beteiligten Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen fordern eine kulturelle Praxis des Widerstandes gegenüber den globalkapitalistischen Machtstrategien der Kommunikationstechnologien und Bio-Tech Industrie.

Die aktuelle Installation am Massachusetts Museum of Contemporary Art demonstriert im Vergleich zweier Städte, North Adams (Massachusetts) und Ciudad Juárez (Mexiko), die verdeckten ökonomischen, kulturellen und alltäglichen Konsequenzen der Auslagerung von Arbeit und der Globalisierung von Städten auf die Lebensumstände und Arbeitsbedingungen von Frauen. Mit den zwischen Performance, Lecture und Kunstwerk gelagerten Projekten erarbeitet subRosa Prototypen für Handlungsweisen einer emanzipierten Öffentlichkeit.

Ihr sagt, dass für feministische/aktivistische KünstlerInnen die Herausforderung darin besteht, Strategien zu entwickeln, welche die Kontrolle der Biotechnologie über den weiblichen Körper deterritorialisieren.
subRosa: Unsere aktivistische Kunstpraxis basiert auf einer kritischen feministischen Analyse und Kritik der Auswirkungen von digitaler Information, Kommunikation und Biotechnologie auf das Leben von Frauen, deren Körper, deren Arbeit und soziale Beziehungen. Zurzeit besteht subRosa aus drei Künstlerinnen. In den unterschiedlichen Projekten arbeiten wir zusammen mit  Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen und Theoretikerinnen aus kulturellen, feministischen, und postkolonialistischen Forschungsbereichen, etwa mit Maria Fernandez, Irina Aristarkhova und Michelle Wright. Cyberfeministische Theorie im Allgemeinen erstreckt sich vom Angriff auf bestimmte gesellschaftliche Wertvorstellungen von Geschwindigkeit und Effizienz bis zur Erforschung und Kritik der Entwicklungen in den Bio-Genetiktechnologien.

Somit geht es vor allem auch um Wirtschaftskritik.
Viele unserer Projekte fokussieren spezifisch die Untersuchung der sich überschneidenden pankapitalistischen Ökonomien, die der Normalisierung und Einbürgerung von ART dienen. Es geht uns um Sichtbarmachen Ihrer historischen Verbindungen zur Eugenik und zu Kolonisationsideologien. Was ist ART? ASSISTED REPRODUCTIVE TECHNOLOGIES sind ein Aufgebot an biomedizinischen Technologien, etwa In-Vitro Fertilisation, die es möglich machen, sich ohne sexuellen Kontakt fortzupflanzen. Es sind bereits viele verschiedene Methoden im täglichen Gebrauch Spermien und Eizellen gleichermaßen zu manipulieren und in die DNS der Embrios einzugreifen, um ein »fitteres« und »erfolgreicheres« Baby zu erzeugen.

Auf Eurer Website www.cyberfeminism.net unter den FAQ’s haben mich zwei Fragen als solche zunächst verwundert: a) »Where can I donate my eggs« und b) »Is subRosa anti-IVF or anti-abortion or both?« Ihr sucht in Eurer Aufklärungs- und Vermittlungsarbeit grundsätzlich niemanden davon abzuraten, sich auf die Repro-Tech einzulassen?
Das stimmt, es ist nicht unser Job, den Leuten zu sagen, was sie zu tun haben. Verschiedene Mitglieder von subRosa haben unterschiedliche Haltungen gegenüber ART. Wir verschreiben uns nicht einer Gruppenideologie. Oft passiert es, dass Frauen plötzlich begeistert sind, wenn sie bei unseren Performances erfahren, dass sie eine Menge Geld verdienen können, wenn sie »ihre Eier spenden«. In unseren Performances und Texten versuchen wir kritische Informationen und Erfahrung zu vermitteln, und ein Nachdenken über die Konsequenzen einer solchen Entscheidung auf Körper und Leben in Gang zu setzen.

In Projekten wie »Sex and Gender Education in the Biotech Century«, 2000 oder »U-Gen-A-Chix: Cultures of Eugenics«, 2003 untersucht Ihr die schleichende Normalisierung und gesellschaftliche Standardisierung von künstlichen Fortpflanzungsmethoden unter dem Vorwand des attraktiven Bildes der freien »Wahl«. Dieser Begriff, für die feministische Bewegung von zentraler Bedeutung, wurde von der Reprotech-Industrie angeeignet um letztlich Eugenik- und Kolonisationsideologien »einzubürgern«, so eine zentrale These Eurer Arbeit.Es ist notwendig die heilversprechende Sprache der Wissenschaft zu kritisieren. Diese dient lediglich dazu, den neuen Einsatz der Biotechnologie in genetischer und transgenetischer Landwirtschaft und bei medizinischen Produkten genauso wie in ART zu normalisieren. Feministische Ideen der »Wahl« in den Bereichen der Fortpflanzung, sexuellen Orientierung und Praxis, sowie bei Geschlechterrollen, werden durch die Biotechnologie und ihre Sprache stärker bedroht als je zuvor fundamentalistische Sekten, rechte Fanatiker und weltweit wiederaufflammende nationalistische Tendenzen es vermochten. Diese wissenschaftliche Sprache promotet eine utopische Sicht auf Wissenschaft um den Preis einer kritischen, medizinisch-wissenschaftlichen Information, die von der Öffentlichkeit auch verstanden werden kann. Zum Beispiel in der heiß beworbenen Stammzellenforschung setzt die Wissenschaft, um die verschiedenen Arten von Stammzellen zu beschreiben, Wörter wie »magisch«, »unsterblich« und »totipotent« ein.

