Elfi Aichinger

Die österreichische Sängerin, Komponistin und Kuratorin feierte heuer mit »Memorable Incident« ein glänzendes Comeback.

Elfi Aichinger is back! Es ist schon eine Weile her, als die junge Komponistin und Sängerin, am Salzburger »Mozarteum« klassisch ausgebildet, Mitte der 80er Jahre die österreichische Jazzszene betrat und dieser in ihrer unbekümmerten, lustbetonten Art des Musizierens viel frischen Wind um die Ohren pustete. Als Elfi Aichinger 1988, 26-jährig, mit ihren Bands »Jubilo Elf« und »Ames« auf den Jazzfestivals in Wiesen bzw. Saalfelden konzertierte, bedeutete dies den Durchbruch.

Zahlreiche Auftritte und insgesamt drei CD-Produktionen folgten, der Tätigkeitsschwerpunkt verlagerte sich indessen mehr und mehr auf die Komposition. Und nach der Uraufführung ihrer »symphonischen Dichtung« »Zum Sterben bin ich viel zu jung« im Mai 1994 im Rahmen der Wiener Festwochen war sie beinahe ausschließlich als Komponistin tätig, u.a. für das Klangforum oder das Boheme Quartett.
Ihre Werke erlebten Uraufführungen in Chicago und Paris ebenso wie in Ungarn und Rumänien, die Sängerin Elfi Aichinger war allerdings bis auf seltene Gelegenheiten [VAO, Wiener Hebammenkongress (!)] nicht zu hören.

Bis sich Aichinger, mittlerweile zweifache Mutter, zudem seit 1990 am Linzer Bruckner-Konservatorium und seit 1996 an der Wiener Musikuniversität Jazzgesang unterrichtend, im Jänner dieses Jahres mit ihrem spektakulären Projekt »Memorable Incident« zurückmeldete. Nach absolvierter Österreich-Tournee steckt die humorvolle und gelassen wirkende Künstlerin nun voller Tatendrang. Mit skug sprach sie über gewonnene Lebenserfahrung und die Wirklichkeit des Musikerinnen-Daseins.

Du feierst ja gerade mit Deinem aktuellen Projekt »Memorable Incident« ein glorreiches Comeback …

Eigentlich nenne ich ja nur den Abend ganz frech »Denkwürdiges Ereignis«. Ich dachte, das wäre ein guter Wiedereinstieg in die Szene. Das war es auch. Eineinhalb Jahre habe ich intensiv daran gearbeitet. Ich habe 23 Unterrichtsstunden, zwei kleine Kinder mit denen ich mich sehr viel beschäftige und bin auch andernorts als Sängerin und Komponistin tätig. Was bleibt einem mit einem zudem schwer berufstätigen Mann da noch an Zeit?

Früher bin ich in den Wald gegangen und habe Ideen gesammelt. Jetzt gehe ich in mein Arbeitszimmer und denke mir: »So, jetzt muss mir etwas einfallen«, das ist oft ziemlich hart. Deswegen kann ich nicht genau sagen, wie lange ich wirklich daran gearbeitet habe. Ich musste auch die gesamte Tour selbst organisieren. Es war schrecklich, aber immer wenn ich daran war nicht mehr weiter zu kommen, dachte es ganz von selbst in mir »ich zieh??? das jetzt durch, ich muss auf die Bühne«. Das war meine einzige Motivation. Ich wollte einfach vor dem 40er einen Neuanfang machen, das war mein persönliches Ziel.

Damit beantwortet sich vermutlich auch die Frage, warum die Elfi Aichinger solange weg war. Bist du jetzt definitiv wieder da?

Ja, das hoffe ich sehr. Ich möchte unbedingt viel singen, mit dieser Band oft auftreten, ich hoffe wir können bald auf Festivals spielen. Wir planen eine CD, aber ich möchte das Projekt ausreifen lassen. In Wien war jemand von einem wichtigen Label dabei, er war völlig begeistert. Ich werde sehen wie das weitergeht, wie erfolgreich etwas wird kann man leider nicht selbst bestimmen. Wir wissen alle, dass es nichts mit Qualität zu tun hat, ob ein Projekt läuft oder nicht.

