Mariah Carey © Sony Music

Die Stimmakrobatin als formidable Songschreiberin

Die Musik von Mariah Carey wird gerne belächelt und zudem für Jahrzehnte voller Power-Balladen verantwortlich gemacht, die noch dazu von meist mindertalentierten Stimmartist*innen vorgetragen wurden und werden. Ihr neues Album beweist jedoch, dass Carey ihren Epigonen meilenweit voraus ist.

Mariah Carey muss sich nun wirklich nichts mehr beweisen. Sie hat unfassbar viele Platten verkauft, Lebenskrisen durchgemacht und Karriereflops wie den Soundtrack zu »Glitter« verkraftet. Ihr Einfluss auf Vokalakrobat*innen aller Art und jedweden Alters im Pop- und R&B-Segment ist außerdem unermesslich. Es wäre also nur legitim, Carey in ihrer historischen Bedeutung abzuhandeln und somit auch gleich in der Gegenwart ad acta zu legen. Denn ähnlich wie Britney Spears, die mit »Blackout« im Jahr 2007 ein weitgehend unterschätztes Popmeisterwerk auf den Markt geworfen hat, ist sie aus rein kommerzieller Perspektive nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Ihre treue Fanbase katapultiert die Carey-Alben zwar immer wieder in höhere Charts-Regionen, zum Topseller, der wochenlang die Charts anführt, reicht es aber schon lange nicht mehr, schon gar nicht auf Single-Ebene.

Abseits der Verkaufszahlen
In diese deutlich heruntergeschraubten Verkaufserwartungshaltungen platzt nun ihr erstes Album seit 2014, schlicht »Caution« betitelt. Mariah Carey gehe es wieder gut, so hört man. Sie sehe auch wieder fast so aus wie früher, habe deutlich abgenommen. Auch wird im Moment schon spekuliert, ob das Album zumindest wieder ein klein wenig an alte Verkaufszahlen anschließen könne. Oberflächliches Gebrabbel und Geschreibsel halt, wie es im Umfeld jeder Popdiva existiert. Die damit einhergehenden Schlagzeilen seien ihr gegönnt. Aufmerksamkeit ist der Antriebsmotor im Bereich des Hochkommerzes. Das alles könnte man, sofern man sich für Gossip interessiert, auch tatsächlich lesen und sich dabei auf recht niedrigem Niveau unterhalten fühlen. Man würde mit dieser Fokussierung aber auch das verpassen, was eigentlich bemerkenswert ist: Das Album selbst. Denn es ist gut. Sehr gut sogar.

In vielerlei Hinsicht ist »Caution« nämlich, sofern es das überhaupt gibt, nicht das typische Mariah-Carey-Album der letzten zehn Jahre. Nicht nur hatte sich bei diesen zum Teil bleierne Routine eingeschlichen, sondern auch einiges an Füllmaterial. »Caution« ist da ganz anders. Mit unter 40 Minuten ist die Platte erstaunlich kurz, die Songs sind messerscharf und spielen meisterhaft aus, was Carey am besten kann. So finden sich darauf etwa liebestrunkene Balladen wie »With You«, die raffiniert genug sind, um nicht in Popbelanglosigkeit abzudriften. In dem Rausschmeißer, dem selbstoffenbarenden Song »Portrait«, ist sie darüber hinaus dankenswerterweise bereit, ihr Herz auszuschütten. Wer ein ebensolches besitzt und Popmusik nicht generell verteufelt, der wird zumindest in unbeobachteten Momenten angesichts dieser Tragik zumindest ein Tränchen vergießen.

Zurückhaltung und großer Effekt
Dazwischen gibt die gute Mariah die Chanteuse, die mittlerweile deutlich sparsamer mit ihrer Stimmgewalt umgeht. Sie wirkt weniger bemüht, deutlich weniger akrobatisch und dabei zugleich selbstsicherer. Wenn sie in niedrigere Tonlagen geht, dann scheint sie zu wissen, dass das bei den meisten Rezipienten mit einem erotischen Subtext ankommt. Bewusst und inszeniert-gewollt sexy kommt es aber niemals rüber. Gründe dafür, warum das Album so hervorragend funktioniert, sind wohl auch in der Ausbalancierung von Nostalgie und Gegenwart zu suchen. Immer wieder zitiert die Platte 1990er-Sounds und ist doch, sowohl was Beats als auch Produktion betrifft, absolut in der Gegenwart verwurzelt und auf der Höhe der Zeit. Dass sich Carey auf »Caution« sogar den angesagten Produzenten und Musiker Blood Orange ins Boot holt und damit die Dichotomie zwischen vermeintlichem Kommerz und vermeintlichem Underground kollabieren lässt, ist angesichts der Qualität des Albums fast nur noch eine Randnotiz wert.

Keine Randnotiz ist aber eigentlich die Tatsache, dass Carey nicht nur das Poppüppchen ist, wie es sonst so oft in diesem Musikbereich auf die Bühne gestellt wird. Carey hat jeden Song auf diesem Album selbst- oder zumindest mitgeschrieben. Ihre Songwriter-Fähigkeiten sind überaus beachtlich, die Songs zielen nicht darauf ab, auf Biegen und Brechen Hits sein zu wollen, sondern auf Substanz und tolle Melodien. Ein Popalbum wie aus dem Bilderbuch.

Mariah Carey – »Caution« (Smi Epc/Sony Music)