»Erde« © Stadtkino Verleih

Erde ohne Menschen

»They’re saying they’re gonna reclaim (…) but nobody’s gonna reclaim the world.« Nikolaus Geyrhalters neuester Dokumentarfilm »Erde« nimmt sich ebendiese als Protagonistin und erzählt aus ihrer Perspektive verschiedene Geschichten vom Menschen. Eine Erzählung über Macht und Ohnmacht.

Zwischen Baggern, Steinbrüchen und bösen Ölkonzernen schlängelt sich die Storyline von Nikolaus Geyrhalters neuester Produktion an verschiedensten Sichtweisen entlang und bleibt dabei, dem Tempo seiner Protagonistin entsprechend, überaus langsam. Konzeptuell verstanden, könnte man das durchaus als Intention der Thematik sehen, doch als Zuschauer*in fehlt einem dabei doch das übliche Kontrastprogramm, das man aus Geyrhalters früheren Filmen kennt: beeindruckende Bilder und deren bedenklicher Inhalt. Im Fall von »Erde« bleibt das Programm bei ersterer Charakteristik stehen.

Erde versus Mensch
Gefühlsmäßig greift der Film die Linie auf, die man schon in Geyrhalters 2016 erschienener Produktion »Homo Sapiens« erkennen konnte: Eine Fokus-Verlagerung von den Geschichten der Menschen, zu einer quasi »abstrahierten« Geschichte vom Menschen. Obwohl in »Erde« durchaus wieder die Menschen selbst zu Wort kommen und nicht nur die Bilder für die Menschen sprechen, bleibt der Film doch irgendwie karg an Menschen. Egal ob Kohleabbaugebiet, Großbaustelle oder Steinbruch: Die Menschen, die die Erde verwalten wollen, bleiben trotz ihrer gewaltigen Maschinen immer kleingezeichnet. Sie erscheinen, ob all ihrer Bemühungen, irgendwie machtlos.

»Erde« © Stadtkino Verleih

Eine ganz besondere Komik erhalten die in einem Bergwerk in Deutschland gedrehten Szenen, in denen die Problematik zu Tage tritt, inwiefern der Bestand des Bergwerks sicher genug ist, um den darin zwischengelagerten Atommüll vorschriftsmäßig und sicher weiter lagern zu können. Die unfreiwillige Komik erzeugt sich dabei aus der Inszenierung der dafür zuständigen Sicherheitsbeauftragten, die gerade durch ihre Stellung und das doch massive Risiko, das gerade in diesem Fall ein von Menschen selbst erzeugtes ist, irgendwie hilflos erscheinen. An anderer Stelle wird eine Riesenbaustelle in Kalifornien gezeigt, in der Berge »abgeschliffen« werden, um auf dem Gebiet neue Grundstücksplätze für Städte zu schaffen. Und selbst wenn der dazu interviewte Arbeiter dann auch noch keck in die Kamera meint: »Yeah, it’s true, we move mountains. That’s what we do«, wirkt er im Anblick der riesigen Erdmassen doch irgendwie befremdlich und grotesk.

Mensch versus Mensch
Die einzige Schilderung, die die anfangs schon erwähnte Koexistenz von bildgewaltiger, cineastischer Ästhetik und beklemmendem Inhalt bewirkt und die auch eine nachdrückliche Beunruhigung auslöste, ist die letzte Geschichte: Ironischerweise stellt gerade diese nicht mehr ein Machtgefüge zwischen Erde und Mensch dar, sondern implizit eigentlich eines zwischen Mensch und Mensch. Erzählt wird hier die Geschichte einer Kanadierin, deren Lebensraum sukzessive von der Ölabbauwirtschaft ihres Landes eingenommen wurde und inzwischen in großen Teilen »abandoned«, weil kontaminiert ist. »Do not enter, it says, but that doesn’t stop me.«

»Erde« © Stadtkino Verleih

Wer also vor allem der typischen Ästhetik Geyrhalters wegen ins Kino geht, der wird auch bei »Erde« nicht enttäuscht werden. Jedoch fehlte aufgrund des »Focus-shift«, der scheinbaren »Ableitung« vom Menschen, irgendwie der »Pfeffer« bei der Inszenierung. Man könnte das natürlich auch als natürliche Tendenz seiner Cinematographie interpretieren. Jedoch müssten die Menschen da draußen gerade ganz andere Geschichten hören. Für alle, die sich dazu selbst ein Bild machen wollen: Kinostart in Österreich ist Freitag, der 17. Mai 2019.

Link: https://www.geyrhalterfilm.com/erde