Elfi goes electronic – Ein Crossover von Stilen und eine Offenheit für die neue elektronische Einfachheit von MusikerInnen wie Björk prägen das aktuelle Programm.

Du schreibst, die Musik von Björk und Massive Attack hätte dich sehr inspiriert. In wie weit wolltest du mit deinem neuen Programm an frühere Kompositionen anknüpfen und wie hast du neue Eindrücke verarbeitet?

Was meine Kompositionen betrifft bin ich viel einfacher geworden. Ich habe dieses mal sehr viel Wert auf die Texte der einzelnen Stücke gelegt. Früher habe ich mehr improvisiert, der Text war mir nicht so wichtig. In diesem Projekt macht es mir großen Spaß, einfach nur auf der Bühne zu stehen und zu singen im Gegensatz zu früher, als ich immer auch Klavier gespielt habe. Es ist auch mit diesen Musikern so harmonisch, dass man über vieles gar nicht zu reden braucht. Wolfgang Puschnig brauche ich nichts erklären, zwischen uns stimmt es einfach. Er hat jede Melodie von mir auf Anhieb verstanden. Um Stile oder um das was gerade »in« war habe ich mir nie Kopfzerbrechen gemacht. Ich habe einfach getan, was ich gespürt habe, ich wollte noch nie irgendwelchen Strömungen gerecht werden. Dass man aber in meiner Musik hört, was mir gefällt, ist klar.

Der Kontext, in dem du jetzt als Sängerin agierst, hat sich im Vergleich zu früher gravierend geändert. Es war spannend zu hören wie du deine Stimme gleichsam in verschiedene elektronische oder akustische Environments eingebracht hast.

Das möchte ich noch mehr tun. In den letzten Jahren habe ich mich sehr intensiv mit verschiedenen Methoden im Gesang beschäftigt und habe komplett neue Wege entdeckt mit meiner Stimme umzugehen. Nach meinem Konzert kamen einige StudentInnen zu mir und sagten, es erinnere sie ein wenig an Björk und Alanis Morissette, worauf einige, die mich auch von früher kannten gleich meinten, das dürfe man doch nicht sagen. Für mich aber war es ein großes Kompliment.

Es war sicher kein Zufall, dass du mit Martin Siewert und Dieter Kolbeck, die beide Verbindungen zur Wiener Elektronikszene haben, gearbeitet hast. Was hat dich dazu bewogen, dich mehr mit dieser Stilrichtung auseinander zu setzen?

Ich habe mich nie als Jazzmusikerin gefühlt. Von der Klassik kommend erschien mir Jazz damals aber als die einzige Alternative. Mit einer Stimme die klassisch klingt und nicht klassisch singen will, was blieb mir da anderes übrig als meine eigene Musik zu schreiben? Ich stehe total auf Björk, finde sie phänomenal. Wäre mein Leben anders verlaufen, würde ich vielleicht nur Pop machen.

Ich habe mich stilistisch sehr von meinen früheren Kollegen weg entwickelt, woran Stephan Maass, mein Mann, maßgeblich beteiligt ist. Als einer der begehrtesten Perkussionisten im Land hört er die Musik natürlich auch der Grooves wegen. Er entdeckt immer die hippsten Sachen. Jetzt gibt es tolle Aufnahmen von Neuer Musik, die mit Grooves versehen sind. Mich langweilt diese sogenannte Neue Musik ja eher, wenn es aber »fährt«, dann bin ich inspiriert.

Es ist eine ewige Suche nach guten Ideen und ich glaube, dass mir mit dieser Band ein guter Anfang geglückt ist, den ich gerne fortsetzen möchte. Ich wollte dieses mal mit Leuten spielen, mit denen ich noch nie an einem meiner Projekte gearbeitet habe. Martin Siewert macht sonst hauptsächlich Elektronik, ich wollte das aber anders und ich glaube, es hat ihm auch Spaß gemacht, wieder Gitarre zu spielen und beides einzusetzen. Ich würde auch gerne einmal mit ihm im Duo spielen.

