Ohren zuhalten, gleich kommt das böse Wort! Samantha Bee © YouTube

Es darf gelacht werden

Warum Satire nicht mehr Satire sein soll und wem diese Art von Zensur nützt, zeigt sich gerade in den USA sehr deutlich anhand der Kontroverse um Ivanka Trump, Roseanne Barr und die Komikerin Samantha Bee.

Jean Paul belehrte bereits vor gut zwei Jahrhunderten in seiner »Vorschule der Ästhetik« darüber, was Satire eigentlich ist. Damit hatte er sich eine tüchtige intellektuelle Plackerei aufgeladen, von der leider wenig ins allgemeine Bewusstsein vordringen konnte. Kein Zufall vermutlich, denn insbesondere konservative Kräfte wollen gar nicht verstehen, was Satire ist. Es wäre ihnen hinderlich, denn so lange die Kraft und Funktion der Satire vernebelt bleibt, lassen sich die Hierarchien bequemer überdecken.

Es gab zahlreiche »Skandale« in den letzten Jahren, bei denen aufgebauscht wurde, was sich aufbauschen ließ. Erinnert sei nur an das Bild mit der angepuschelten Soutane des Papstes oder der Kosename »Baby-Hitler«, der dem österreichischen Bundeskanzler von einem deutschen Satiremagazin verliehen wurde. Aktuell läuft in den USA die Diskussion heiß rund um Ivanka Trump, die Tochter des amtierenden Präsidenten, die entlassene Fernsehdarstellerin Roseanne Barr und die Komikerin Samantha Bee, die ebenso gefeuert werden soll.

Dem Lachen durch Bitterkeit den Mund verschließen
SatirikerInnen sind übrigens wütend. Sie sind empört bis hin zur Verzweiflung. Sie schaffen es aber, dies durch ihre satirische Kunst zum Ausdruck zu bringen. Das dumpfe und spießige Bedürfnis, das von ihnen Mäßigung verlangt, verkennt den wahren und aufrichtigen Impuls, dem sie folgen und folgen müssen: Sie empfinden Abscheu. Bei Abscheu hilft kein Witz und keine feine Ironie mehr. Die AutorInnen des deutschen Satiremagazins »Titanic« finden beispielsweise den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz wirklich schrecklich (und dies vielleicht aus gutem Grund …) Ebenso kann sich die US-amerikanische Komikerin Samantha Bee nicht über den Trump-Clan beruhigen und griff diesbezüglich zu sehr harten und verletzenden Worten. Dies war ihre Intention und sie wollte sicherlich Schmerz zufügen. Man sollte ihr dies aber unbedingt durchgehen lassen, denn sie hat dabei einige wichtige Satireregeln beachtet.

Zunächst, was ist überhaupt geschehen? Da die Skandalindustrie in den USA nur mehr endlose Fäden produziert, die speziell für die Nutzung in den sozialen Medien geeignet sind, könnte die Geschichte mit beliebig lang gesponnener Vorgeschichte erzählt werden. Hier nur die wichtigsten Stationen. Unverkennbar wünscht sich Donald Trump seit Langem die Zustimmung und Bewunderung von Showstars. Diese bleibt ihm allerdings als Präsident fast vollständig verwehrt. Eine der ganz wenigen Ausnahmen ist Roseanne Barr, die sich als Trump-Unterstützerin zu erkennen gab. Die Hauptdarstellerin der Serie »Roseanne« verlor jüngst ihre Anstellung, nachdem sie sich in übelster Weise rassistisch geäußert hatte. Sie tat dies in einem persönlichen Tweet und wohlgemerkt nicht innerhalb einer Bühnen- oder Fernsehshow. Trump hat diesen Verlust einer seiner wenigen Fans nicht gut verwunden. Als sich nun Samantha Bee mittels des »C-Wortes« über seine Tochter äußerte, forderte er, um ausgleichende Satisfaktion bemüht, die Entlassung Bees, indem er ihre Äußerung mit jener Roseannes verglich. Viele konservative KommentatorInnen folgten ihm in dieser Argumentation. Aus vier Gründen sind diese Forderung und der Vergleich völlig falsch.

