Elektronische Texturen

Mit den Projekten F.R.U.I.T.S. und Benzo dringen Electronica, Noise und Techno made in Moskau in den Westen. Polaroids ziehen vorüber über die Melancholie von Kreissägensounds, das literarische Gemüt, audioethnografische Unvorhersehbarkeiten und Industrial im Land des ehedem staatlich verordneten Konstruktivismus.

»Ich kenne ein empfindsames Kind, das die Geräusche einer Straßenbahn, von Anfang bis Ende der Fahrt, imitieren kann.«
Luigi Russolo, 1916

Vielleicht nirgends anders ist man mit zwei so unterschiedlichen Realitäten konfrontiert wie in Russland: Der Moloch der Großstädte zehrt mit chaotischem Lärm an seinen Bewohnern, in der innerrussischen Weite lärmt nur das Blut im eigenen Gehör. Metropolen wie Petersburg oder Moskau sind Anhäufungen von elektromagnetischem Abfall. Er dringt aus jeder Ritze, die das große Erbe aus Konstruktivismus, Futurismus und gelebtem Sozialismus in der Wodka-getrübten post-Perestroika-Ernüchterung hinterlassen hat. Wenn nicht hier, wo sonst hätte es außerhalb des UK historisch, ideologisch und sozial Sinn gemacht, Industrialmusik zu machen? Die Achse »Enthusiasmus« (Vertov) – Art Brut – Industrial musste in Russland mittels Throbbing Gristle, SPK, Esplendor Geometrico und Sergei Koryokhin als omnipräsenten Blueprint praktisch re-importiert werden, wie Alexei Borisov zu bedenken gibt. Hatten Elaborate von Kafka, Solshenitzyn und Hugh Ferris nicht in einer Tasche Platz? Wenn Glasnost musikalisch etwas bewirkte, dann, dass man nun »Resistance«-Haltungen neu positionieren musste. Mit dem allgemeinen Erstarken neofaschistischer Gruppierungen fand sich immer wieder genug Reibfläche, indes der allgemeine »Anti«-Konsens als verbindende Klammer fiel weg.
»For me politics is like sports or theatre – it’s simply a way of masking the real decision-making processes from the majority of people«, schrieb Borisov in einem E-Mail-Interview mit Anton Nekkilä für einen The Wire-Artikel. »Perestroika löste den gemeinsamen Fokus auf. Dadurch wurde vieles auch einfacher. In Russland haben wir die Situation, dass Industrial- und Noisemusik an beiden Enden – in Japan und in Europa/ USA – stark rezipiert wird bzw. wurde. Man ist jetzt dabei, Netzwerke aufzubauen und natürlich ist da die Internet-Kommunikation sehr förderlich«, sagt er. 1960 in Moskau geboren, gehörte Alexei Borisov mit zu den Ersten, die sich in Russland mit experimenteller Elektronik beschäftigten. Mit seiner Electronica-Band Notschnoi Prospekt machte er seit 1985 mit Veröffentlichungen wie »Asbastos« (SNC; 1989) und vor allem als Gitarrist der ersten russischen Wave-Band Centre von sich reden. Er betreibt mit Anton Nikkilä das finnische Label N& B Research Digest und ist zusammen mit Pavel Jagun seit 1992 F.R.U.I.T.S., mit dem er auch auf dem heurigen »phonoTAKTIK«-Festival in Wien spielte. »F.R.U.I.T.S. vereinigt verschiedene Ansätze experimenteller Musik wie abstrakte Electronica, Stimmenverfremdungen und freie Improvisation. Das Gerüst bilden Industrial-Taktiken, die je nach Anforderung und Belieben modifiziert werden.« Die CD-R ist für ihn genau das richtige Produktions- und Distributionsmedium.
Richardas Norvila aka Benzo spielte ebenfalls auf der »phonoTAKTIK«. Er ist nicht nur Doktor der Philosophie, Norvila ist auch seit seinem 14. Lebensjahr Elektroniktüftler, der seit 1999 das »audioethnografische« Projekt Benzo hat. Daneben laufen Projekte wie Sa-Zna, Radius und diverse Theaterproduktionen. »Bei Benzo sind alle gespielten Synthesizer russisch. Sei repräsentieren die vielen russischen Ethnien. In der Regel sind fast alle erworbenen Benzo-Instrumente krank und deshalb muss ich die Therapiestrategien entwerfen. Da mein gelernter Beruf Psychotherapeut ist, kommt mir diese Art von Arbeit bekannt vor und macht viel Spass.« So konnte er Geräten wie dem DR.AN-101 oder einigen »Elektronika«-Synthesizern mit tatkräftiger Hilfe des Technikers Rafael Gafarov doch noch eine klangvolle Weiterexistenz bescheinigen. Für die Effektgeräte spielen Unikate eine wichtige Rolle: Digitale Delay-Maschinen speisen sich aus einem litauischen Lügendetektor. Als Samples werden nur russische Vinylscheiben verwendet. Je eigenrauschiger, desto besser. Das ist besonders bei den diversen Technoprojekten Norvilas relevant. »Ich nenne es Benzohouse«.

