Federn lassen

Eine Reflexion über die Absurdität des Lebens: »Big Questions« des amerikanischen Comic-Künstler Anders Nilsen liegt jetzt in einer monumentalen Gesamtausgabe vor. 

Von der deutschsprachigen Leserschaft leider praktisch unbemerkt, ist im Vorjahr einer der wichtigsten, unbekanntesten und zugleich besten Comics der letzten Jahrzehnte in einer monumentalen Gesamtausgabe erschienen: Auf beinahe sechshundert Seiten entfaltet der US-amerikanische Künstler Anders Nilsen mit »Big Questions« eine vielschichtige Reflexion über die Absurdität und Kürze des Lebens. Sein existenzieller Comic, getragen von magischem Realismus, ist in einer anonymen Weite angesiedelt und vor allem von miteinander sprechenden, zumeist wenig niedlichen Tieren bevölkert. Singvögel agieren als wesentlichster Teil des symbolisch hochaufgeladenen Ensembles, das von Krähen, Schlangen und Eichhörnchen ergänzt wird. Was als philosophisches Geplauder zwischen besagten, nahezu ununterscheidbaren Vögeln als amüsanter Strip über Fressen, den Sinn des Lebens und die Erträglichkeit der eigenen Existenz beginnt, wächst sich nach und nach, inhaltlich wie auch stilistisch, zum epochalen Meisterwerk aus.

Die menschlichen Nebendarsteller, eine alte Frau und ihr geistig behinderter Enkel, geraten nach dem Abwurf einer verzögert explodierenden Bombe und dem Absturz eines Kampflugzeugs gemeinsam mit dem Piloten der Unglücksmaschine immer mehr ins Zentrum der wuchernden Tragikomödie. Die traumatischen Ereignisse erschüttern im wahrsten Sinne die Gegend, die folgenden, sich verschlimmernden Krisen bringen die Notwendigkeiten des Umdenkens und Ausbrechens aus gewohnten Verbänden mit sich. Der Irrglaube, einander zu verstehen, zieht bei Nilsen Momente der Entropie und Entfremdung – die sich nicht zuletzt im klug gewählten Untertitel spiegeln – nach sich. Die tierischen Bewohner der förmlich aus der Bahn geworfenen Welt entwerfen konkurrierende Erklärungsmodelle, stellvertretend und im wortwörtlichen Sinne fabel-haft treten sie mit ihren religiösen und ideologischen Entwürfen in Konkurrenz zueinander, während die menschlichen Figuren in ihren Handlungen und Perspektiven eher beschränkt, limitiert erscheinen. Mystische Elemente, politischen Subtext und schwarzhumorige Passagen verbindet Nilsen, der nahezu fünfzehn Jahre an »Big Questions« gearbeitet hat, zu einem fordernden, doch stimmigen Narrativ. Dieser bedeutungsschwere Comic, der für die vorliegende Ausgabe vom Autor wesentlich überarbeitet und ergänzt wurde, lädt zum Lesen und Wiederlesen ein, ohne dabei seine Reize einzubü&szligen. »Big Questions« ist ein unverzichtbares Monstrum von einem Buch.

Anders Brekhus Nilsen: »Big Questions or Asomatognosia: whose hand is it anyway?«, Montréal: Drawn & Quarterly 2011, 592 Seiten, ca. EUR 50,- Zu beziehen u. a. über www.pictopia.at