Würdest du sagen, dass du den Musikern jetzt mehr Raum innerhalb der Stücke gibst?

Vielleicht einen anderen Raum. Die Stücke sind großteils komponiert. Ich schreibe ja noch alles aus dem Kopf, ich muss mich erst auf Computer umstellen. Die Musik ist auch nicht extrem schwer zu spielen. In meiner Musik kommen viele ungerade Grooves vor. Bei mir kommt das einfach so heraus, für mich ist der Viervierteltakt schwieriger als ungerade Grooves. Melodien zu finden ist für eine/n KomponistIn immer das Schwierigste. Ich bin auch auf so manche harmonische Wendung stolz, denn ich habe sehr hart an dem ganzen Programm gearbeitet und noch nie vorher so viel verworfen und tue es noch weiter.

Du hast auch über dich gesagt, dass du jetzt anders auf die Bühne gehst als früher.

Ich habe mich noch nie so entspannt gefühlt wie mit dieser Band. Ich werde im November 40, wenn ich in diesem Alter nicht auftreten kann, um selbst was zu erleben und zu lernen… Natürlich gebe ich alles, aber ich habe keine Angst. Ich habe nicht das Gefühl, etwas unter Beweis stellen zu müssen.

Anders als anno 1990, als du eine europaweite Solo-Tournee gemacht hast?

Soloprojekte sind sehr kraftaufreibend und einsam, wenn man nicht den Luxus einer Tour-Crew hat. Letzten Endes kommt man um ein Management nicht herum.

Ein denkwürdiges Ereignis ist es für Elfi Aichinger, wenn die Kraft der Musik das Publikum berührt und zum Teil eines Ganzen werden lässt

Du hast ein recht breites Spektrum von Interessen und reflektierst das auch in diesem Projekt. Es hat den Anschein einer Bestandsaufnahme dessen, was elektronische und zeitgenössische Musik heute sind. Man kann ein wenig Elektro heraushören, Drum & Bass, auch Tom Waits klingt mit. Wie bewusst hast du das choreographiert?

An Tom Waits habe ich nie gedacht. Dass ich moderne Grooves einsetze, lässt sich auf meinen Mann zurückführen. Ich schrieb vor einigen Jahren eine Produktion für die Wiener Festwochen: »Zum Sterben bin ich viel zu jung«, ein Requiem für die deutsche Grüne Petra Kelly und ihren General Gert Bastian.
Damals ging der Doppelselbstmord dieser zwei populären Persönlichkeiten durch die Presse. Ich wollte nachvollziehen, wie zwei Menschen derart präsent und gleichzeitig so alleine sein können, dass man ihren Tod erst nach 18 Tagen entdeckt. Durch diese Produktion integrierte ich den theatralischen Aspekt in meine Arbeit.

Ich möchte den dramaturgischen Ablauf eines Abends gestalten, das Publikum soll das Gefühl haben, etwas Umfassendes zu erleben. Oft weiß ich selbst bis zur letzten Sekunde nicht, wie das funktionieren soll, aber plötzlich passiert dann etwas wo man weiß, das ist es.
Bei so einem Abend muss man so lange alle Fäden ziehen, bis es stimmt. Es geht um ein generelles Gefühl für Struktur. Wenn ich ein Bild ansehe, erkenne ich seine Struktur, Zufälligkeit hat auch Struktur. Ich schaue immer, woher eine Idee kommt und wohin sie verläuft. Musiktheater ist zweifellos das, was mich am allermeisten interessiert.

Gibt es Pläne?

Es gibt eine Idee, aber die stiehlt ja sofort jemand, wenn ihr die schreibt…(lacht)

Wieviel darfst du verraten?

…nein, ich kann den Titel nicht verraten, sonst ist er weg. Es ist auf jeden Fall ein völlig unbekanntes Stück von Michael Ende. Mehr kann ich nicht sagen, nachdem ich weiß, was gestohlen wird.

Du hast beim Organisieren dieser Tour plötzliche Absagen erhalten. War es im Vergleich zu früher schwieriger, adäquate Auftrittsmöglichkeiten zu finden?