1. Punching down und punching up
SatirikerInnen, die Feingefühl besitzen (und das brauchen sie), spüren, wie wichtig es ist, darauf zu achten, niemals auf jene einzudreschen, die sozial oder gesellschaftlich weiter unten stehen. Das ist schäbig aus unzähligen Gründen, allein aber deshalb, weil sich die Geschmähten kaum wehren können. Sie haben einerseits nicht die medialen Möglichkeiten und vielleicht mitunter auch nicht die intellektuellen Kapazitäten, um dies zu tun. Sie müssen deshalb den Schlag von oben schmerzhaft erleiden, ohne dem je etwas entgegen setzen zu können. Deswegen gelten KomikerInnen wie beispielsweise Dieter Nurr, der gerne über sozial Verelendete scherzt, zu Recht als bedenklich.

Samantha Bee hingegen hat sich mit der »First Daughter« einen Gegenstand ausgesucht, der ähnlich wie Bundeskanzler oder Papst so weit »oben« haust, dass dies als ein lupenreines »punching up« gelten darf. Menschen, die sich in Spitzenpositionen der Gesellschaft vorgearbeitet haben, müssen Anfeindungen dieser Art schlicht aushalten. Sie genießen unzählige soziale Privilegien und da ist ihnen dieser kleine Nachteil durchaus zuzumuten. Wenn sie tränenreich ihre verletzten Seelen bedauern, ist dies wenig glaubwürdig. Wäre dies wahr und sie hielten die Hitze an der Spitze tatsächlich nicht aus, könnten sie jederzeit ihre Position räumen und sich in Anonymität der Pflege ihrer zarten Saiten widmen.

Der Film mit den schlimmen Worten darf übrigens nicht mehr gezeigt werden, deswegen hier eine andere Probe der Satirekunst Bees:

2. Gruppe und Einzelperson
Der zweite Punkt, den satirische DilettantInnen nicht verstehen wollen, hängt eng hiermit zusammen. Spott über eine Einzelperson ist nie zu vergleichen mit dem über eine Gruppe. Die Schreibfeder des Satirikers, dies wusste bereits Jean Paul, muss so spitz gespitzt sein, wie nur irgend möglich. Sie muss den kleinsten Punkt des Individuellen treffen und dort stechen. Das kann kaum je eine Gruppe sein, denn was viele treffen soll, ist meist nur Klischee. Wer es also lustig findet, wie »die Türken« so sind oder »der Islam« oder wie sich »die Leute in Köln« angeblich verhalten, der konsultiere bitte Dieter Nurr. Satire ist das sicherlich nicht, sondern Ressentiment-Fabrikation. Genau dies tat Roseanne Barr, als sie bekundete, dass eine farbige Mitbürgerin sie an einen Affen erinnere. Allen Menschen dunkler Hautfarbe wird hier der gemeinsame Boden des Menschseins entzogen und sie werden zu Tierkreaturen herabgewürdigt. Mieser geht es kaum.

Unvergleichbar anders agierte Samantha Bee. Sie bat Ivanka Trump, nachdem diese ein Foto veröffentlicht hatte, in dem sie ihren kleinen Sohn knuddelte, sich doch bitte bei ihrem Vater für die Familien einzusetzen, die gerade in den USA durch Deportation zerrissen werden. Die Satirikerin Bee wusste, dass diesem Aufruf niemals Folge geleistet werden würde, denn die Präsidententochter veröffentlichte ja das Bild um zu zeigen: Schaut her, es wird nur den illegalen MigrantInnen Leid angetan, um die weißen Babys kümmern wir uns natürlich. In ihrer ohnmächtigen Wut empfahl Samantha Bee Ivanka Trump, sich doch bitte sexy anzuziehen um die Aufmerksamkeit ihres Vaters auch sicher zu erregen. Ist dies geschmacklos? Ganz sicher, ohne jede Frage. Weil aber Donald Trump die körperlichen Reize seiner Tochter mehrmals öffentlich lobte und sogar meinte, er würde mit ihr ausgehen, wenn sie nicht seine Tochter wäre, muss hier attestiert werden: Die Satire ist präzise, der Stich sitzt genau. Mit wenigen Worten charakterisiert Samantha Bee die ganze kaputte Familie.

Und noch ein Video: Samantha Bee arbeitet sich liebevoll an Ivanka Trump ab.

