»Ryuichi Sakamoto: Coda« © SKMTDOC, LLC

Eine Ladung Film aus Japan, bittesehr!

Wer sich jenseits abgedroschener Klischees des aus europäischer Sicht oft obskur anmutenden Japans für die vielfältige Kultur und Gesellschaft interessiert, dem ist das Japannual vom 1.–7. Oktober 2018 mit seiner schön zusammengestellten Filmreihe zu empfehlen. Ein kurzer Eindruck.

Heuer findet in Wien zum zweiten Mal das Japannual, also die japanischen Filmtage in Zusammenarbeit des Filmcasinos Wien mit dem Filmhaus am Spittelberg statt. Neben einem Querschnitt aktueller japanischer Filme widmet man sich ebenso einer kleinen Retrospektive der Schauspielerin und Regisseurin Kinuyo Tanaka. Die Themen sind breit gefächert, doch einige Ideen finden sich immer wieder. So wird das Thema der Familie, des Zuhauses und der Umwelt wie deren Veränderungen in der heutigen Zeit auf unterschiedlichste Art und Weise angegangen. Hier im Portrait eines berühmten Künstlers, dort in einer realistischen Aufarbeitung einer Familienkonstellation oder auch als spannendes Drama mit Horror-/Thriller-Elementen.

Stephen Nomura Schible: »Ryuichi Sakamoto: Coda«
Der japanische Musiker, Komponist und Schauspieler Ryuichi Sakamoto ist vielen sicherlich bekannt durch seine Ohrwürmer, die er einigen Filmklassikern – allen voran wohl »Merry Christmas, Mr. Lawrence«, in dem er einen Kuss von David Bowie verpasst bekam – beisteuerte. Doch seine Karriere begann schon in den späten 1970ern, wo er mit seiner Band Yellow Magic Orchestra sozusagen den Synthpop miterfand. Während unzähliger Kollaborationen mit Musikern wie beispielsweise Alva Noto oder Christian Fennesz entwickelt er sein Spiel am Synthesizer immer weiter, lotet die Möglichkeiten des Instrumentes aus und macht sich weiter auf die Suche nach seinem perfekten Sound zwischen Ambient, Glitch, Stille und Fieldrecordings. In diesem oft meditativen Film von Stephen Nomura Schible wird Sakamotos Drang, Musik immer neu zu entdecken, neu zu erfinden, mit dem ernsten Interesse für Gesellschaft und Umwelt verbunden. Sakamotos Krebserkrankung und die Katastrophe von Fukushima werden in einer äußerst unaufdringlichen Art und Weise miteinander verbunden, und die Zuschauenden bekommen einen guten Eindruck davon, wie das Gefühl von Ohnmacht und Vergänglichkeit den Workaholic Sakamoto in seiner Arbeit als Künstler und Aktivist beeinflusst. Es ist das Portrait eines Avantgarde-Künstlers, das zwar nicht mit vielen Informationen aufwartet, Fans jedoch ein authentisches, persönliches Bild seines Schaffens vermittelt.

»Dear Etranger« © YouTube

Yukiko Mishima: »Dear Etranger«
Dieser einfühlsam und rührend erzählte Film von Yukiko Mishima zeigt die Geschichte, in deren Mittelpunkt der überforderte Familienvater Makoto Tanaka steht. Nicht nur verliert er seinen gutdotierten Job, nun ist seine Frau auch noch schwanger. Das wäre alles nicht besonders interessant, wenn er nicht aus erster Ehe bereits ein Kind hätte, das er auch ab und an zu sehen bekommt, und sich gleichzeitig als Vater der beiden Kinder seiner neuen Frau sähe. Und das wäre noch nicht sonderlich erwähnenswert, wenn sich seine Tochter aus zweiter Ehe nicht plötzlich gegen ihn stellen und seine echte Liebe zu ihr anzweifeln würde, während der »neue Vater« seiner leiblichen Tochter an Krebs erkrankt und diese Zuflucht bei ihrem leiblichen Vater sucht. Was diese Erzählung so schön macht, ist ein ehrlicher, ungeschönter Fokus auf die Stellung eines modernen Mannes im Wandel der Gesellschaft, ohne im Geringsten die Arbeit der sich aufopfernden Frau zu ignorieren. Wenn die Auseinandersetzungen eskalieren, schäumt immer wieder die tief patriarchale Suppe auf, deren Opfer nicht nur die Frauen sind, sondern ebenso die Männer, deren Schwäche, zu kommunizieren und echte Gefühle zu zeigen, sie in Gewalt und Selbstzerstörung treiben. Die sich im Zeitalter von Patchwork-Familien auflösenden, »klassischen« Familienstrukturen werfen Fragen auf, von denen einige hier beantwortet werden. Am Ende gibt es Antworten, so viel sei gesagt. Dass diese durchaus nicht ideologiefrei und problematisch sind, ist nicht zu ignorieren. Doch Mishima gelingt ein äußerst eindrucksvolles, schonungsloses Portrait einer modernen Familie im Auflösungs- und Wiederfindungsprozess.