Es ist überhaupt kein Vergleich mit früher. Ich bekam ja auch keinen Schilling an Förderung. Aufgrund der Kürzungen im Kulturbereich gerieten viele Veranstalter in eine schwierige Lage.
Früher, als ich in New York war, bin ich von Köln angerufen worden. Ich hatte eine 12-köpfige Band, Ames, sie engagierten sie und jeder bekam 5000 Schilling. Damals habe ich für ein einziges Konzert ein völlig neues Programm komponiert. Ich habe früher das Programm viel zu oft gewechselt, aber man sammelt dadurch enorm Erfahrung.
Ich schreibe jetzt sicher weniger als so manche meiner Kollegen und es tut mir gut. Entwickeln kann man sich nicht, wenn man einen Auftrag nach dem anderen annimmt. Man muss Musik hören um sich weiter zu entwickeln. Ich kann inzwischen schnell schreiben, aber um etwas Persönlicheres zu entfalten, muss man auch passiv sein.

Neue Trends und ihr Platz innerhalb des Jazz – haben Jazzmusiker zu wenig Respekt vor der DJ-Culture?

Hast du das Gefühl, dass da bei einigen Zeitgenossen ein Stillstand eingetreten sein könnte?

Ich maße mir kein Urteil an, meine aber, dass es wenig Sinn hat, mit Trends zu werben ohne sich neu zu orientieren. Wenn ich mit einem bestimmten Genre liebäugle, muss ich einmal gründlich hinein hören. Es muss wo in mir vorhanden sein.
Wenn ich einen Namen wie Techno für ein Programm verwende, muss dieses Genre auch würdig vertreten sein. So einfach geht das aber nicht.
Die Typen haben eine Palette von Platten, wissen genau, wann sie welche Stelle einsetzen. Das zu übergehen erscheint mir fast etwas respektlos. Will ich als Jazzmusiker, auch als sehr bekannter Jazzmusiker, Popmusik spielen, muss ich das mit Musikern tun die eine Ahnung haben, wie man das richtig macht. Ich habe Popmusik schätzen gelernt.

Wenn auf diesem Sektor Neuerungen passieren, dann sind das wahre Revolutionen. Die finden meiner Meinung nach nicht in der Neuen Musik oder im Jazz statt. Die neuen Popströmungen beschäftigten mich und fließen wahrscheinlich in meine Musik mit ein. Aber ich könnte z. B. niemals ein reines Drum ’n??? Bass-Projekt machen, weil ich das einfach nicht bin. Ich kann mir jemanden aus der Szene holen und fragen, ob sie Lust haben mit mir zu arbeiten. Wenn wir uns finden, wunderbar.

Hattest du ursprünglich geplant, mit programmierten Loops zu arbeiten?

Jeder arbeitet heute ja schon mit einem DJ oder mit Loops, aber es kommt darauf an, wie ich das einsetze. Wir hatten bei Memorable Incident fast keine Loops dabei. Ich habe mir das gut überlegt, aber Stephan gab mir zu bedenken, wie starr alles wird, wenn so ein Pattern mitläuft. Ich bin immer bereit, Sachen auszuprobieren: .z. B. möchte ich den Keyboardpart variabel besetzten, jeweils für eine Konzertserie.
Wolfgang Mitterer werde ich sicher mal fragen, Vladislav Sentecki, aber auch Brandon Ross, der gerne spielen würde.
Das wäre super für Festivals, ist für dieses Jahr aber nicht mehr aktuell. Ich habe früher so viel gespielt und kenne die landläufigen Festivals bereits, sodass es für mich keine Rolle spielt, ob es ein Jahr früher oder später passiert.
Ich habe inzwischen einen längeren Atem bekommen. Es ist nicht so leicht mit den Veranstaltern, da herrscht ein rauhes Klima. Was ich aber sicher zu meiner Person dazu sagen muss – ich bin, denke ich, recht offen und viele Leute haben möglicherweise Angst vor mir.

Woher kommt das, glaubst du?