Nehmt Ihr sozusagen eine Vermittlerrolle zwischen der Wissenschaft und der Öffentlichkeit ein, oder geht Ihr weiter?
Wir verurteilen und bekämpfen die kollektive wissenschaftliche Praxis, intellektuelle Güter und Wissen zu privatisieren, genauso wie das Patentieren biologischer Prozesse. Hier können wir als kritische  Künstlerinnen und Aktivistinnen eingreifen, um die Öffentlichkeit stärker zu involvieren als es je ein sensationalistischer oder großteils technischer, wissenschaftlicher Bericht vermag. Die Körper von Frauen sind sprichwörtlich zu Ersatzteil- und Produktionslaboratorien für viele Bereiche der Repro-Tech, Stammzellen- und Cloning-Biotechindustrie geworden. Zum Beispiel Lab Culture Fluids (sogenannte Matrices) werden mitunter aus Zellen von Eileitern und Gebärmutter hergestellt, um Samples einer Gebärmutterschleimhaut zu erzeugen. Biotech- und Genetik-Engineering betrifft Frauen jedoch auch über andere Wege, etwa in der Lebensmittelproduktion und der Landwirtschaft-Lohnarbeit, welche wie in Indien immer noch hauptsächlich von Arbeiterinnen bestritten wird. Gena Corea in »Man-made Women« führt das Beispiel der grünen Revolution in Indien an, wo neue Landwirtschafts-Technologien Millionen von Frauen ihr Einkommen und ihre traditionelle Arbeit genommen haben. Geführt hat das in unzähligen Fällen zur weiteren gesellschaftlichen Abwertung von Frauen und vermehrten Tötungen weiblicher Kinder wie Abtreibungen nach der Amniozentese.

Cyberfeminismus bezieht sich zunächst auf Handlungsweisen im Internet, dem digitalen oder virtuellen Raum. Andererseits werden auf cyberfeministische Handlungsstrategien und Netzwerke auf den Real-Raum umgelegt. Wie funktioniert das?
>Zum Beispiel durch die Frage »Wer baute diesen Computer?« Mit dieser Frage sind wir unmittelbar konfrontiert mit einer ganzen Serie von weiteren wichtigen Faktoren. Durch Ausbilden resistenter Allianzen und Netzwerke, die vielmehr auf offenen Möglichkeiten als auf festen Ideologien basieren, und mit Fragen wie »Was können wir heute tun, hier, jetzt, gemeinsam? Können wir miteinander arbeiten, auf eine Weise, die ein Kollidieren von Unterschieden verhindert?« setzten zahlreiche Künstlerinnen und Aktivistinnen wesentliche Schritte des Widerstandes gegenüber Entfremdung und Ausbeutung. subRosas Verständnis der Strategie von female affiliation leitet sich von der bedeutenden Theorie Luce Irigarays ab.

Kannst Du das näher erklären?
Das heißt, subRosas Praxis eines Prinzips von female affiliation ist geprägt von Einladung und Offenheit (Welcoming and Hospitality), genauso wie es ein Unternehmen darstellt, jene Wege zu zeigen, mit welchen wir – Frauen – uns bewusst unseren Unterschieden und den Meinungen die daraus hervorgehen – kulturell, sozial, politisch – annähern. In anderen Worten, female affiliation begreift und erkennt die lebendige Realität von Frauen, die sich von der der Männer unterscheidet und deshalb andere Bedingungen setzt. Frauen müssen sich dieser Unterschiede bewusst werden, um ein Gefühl dafür zu finden, was nicht-männlich (genauso nicht-weiß, nicht-dominant, etc.) sein kann.
Die englische Kulturtheoretikerin Sadie Plant behauptete, dass die digitale Revolution auch die Basis für den Umsturz der Geschlechterverhältnisse bereitet hätte. Ihre nach Deleuze benannte Forderung nach »Deterritorialisierung« wurde jedoch bisher nicht eingelöst.
Es ist nicht überraschend, dass die Deterritorialisierung des Internets noch nicht stattgefunden hat. Während zu Beginn der Cyberspace übercodiert wurde, nämlich von vorne herein machtfrei und demokratisch zu sein, hat die frühe Phase des Cyberfeminismus, formuliert von Sadie Plant, Donna Haraway, VNS Matrix und anderen, Wesentliches zum Setting von Gender-Bending beigetragen und einen grundlegenden Diskurs eröffnet. Es ist schwer abzusehen, wie weit das Überschreiten von Geschlechtergrenzen im virtuellen Raum vorangetrieben werden kann; inzwischen sind Unterdrückung und ungleiche Zutrittsmöglichkeiten zu digitalen Terrains noch immer ungelöste Probleme von höchster Priorität. Sicherlich, verschiedene Territorien innerhalb des Internets wurden demokratischer und differenzierter, aber es ist klar, dass uns das Internet vor patriarchalen Machtkonstellationen im realen Raum nicht bewahren kann.

>> www.cyberfeminism.net