3. Ach, es ist übrigens Rassismus
Indem Samantha Bee das Individuum Ivanka Trump mit wütender Satire zu treffen trachtet, zielt sie auf die individuelle und auch auf die gewählte Situation. Ivanka Trump ist eine Spielerin im medialen Spiel. Sie entschied sich dafür, ihrem Vater, der aufgrund grausamer Deportationsereignisse unter Druck war, mit dem Familienfoto zur Seite zu springen. Ihre Entscheidungen erzeugten mediale Gegenreaktionen und im Fall von Bee eben eine satirische.

Was Roseanne Barr machte, war völlig anders gelagert. Sie diffamierte eine Gruppe von Menschen mit dunkler Hautfarbe, die sich dafür nicht entschieden haben und nie entscheiden konnten. Die Haut werden sie nicht ablegen können und so lange es Menschen wie Roseanne Barr gibt, werden sie deswegen leider immer wieder diffamiert und beleidigt werden. Deswegen war die Entscheidung des Senders ABC richtig, »Roseanne« vom Sender zu nehmen. Samantha Bee hingegen sollte ruhig auf Sendung bleiben, sie hat Ivanka Trump für ihre harten Worte sogar um Verzeihung gebeten. Dies war in der aufgeheizten Situation strategisch richtig, ästhetisch gesehen aber überflüssig. Beinahe sogar ein wenig herablassend, weil Samantha Bee damit Ivanka Trump attestiert, nicht zu verstehen, was Satire ist. Und damit wäre der vierte Punkt erreicht.

4. Nicht zuletzt: It’s satire, stupid!
Torheit fordert den Witz, aber das schwerwiegende Laster die Satire, stellt Jean Paul richtig fest. Die widerlichen und überaus gefährlichen Machenschaften des Trump-Clans sind nicht mehr lustig im Sinne eines jungen Schäfchens, das über die eigenen weichen Beinchen stolpert. Nichts an Trump ist schuldlos und alles an ihm ist hässlich. Ein wahres Lachen über diese Schweinebande, die das Weiße Haus erobert hat, muss dies notwendig beinhalten, sonst kalmiert sie. Jede vornehme Zurückhaltung wäre hier falsch. Trump und seine Tochter haben Hohn verdient, die komische Künstlerin Samantha Bee hat dies erkannt und entsprechend gehandelt.

Um es ganz klar zu sagen: Satire ist ernst. Und sie behandelt deshalb auch nur die ernste Lage. Es geht um etwas, das Jean Paul »moralische Wichtigkeit« nennt. Was Trump für schnöden Machterhalt tut und wohl aufgrund der miesen Geschäfte, die er im Hintergrund zum eigenen Vorteil verfolgt, verdirbt vielen Menschen ihr Leben und tötet sie sogar. Das ist nicht mehr zum Schmunzel-Lachen, deswegen muss die Satire hier losgelassen werden und so fürchterlich und hart zuschlagen wie nur irgend möglich. Erst dann kann sie ihr Ziel erreichen und einen Moment lang die Schwachen stark werden und die politisch Starken schwach erscheinen lassen.

Samantha Bee kann gegen Trump und seine verlogene, ehrgeizige Tochter nahezu nichts ausrichten. Die Trumps werden weitermachen wie bisher und erst nach der nächsten Wahl kann der Spuk ein Ende finden. Aber, es gibt nichts Lächerlicheres, als die Momente, in denen sich Mächtige über Ohnmächtige beschweren. Wenn Papst, Bundeskanzler und Präsident mit Klagen drohen und ihre verletzten Gefühle bedauern, dann haben die SatirikerInnen erreicht, was sie erreichen können: ein Gefühl dafür, dass diese Popanze nur mit Luft gefüllt sind.

Konservativen Seelen ist die Satire immer ein Dorn im Auge, weil sie spüren, wie diese die Verhältnisse zumindest kurz ins Wanken bringt. Hier ist auch der Grund zu finden, weshalb noch niemals ein obrigkeitshöriger Mensch zur Satire fähig war – es ginge wider seine Natur. Was oben ist, muss immer oben bleiben, und alle unteren sollten fügsam sein und schweigen. SatirikerInnen haben für solche »Duckmäuser, Gimpel und Säufer am Trog« (Rabelais) nur Spott übrig.

By the way, bereits vor seiner Wahl hat skug Donald Trump in einer Weise zerlegt, zu der bis heute relativ wenig hinzuzufügen ist: https://skug.at/liebenswerte-ganoven/

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