Ich weiß es nicht. Vielleicht weil ich nicht dem typischen Klischee der Sängerin entspreche, die einfach Sängerin ist. Das trifft mich auch. Ich bin keine Verfechterin der Aussage, dass Frauen es immer schwerer haben. Es gibt Situationen, in denen es eine Frau tatsächlich leichter hat, auch ich.

Schlimm ist dieses typische Klischee der Sängerin im Jazz, diese Rückkehr zum Konservativen, zur Standard-Traditon, das finde ich schrecklich. Die Einstellung des Publikums dem Jazzgesang gegenüber ist leider darauf beschränkt, dass es für eine Sängerin genügt, eine etwas rauchige Stimme zu haben… das kann ich auch, ich rauche auch (lacht). Ich halte aber relativ wenig davon, wenn man einen Umfang von einer Oktave hat und das auch noch ausspielt. Es nervt mich, wenn man Mängel als Feature deklariert.

»Das Bild der Sängerin im Jazz beschäftigt mich.«

Spielst du damit auf Traditionalistinnen wie Diana Krall an?

Nein, die meine ich überhaupt nicht. Ich rede hier von Österreich. Diana Krall kann singen und Klavier spielen. Ich habe niemals Einwände, wenn jemand das wirklich kann, was er tut. Ich habe nur etwas dagegen, dass Frauen, wenn sie langhaarig sind und mit jedem ihr Achterl trinken, Gigs organisiert bekommen und hochtrabende Kritiken erhalten.
Ich habe es mir eine Zeit lang mit den Kritikern verdorben, das muss ich zugeben. Ich stehe halt auf Qualität. Es macht mir nichts, eine schlechte Kritik zu bekommen, die gut geschrieben ist. Für Ames habe ich einmal eine schlechte Kritik als Werbung verwendet. »Am Anfang war das Chaos« war der Titel. Da hieß es: »Diese Musik gehört in eine Betonhalle«. Das war hoch emotional und hat was ausgesagt.

Apropos Festivals – 1988 bist du sowohl in Saalfelden mit Jubilo Elf als auch in Wiesen mit Ames aufgetreten. Vor dir hat das noch nie jemand geschafft. Daher wird dieses Jahr auch als dein Durchbruchsjahr bezeichnet.

Ich empfinde das genauso. Ich war immer schon frech, aber damals hat es vielleicht begonnen, dass einige Leute nicht mehr so gut auf mich zu sprechen waren. Der Auftritt mit Jubilo Elf in Wiesen war extrem erfolgreich, wir waren auch die einzige österreichische Band, die dort auftrat.
Dass wir weiß waren und nicht einmal Englisch sprachen machte uns Backstage bei den Helfern zu Außenseitern.
Einer meinte als Empfang zu mir: »Was spielst du? Klarinette?« Schließlich haben sie unseren Act vorverlegt. Es war nicht angesagt und da habe ich mich etwas mit dem Veranstalter angelegt. Das war ziemlich mutig, ich wusste ja, ich muss da jetzt gleich raus auf die Bühne. Ich habe etwas gegen ungerechte Behandlung. Das ist auch der Grund dafür, warum ich mich oft mit Kritikern oder anderen Beteiligten streiten musste.

Auch für den Auftritt mit Ames in Saalfelden bekamen wir umwerfende Kritiken. Da müsste man annehmen, dass Angebote kommen – niemand rief an. Das ist in Österreich immer so. Man steht hier nicht auf die eigenen KünstlerInnen Was meinen Durchbruch betrifft – sicher, ich habe viel gespielt, habe auch selbst organisiert. Es gibt aber sehr wohl Mächtige in dieser Stadt und man muss in einer bestimmten Schiene drinnen sein, um Erfolg zu haben. Ich glaube, dass es für den Erfolg eines Künstlers nicht unwichtig ist, wie er zu den Leuten steht, die tatsächlich alle Fäden in der Hand haben. Ich habe mit einigen ein schwieriges Verhältnis.

Dann kam deine momentane Kuratorentätigkeit für das Porgy & Bess für viele sicher überraschend? Was hat dich dazu bewogen, die Reihe für Newcomer, die du in »The Spot Is On« umbenanntt hast, zu übernehmen?