Klangsprache

F.R.U.I.T.S. ist Lärm, ist das ungeschönte Antlitz eines elektronischen Schrott-Titanten, ist »Der Sieg über die Sonne« in Musik, ist das ohrenbetäubende Rauschen der technologischen Großstadt. Solo als auch bei F.R.U.I.T.S. stehen enervierende Klangkaskaden im Vordergrund, die durch die Videos von Roman Anikushin und Aristarch Chernishev in ihrer eindringlichen Prägnanz noch verstärkt werden. F.R.U.I.T.S./ Borisov machen Musik mittels verdichteter Parameter aus dem Koordinatennetz des Old-School-Industrial. Mit der Live-CD »Before The Evrorement« (NBRD/ Avanto; 2002) lieferte Alexei Borisov sein wohl zuverlässigstes Statement bruitistisch-poetischer Klangdichtung als Solomusiker ab. »Wenn ich eine musikalische Idee habe und diese umsetzen will, brauche ich nicht unbedingt die neuesten Tools. Seit gut 20 Jahren arbeite ich an einer musikalischen Ausdrucksweise, die nicht auf eine spezielle Technologie ausgerichtet ist. Das hat auch damit zu tun, dass man in Russland erst seit Anfang der 90-er Jahre ein Bewusstsein für Industrialmusik entwickelte. Oder, ganz direkt: Not macht erfinderisch.«
Für das Benzo-Interview landen wir per Zufall im Hinterhof eines Altbau-Gebäudes am Wiener Gürtel. Es ist dämmrig, TV-Stimmen brüllen auf den Innenhof. Eine unaufgeräumte Baustelle, Schutt überall. Ein betrunkener Mann im weißen Unterhemd lässt uns lautstark wissen, dass wir ruhig sein sollen. »Das ist wie in Russland«, schmunzelt Norvila, zündet sich eine Zigarette an und meint: »Ich bin in Litauen aufgewachsen, aber, weißt du, weil das alles Dissidenten waren und Familie im Ausland hatten, kamen wir leicht an Platten aus dem Westen ran. Dann kopierten wir das Zeugs auf diese großen Tonbänder, Cassette-Culture gab’s Mitte der 80-er dort nicht.«