»Our House« Still © Tokyo University of Arts

Yui Kiyohara: »Our House«
In ihrem Debut »Our House« spielt Kiyohara mit der Macht des Mysteriums, des Unbekannten, welches anzieht und unser Interesse weckt. Hauptprotagonist des Films: ein kleines, zweistöckiges Häuschen, in welchem sich seltsame Dinge abspielen. Da ist einmal eine alleinerziehende Mutter mit einem Kind, also wieder eine »moderne Familie«, und auf der anderen Seite eine junge Frau, die allein lebt und einer fremden Frau Unterschlupf bietet, welche vorgibt, ihr Gedächtnis verloren zu haben. Interessant: Die Stories beider Frauenpaare finden im selben/gleichen Haus statt, diese wissen jedoch nichts voneinander. Bzw. noch nicht. Denn im Laufe des Films geschehen seltsame Dinge, scheinen die beiden Welten miteinander zu kommunizieren: neue Vasen tauchen auf, Löcher in den Papierwänden oder unbekannte Stimmen erklingen. Wie sind die beiden Protagonistinnen miteinander verbunden? Besteht ein Zusammenhang mit dem Mädchen und der alleine lebenden jungen Frau? Kiyohara, ehemalige Schülerin von Kiyoshi Kurosawa, dessen Psycho-Horror-Thriller durchaus Eindruck hinterlassen haben, verquickt hier Realismus mit kleinen Elementen von Fantasy, wie man es beispielsweise von Haruki Murakamis Literatur kennt. Einem technisierten, scheinbar von sämtlicher Magie freiem Leben wird eine Unbekannte hinzugefügt, die dem Handeln des Individuums eine ihm unbeherrschbare, jenseits unserer Macht stehende Komponente entgegenstellt. Das ist hier eine Parallelwelt, die gleichzeitig auf die Vergangenheit und Fantasie des Kindes anspielt, als auch vom Erwachsenwerden spricht. Auf der einen Seite haben wir es hier also mit einem Coming-of-Age-Film zu tun, andererseits wird mit dem Rekurs auf »Geister«, die das Kind im Haus spuken hört, auch eine Interaktion mit der Vergangenheit und der Gegenwart in einer immer mehr isolierten Gesellschaft geschaffen, in der sich alte Strukturen auflösen und die Welt als Ganze nicht mehr verständlich ist, kein Gefühl von Sicherheit mehr gibt. Die Verseuchung des Wassers durch Strahlung wird auch in diesem Film angedeutet, als eine der Protagonistinnen einen seltsamen Brief erhält, in dem es um ominöse Wasserwerte geht. Man erinnert sich an die ersten Tage nach der Katastrophe in Fukushima, als Mitarbeiter*innen der Betreiberfirma Tepco versuchten, die Umstände der Katastrophe zu verschleiern. Noch heute ist das Misstrauen in der japanischen Gesellschaft groß, und die Verseuchung ist zum alltäglichen Thema geworden. »Our House« ist ein schöner Film, der, ähnlich dem Klassiker »Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb« (1984), das Haus in den Mittelpunkt des Geschehens stellt und eine – gewollt oder ungewollt – psychoanalytisch interessante Betrachtung von Familie, Entwicklung und Zusammenleben schafft.