Ich wollte diesen Job auch anfangs nicht übernehmen. Zeit ist bei mir sowieso Mangelware. Ich muss mir für viele Konzerte einen Babysitter organisieren und natürlich wieder unheimlich viel am Telefon hängen, und das alles ziemlich ehrenamtlich. Wir hatten ein Kuratorentreffen, bei dem mich alle dazu gedrängt haben, das zu machen, was mich natürlich auch gefreut hat. Ich wollte unbekannten jungen MusikerInnen hier helfen und eine Chance geben, in diesem wunderschönen Ambiente aufzutreten. Das beinhaltet auch ein gewisses Risiko. Nicht jedes Konzert ist ein Volltreffer, aber welcher Veranstalter organisiert schon nur Topacts?

»Ich möchte die Jungen fördern, sie sollen ausprobieren und ihre Musik finden. Man darf auch einmal auf einer Bühne scheitern.«

Es ist dir offensichtlich ein großes Anliegen, junge Musikschaffende zu fördern. Hängt das mit deinen Anfangserlebnissen zusammen?

Das hat mit meiner Lehrtätigkeit zu tun. Ich unterrichte mit Leib und Seele und kenne dadurch auch sehr viele Leute. Ich habe so viel mit Studenten gearbeitet, habe für mein Ensemble Konzerte aufgestellt usw. Diese Reihe »The Spot Is On« ist für Leute gedacht, die etwas Interessantes ausprobieren wollen. Nicht alle glänzen beim ersten Mal, aber es muss auch möglich sein, auf einer Bühne zu scheitern.

Was möchtest du durch den Unterricht an deine SchülerInnen weitergeben?

Man muss unbedingt alles tun, um in den Leuten das zu erwecken, was sie wirklich wollen. Man darf ihnen nie etwas aufdrücken, muss ihnen aber sehr wohl das Handwerk vermitteln. Gerade eine Sängerin muss Technik haben, über Intonation geht halt nichts. Wichtig ist sein Handwerk zu können und Persönlichkeit zu entwickeln. Was das Komponieren betrifft wird hier zu viel Handwerkszeug gelehrt, dadurch verkümmern die Ideen. Die Musik muss jeder für sich selbst finden.

Du bist aber keine Feindin der Tradition?

Wenn es für jemanden stimmig ist, überhaupt nicht. In 15 Jahren werde ich vielleicht selbst eine CD mit Standards aufnehmen. Mittlerweile traue ich mir das zu, ich entwickle mich nicht zuletzt auch durchs Unterrichten weiter.

Du hast dich in deinen Anfängen also genügend bestärkt gefühlt, deinen Weg zu gehen?

Solange ich nicht stark war, habe ich sehr darunter gelitten, dass viele die Verantwortung für mich übernehmen wollten. Einige wollten gerne als meine Förderer betrachtet werden und haben sich von mir abgewendet, als ich zunehmend selbstbewusster geworden bin.

Würdest du auch dieses Phänomen als österreichisches bezeichnen?

Das hat damit nichts zu tun. Früher war es meine Rolle, das Elend aller heraus zu schreien. Es ging mir damals auch sehr schlecht, ich hatte persönliches Elend. Der Impetus Musik zu machen war daher meine schwierige Existenz. Das Business in dem ich mich bewege ist nun mal ein absolutes Männer-Business.

Frauen werden als schöne Sängerinnen geduldet, man fühlt sich geschmeichelt, wenn man ihnen unter die Arme greifen kann. Ich habe nach Konzerten schon von Männern gehört, ich sei frauenfeindlich, ich staune immer wieder.
Das Bild der Frau in der Musik beschäftigt mich. Ich frage mich woran es liegt, dass es immer noch nicht akzeptiert werden kann, dass man Musikerin sein kann. Die anerkannte Variante ist die, überhaupt nicht mehr weiblich zu sein, was auf mich sicher nicht zutrifft. Ich bin ein körperlicher Typ und meine Stimme packen viele nicht. Das muss ich akzeptieren.