Die Stimme aus dem Inneren

In Russland gilt die Literatur als wichtigste Kunstform überhaupt. Sie ist bis in die letzten Fasern Teil der Kultur. Das Erzählen hat einen anderen Stellenwert, ist noch eher östlich geprägt. Man sitzt zusammen und erzählt sich Geschichten. Auch private. Dieser zyklische Redefluss schlägt sich in der metaphysischen Qualität der Musik nieder: »Der Synthesizer erzählt dir eine Geschichte, wenn du ihn lässt. Wenn du versucht, präzise zu sein beim Spielen, bekommst du Zustände, das geht einfach nicht. Das Live-Spielen ist immer eine Performance, weil der Synth immer das macht, was er will. Manchmal darf auch ich spielen«, meint Norvila leidgeprüft. Weil nicht immer die richtigen Bauteile da waren, musste man schon bei der Produktion improvisieren. Damit ist gewährleistet, dass es selten vorkommt, dass die Synths aus der selben Linie gleich klingen. Hier wurden mit ungewolltem Geschick lauter Einzeltypen hergestellt. Synthesizer waren damals billiger. Sie sollten ja auch für jeden aufrichtigen Arbeiter entlang der gesamten Transsibirischen Eisenbahnstrecke erschwinglich sein. Alexei Borisov beinahe nostalgisch: »Ich glaube nicht, dass das Überangebot an Möglichkeiten die Kreativität fördert. Aber wer weiß. My pen writes good. I don’t need more to write and I don’t have to change it.«
»Benzo kommt von Benzin. In Moskau haben die Autos keine Katalysatoren, und unsere Körper nehmen auf diese Weise an dem Prozess des Ölzerfallrecycling teil. Benzin ist ein Teil unseres Stoffwechsels geworden. Wenn der Groove von der Bewegung des Körpers eines Menschen abzuleiten ist, dann bilden die ein- und ausatmenden Einheiten die Basis für Shuffle und andersartige feine Verschiebungen von Rhythmusmustern, so scheint mir. Wir atmen Benzo ein, atmen weniger Benzo aus, immer dasselbe…«

Zukunft

Zu Wien haben Alexei Borisov und Richardas Norvila bereits gute Verbindungen: Das Debüt-Album »The Tapes« von Norvila wird auf Laton zusammen mit dem Redaktionsbüro erscheinen. Im Herbst bringen Subetage den Sampler »Ikra: Bitter Snacks from Moscow« und Laton »Nautik« mit Beiträgen von F.R.U.I.T.S. und Benzo heraus.
Heutzutage steht in fast jeder russischen Wohnung ein Computer, die Kisten sind billig. Jeder macht irgendwie Musik. Beständigkeit ist angesagt, um durchzukommen Richtung Westen, Richtung »echtem« Plattenvertrag und Konzertbusiness. Der Club »Dom« in Moskau wurde zu einer Brutstätte für die neue Improvisations-Szene. »Früher waren die meisten dieser Konzerte halb gratis. Trotzdem kamen fast immer nur Kollegen. Für so eine Musik hatten die Leute kein Geld. Mittlerweile kommen auch Studenten und solche, die es zufällig hierher verschlägt. Das ist eine gute Entwicklung«, stellt Norvila fest.

Service-Point:
N& B Research Digest: www.nbresearchdigest.com (Vertrieb über mdos/ Touch), Laton: www.laton.at, Subetage: www.sabotage.at, Exotica Rec.: www.exoticamusic.ru

Discografie (Auswahl):
F.R.U.I.T.S./ Sa-Zna: »Amber Rooms« (1998; Exotica), F.R.U.I.T.S./ Sa-Zna et al.: »Internat. International Waves« (Insofar Vopor Bulk; 1999), Alexei Borisov: PA Kötet (Insofar Vopor Bulk; 2000); V/A: Pilottilasit – Samples from Helsinki Underground 1981-1987 (NBRD; 2000); V/A: Geologists and Professional Tourists (NBRD; 2000), F.R.U.I.T.S.: Lakmus (Xerxes; 2001), F.R.U.I.T.S.: Jakuzi (Exotica; 2001), Norvila: Jerzy& Petrucho (Fono; 2002)

Dank an Richardas Norvila für seine Geduld beim Interview und an Antje Mayer vom Redaktionsbüro (www.redaktionsbuero.at) für Info-Support.