Das Bild der leidvollen, mit dem Selbstmord flirtenden Außenseiterin hat Elfi Aichinger längst abgelegt

In einem »Jazzlive«-Interview von ’88 äußerst du, dass du dich sehr stark auf Sylvia Plath, die englische Dichterin, die in jungen Jahren Selbstmord verübt hat, beziehst. Auch in deiner symphonischen Dichtung »Zum Sterben bin ich viel zu jung« setzen die beiden Akteure ihrem Leben ein Ende. Vielleicht hast du dadurch ein gewisses düsteres Bild von dir kreiert, ein Stereotyp, das von der Presse gerne reproduziert wurde?

Zwischen 25 und 30 habe ich mein Leid kund getan und ging auch mit so einer Einstellung auf die Bühne. Mein Leben hat sich inzwischen grundlegend geändert. Natürlich beschäftigen mich viele Dinge, die auf der Welt passieren, bewegen mich auch zu Tränen. Ich selber leide aber nicht mehr, mein Leiden ist vorbei.

Das hast du auch auf der Bühne formuliert, als du spontan mitten im Stück aussprachst: »I don’t bear any cross anymore«, was sich auf eine Textzeile bezog.

Es geht mir extrem gut. Ich kann Liebe leben, mit meinen Kindern zusammen sein. Ich merke was für ein Luxus es ist, Musik zu schreiben, singen zu können, meine Kinder anhören zu lassen was ich gemacht habe, während sie spazieren waren. Mein Glück hängt vor allem ganz intensiv mit meiner Beziehung zusammen.
Vorher erlebte ich ein einziges Leiden mit Männern die mich alle hochverehrt, sich aber nie zu mir gewagt haben. Es ist nicht so leicht mit einer starken Frau, und das bin ich, zusammen zu sein.

Da braucht es einen Mann, der in sich ruht. Es hat sich auch viel in mir verändert. Anfangs dachte ich mir: »Was habe ich jetzt zu sagen? Mir geht es so gut, habe ich überhaupt etwas zu sagen?« Daher habe ich für das aktuelle Programm auch andere Texte ausgewählt. Früher hatte ich als Frau Stress mit Musikern, sie sind nicht die offensten Menschen auf der Welt. Ich wollte alle aufmachen, heute lasse ich sie so offen oder verschlossen, wie sie sind. Ich wollte immer alle retten, das muss ich jetzt auch nicht mehr (lacht). Eine Bürde fällt …

Abgeklärt und erfahren?

Abgeklärt nicht, aber die Leute müssen sich selbst auf den Weg machen. Ich freue mich, für das anerkannt zu werden, was ich leiste. Es hat mich sehr gefreut, dass mein Konzert in Wien so gut besucht war. Ich war verblüfft, dass so viele da waren. Es war eine Woche vorher schon fast ausverkauft und das war wirklich schön für mich.

In welche Richtung gehen deine zukünftigen Pläne neben deiner Tätigkeit als Bandleaderin?

Ich will wieder schreiben, aber in nächster Zeit mehr als Sängerin tätig sein. Ich bin nächstes Jahr Artist In Residence bei »Musik Aktuell« in Niederösterreich. Ich hatte auch lange ein Projekt für die Linzer Klangwolke in Vorbereitung. Ich schrieb ein Konzept, sie wollten es schließlich um ein Jahr verschieben und jetzt um ein weiteres Jahr.
Ich möchte mich jetzt aber auf Anderes konzentrieren. Ich habe vor kurzem ein tolles Stück des holländischen Komponisten Louis Andriessen gesungen, »M Is For Men, Music and Mozart«.

Früher habe ich immer abgelehnt, wenn das Klangforum mir anbot zu singen, ich habe nur Sprechrollen angenommen. Jetzt macht es mir großen Spaß in diesem übergreifenden Bereich als Sängerin tätig sein und ich möchte mein Repertoire auch in diese Richtung erweitern. Es gibt da ja nicht so viele Stücke, ein Beispiel ist Carla Bleys »Escalator Over The Hill«. Es wird auch immer wieder an mich heran getragen, ich soll doch Brecht/Weill singen. Wir werden sehen, ob ich das versuche. Ich möchte vor allem als Sängerin viele neue Dinge ausprobieren.